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Lesart / Archiv | Beitrag vom 29.04.2019

Intellektuelle im spanischen Wahlkampf"Das war nicht das übliche linke Gutmenschentum"

Paul Ingendaay im Gespräch mit Joachim Scholl

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Aufruf der Intellektuellen vor der Wahl: Die Schriftstellerin Almudena Grandes liest am 26. April 2019 im Circulo de Bellas Artes in Madrid das Manifest der spanischen Intellektuellen vor. (picture alliance / Juan Carlos Lucas/NurPhoto)
Die Schriftstellerin Almudena Grandes liest am 26. April 2019 im Circulo de Bellas Artes in Madrid das Manifest der spanischen Intellektuellen vor. (picture alliance / Juan Carlos Lucas/NurPhoto)

Für Minderheiten, Soziales und Kultur: Spaniens Künstler und Intellektuelle haben vor der Parlamentswahl in einer breiten Allianz zur Wahl aufgerufen. Das sei für ihn "ergreifend" gewesen, sagt der Autor Paul Ingendaay.

Joachim Scholl: Die Wahlen in Spanien sind vorüber, die Partei des amtierenden Präsidenten hat die meisten Stimmen, aber die Mehrheitsverhältnisse sind kompliziert. Die Ultrarechten werden zukünftig im spanischen Parlament vertreten sein. Wir haben natürlich ausführlich darüber berichtet hier im Deutschlandfunk Kultur. Diese Wahl wurde in Spanien aber auch von einer starken intellektuellen Diskussion begleitet. Wir wollen uns diese Positionen von Schriftstellern einmal anschauen mit Paul Ingendaay, dem Kritiker, Schriftsteller und langjährigen Kulturkorrespondenten der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Wir erreichen ihn in Madrid. Guten Morgen!

Paul Ingendaay: Guten Morgen, Herr Scholl!

Scholl: Wie haben die spanischen Schriftsteller, die Intellektuellen diese Wahl kommentiert, reflektiert? Welche Stimmen gab es da zu hören?

Ingendaay: Also das ist interessant, weil ich habe noch nie, bei keiner einzigen Wahl einen solchen kollektiven Aufruf kurz vor der Wahl erlebt, dass man wählen gehen solle. Das war interessant, weil sogar gefordert wurde, wählen zu gehen und auch dem, dessen Meinung man nicht teilt, sozusagen Raum zu geben. Diese Demokratie sei eine, die man fördern müsse und zwar ganz im Gegensatz – und daran haben die Schriftsteller alle auf den schrecklichen Ton der Wahlkampagnen reagiert –, um diese Hasstiraden niederzuhalten und etwas anderes an die Stelle zu setzen.

Scholl: Das heißt also, der befürchtete und nun auch eingetretene Wahlerfolg der Ultrarechten hat viele Schriftsteller alarmiert.

Ingendaay: Ja, auf jeden Fall. Aber das Alarmierende war neben dem Aufkommen der Rechten von Vox, was also vorher bis vor einem Jahr ja, vor weniger als einem Jahr überhaupt nicht da war, das Schlimmere war eigentlich in den Augen vieler Autoren und Autorinnen, dass die anderen Parteien, eher die konservativen Parteien, sich haben anstecken lassen von diesen Diskursen und haben einfach im Grunde mitgezogen, um deren Wähler zu kriegen oder um sogar zu paktieren. Das heißt, es war die Gefahr eines Dreirechtsbündnisses, zu denen Vox gehören würde. Das war eine ganz realistische Option, und es war alles sehr eng. Insofern haben sozusagen die Autoren großenteils zusammengestanden und aus verschiedenen Richtungen eigentlich argumentiert. Geht wählen, damit die Optionen mehr werden und vor allem auch, damit die Mitte gewinnt.

Aufruf der Künstler, auf die Minderheiten zu achten

Scholl: Es wurde auch ein Manifest verabschiedet in den Tagen vor der Wahl. Was war das für ein Tenor, dieses Manifest?

Ingendaay: Das war interessant, weil ich hatte bei manchen Künstlern, Schriftstellerinnen, Filmemachern und so weiter, Tänzerinnen, gar nicht mehr gewusst, dass die überhaupt noch so aktiv sind. Das war ein großes Kollektiv, ein voller Theatersaal, es wurde ein Manifest verlesen. Das hat mir gut gefallen. Das war nicht das übliche linke Gutmenschentum. Es war wirklich ein Aufruf, auf die Minderheiten zu achten, an die Armut zu denken, an die Sozialthemen, an die Kultur vor allem, die nämlich im Wahlkampf überhaupt nicht vorkam. Insofern war das wirklich ein Akt der, sage ich mal: 'Wir sind hier, wir wollen zeigen, worauf wir achten, und wir reden von anderen Dingen, als wir gerade in den Fernsehdebatten gesehen haben.'

Die Fernsehdebatten waren auch eine Zumutung, die beiden, die wir in der Woche vor den Wahlen gesehen haben. Also insofern war das interessant, weil auch, ich sage mal, Pedro Almodóvar, der hat unterschrieben, Miguel Ríoz, der Musiker, den wir ja in Deutschland vor 45 Jahren gehört haben. Also viele Leute, viele Autoren haben – Núria Espert, die große Schauspielerin, alte Dame, die waren da. Es wurden Reden gehalten, es wurden Lieder gesungen.

Das war für mich schon ergreifend, weil es ja auch meine eigene Beobachtung von Spanien noch einmal zusammengefasst hat. Ich kann mich an seltene Gelegenheiten erinnern, wo so viel Jung und Alt und so viele verschiedene Künste zusammenkamen für eine solche Demonstration.

