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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 11.08.2010

Intellektuellendämmerung

Anmerkungen zur "Generation Freiwillige Selbstkontrolle"

Von Frank Lisson

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Vorgezeigt wird nur, wer ins Format passt.  (AP Archiv)
Vorgezeigt wird nur, wer ins Format passt. (AP Archiv)

Als Schüler hatte ich einmal einen Sportlehrer, der sich gern an den Mannschaftsspielen beteiligte. Da er zugleich Schiedsrichter war, erlaubte er sich oft den Spaß, das Spiel so lange laufenzulassen, bis seine Mannschaft vorne lag. Dann pfiff er ab.

Tatsächlich herrscht seit ein paar Jahrzehnten auch im Politik- und Kulturbetrieb die gleiche Situation: Wer gewinnen will, muss zur Mannschaft des "Lehrers" gehören. Folglich ist, seitdem echtes Abweichen automatisch Verlieren bedeutet, die Aufstellung einer Gegenmannschaft nahezu sinnlos geworden. Und deshalb wird auch nur noch auf ein Tor gespielt. In der Politik heißt das: inhaltliche Angleichung der Staatsparteien sowie die Ausbreitung einer Posten sichernden Abnickmentalität. Wer da nicht mitmachen will, wird irgendwann das Spielfeld frustriert verlassen. Übrig bleiben die Konformen und Gerissenen, die nichts riskieren, sondern einfach nur gewinnen wollen.

Im geistig-kulturellen Bereich sind die Folgen nicht weniger evident. Sie haben zu der beschämenden wie kaum beachteten Tatsache geführt, dass die Generation der heute um die 40-Jährigen keinen einzigen wirklich herausragenden und zugleich sichtbaren Intellektuellen hervorgebracht hat. Denn von den Leitmedien wahrgenommen und vorgezeigt wird eben nur, wer ins Format passt. Und das sind typologisch immer dieselben: nicht zufällig fast durchweg in der Wolle gefärbte Kinder ihrer 68er-Erzieher; entweder aus gutem kommunistischen Hause oder unter bester sozialdemokratischer Obhut aufgewachsen. Jedenfalls ist keiner von ihnen je durch einen unzeitgemäßen, wirklich mutigen Gedanken aufgefallen, der ihnen hätte schaden können, weil er gegen die "Lehrer" gerichtet wäre. Zu sehr haben sie die Gewissheiten eines Milieus verinnerlicht, das den beachtlichen Pluralismus an Denkrichtungen der 1920er oder 50er-Jahre auf ein Minimum zusammenschrumpfte.

Wir stellen die erste Generation seit 250 Jahren, die geistesgeschichtlich unbedeutend bleiben dürfte, weil sie sich nie von der Nabelschnur ihrer Eltern gelöst hat. Das ist mehr als traurig angesichts der langen Tradition brillanter Köpfe, die mit 40 längst ein klares, markant-eigenwilliges Profil aufwiesen. Der ehemalige Reichtum intellektueller Verschiedenheit auf höchstem Niveau wirkt im Schatten hiesiger Verhältnisse geradezu surreal. Einst traten im freien Spiel der Kräfte ein Theodor W. Adorno gegen einen Arnold Gehlen an, ein Martin Heidegger gegen einen Ernst Cassirer, ein Thomas Mann gegen einen Heinrich Mann. Heute spielt in der kulturellen wie in der politischen Klasse nur noch eine Mannschaft, und die Bedingung zum Mitspielen lautet: "freiwillige Selbstkontrolle".

Liegt das aber nun wirklich allein daran, dass die alten 68er Kader in den Chefetagen keinen anderen nachrücken lassen, weil sie ihre erkämpften Privilegien, Subventionen und Deutungshoheiten bis zum Schluss genießen wollen? Oder ist nicht auch eine generelle geistige Ermüdung, und zwar in ganz Westeuropa, zu beobachten, die aus der Erkenntnis resultiert, dass im 21. Jahrhundert denkend sowieso nichts mehr entschieden wird, weshalb der Intellektuelle insgesamt an Bedeutung verloren hat? Das erklärte zumindest die Entstehung so geistesfeindlicher Einrichtungen wie der Bologna-Universität, in der das Humboldtsche Wissenschaftsideal einer "Bildung zur freien Individualität" endgültig dem Pragmatismus geopfert wird.

Die Generation der heute 40-Jährigen hat es versäumt, sich den Eros des Denkens und die Lust am Eigensinn zu bewahren. Wir stehen vor der Wahl: Mitspielen oder Draußenbleiben. Die meisten von uns haben nie etwas anderes kennengelernt als das eindimensionale Denken eines auf wenige Anschauungen reduzierten Zeitgeistes. Wie sollten sie da nicht, und zwar von vornherein, zur Mannschaft der "Lehrer" gehören?


Frank Lisson (privat)Frank Lisson (privat) Frank Lisson, philosophischer Schriftsteller, Jahrgang 1970, Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie in Würzburg und München, schreibt Romane, Features, Hörspiele und Sachbücher mit dem Schwerpunkt Kulturphilosophie. Letzte Veröffentlichung: "Homo absolutus. Nach den Kulturen". Im Herbst 2010 erscheint: "Der kulturelle Selbsthass. Versuch zum Verständnis abendländischer Befindlichkeiten".

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