Scholl: Aber Javier Marías, der bei uns ja auch sehr prominente Autor, der hat in einer Kolumne kürzlich geschrieben, das Personal aller Parteien sei so schrecklich, dass man eigentlich keine Lust hätte, irgendwen zu wählen. Hat er seine Meinung dann doch geändert?

Ingendaay: Die Sache ist, Marías ist ja jemand, der dann ungern in solchen Gruppen sich zeigt. Der hat also auch nicht unterschrieben und war auch nicht da, aber seine Kolumne hatte dann doch eigentlich denselben Tenor wie, ich sage mal den Namen einer sehr prominenten sichtbaren Autorin, Almudena Grandes, die diesen Akt im Theater, im Circulo de Bellas Artes in Madrid, am Freitag moderiert hat. Er hat im Grunde dieselbe Position gezeigt, er sagte: 'Geht wählen, auch wenn euch nichts mehr einzufallen scheint.` Und natürlich hat er durchklingen lassen, wen er auf gar keinen Fall gewählt hätte. Also insofern war das dann schon eine Aktivität sehr verschiedener Autoren, um die Leute aufzustacheln. Wenn ich das noch kurz sagen darf: Die Wahlbeteiligung war historisch hoch, fast 76 Prozent – der eigentliche Sieg, in meinen Augen, ist der der Demokratie.

Verbitterung über den Nationalismus der Katalanen

Scholl: Welche Rolle hat jetzt aber noch die katalanische Separatistenbewegung gespielt? Sie hat das Land ja gespalten, deswegen kam es ja auch zu den Wahlen, wegen den politischen Verwerfungen, und auch die Schriftsteller waren da immer kontrovers gestimmt. War das jetzt in diesem Fall erstmal stillgestellt dieser Konflikt?

Ingendaay: Nein, der hat immer mitgeklungen und mitgesungen. Also man spielte ihn ständig. Wie Sie richtig sagen, ist es ja nur deswegen dazu gekommen. Dieser Konflikt ist der Katalysator für die problematischen Beziehungen im Parlament, die wir heute haben. Ich nenne mal einen Namen: Javier Cercas ist ein Autor, der in Katalonien lebt, auch wenn seine Eltern nicht Katalanen sind, und der ist völlig erbittert über die Zustände und über den Nationalismus dort. Der hat natürlich sehr scharf über die Katalanen geschrieben, immer wieder, schon im vergangenen Jahr, aber auch jetzt.

Es ist einfach so, dass die Leute, die ganz nah dran sind, unter Umständen sehr scharf, und die haben ein Problem. Denen war die Position der Sozialisten, die jetzt gewonnen haben, nicht eindeutig genug, und wenn man von außen draufschaut, denkt man: 'Leute, ihr müsst verhandeln, ohne Paktieren wird es nicht gehen.` Das ist ein bisschen das Problem: Ist man selber betroffen oder ist man etwas weiter weg?

Und das kennen wir etwa bei Problemen des Terrorismus. Wenn sie die Opferverbände die Politik machen lassen, kommen sie nirgendwo hin. Man muss irgendwann auch weitergehen. Insofern gab es Autoren auch, die sehr, sehr strikt, sehr prinzipiell waren, aber sich damit auch auf die Rechte begeben haben, auf eine Rechte, die dieses Thema auch ein bisschen geplündert hat in meinen Augen. Deswegen bleibt es kompliziert, auch in Zukunft. Deswegen wird es keine Koalition zwischen Ciudadanos und den Sozialisten geben, und das bleibt ein Problem.

Sozialdemokrat und der amtierende spanische Regierungschef Pedro Sánchez lässt sich am Wahlabend in Madrid von seinen Anhängern feiern. (imago/Xinhua/Guo Qiuda)Sozialdemokrat und der amtierende spanische Regierungschef Pedro Sánchez lässt sich am Wahlabend in Madrid von seinen Anhängern feiern. (imago/Xinhua/Guo Qiuda)

Scholl: Zehn Prozent für die Ultrarechten der Vox-Partei immerhin aus dem Stand – das erinnert an deutsche Verhältnisse mit der AfD. Wir haben in Deutschland ja auch seither so intellektuelle Rechtsdrehungen, nenne ich sie mal. Ist das auch, Paul Ingendaay, in Spanien zu erwarten? Hat Vox und diese rechtspopulistische Fraktion auch ernstzunehmende intellektuelle Schriftsteller an der Seite?

Ingendaay: Bisher habe ich nur von einem älteren Herrn gehört, dass er irgendwie das mitgetragen hat. Den habe ich ohnehin nicht so schrecklich ernstgenommen, aber was man sagen muss, vor der Wahl, was geschehen ist, dass Vox als Stimmen- und Mehrheitsbeschaffer angesehen wurde von einigen, und wenn es denn so sein soll, als Juniorpartner sind sie willkommene, weil sie die Mehrheit liefern würden.

Das war ein etwas zynischer Blick auf das Ganze, denn die Politik, die die vorschlagen, ist absolut nicht ernst zu nehmen, war ziemlich ekelhaft auch in den Äußerungen. Insofern war das keine breite Strömung, und von intellektueller Seite würde man eigentlich das auch nicht erwarten, weil es war im Grunde kein Wahlprogramm. Es war Nationalstolz und eigentlich eine große Klappe. Sie sind deutlich eingezogen mit über zehn Prozent – das ist nicht wenig –, und jetzt müsste man mal sehen, ob die in den nächsten vier Jahren irgendeine Politik vorschlagen, die ernst zu nehmen ist.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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