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Rang I | Beitrag vom 25.10.2014

InszenierungenHören im Dunkeln und im Freien

"Atlas der Abgelegenen Inseln" und "Der Kauf"

Von Jan Ehlert

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Nachbildungen menschlicher Ohren, aufgenommen bei der Firma 3B Scientific in Hamburg am 27.5.2003. (picture-alliance / dpa / Volker Heick)
Was braucht es für ein gelungenes Hörstück? (picture-alliance / dpa / Volker Heick)

Ein Hörstück im Theaterzelt, in dem es stockdunkel ist: Das zeigt Regisseur Thom Luz mit "Atlas der Abgelegenen Inseln" im Staatstheater Hannover. Paul Plampers Hörspiel "Der Kauf" lädt dagegen zum Betreten des Stadtraums ein.

Man muss den Titel von Steve Reichs Streichquartett "Different Trains" gar nicht kennen, um zu wissen, dass es hier um Züge geht. Und genau dieses Wissen um Töne und Geräusche macht sich das Hannoversche Theater im Treppenhaus zunutze, bei ihrem Projekt "Goldrausch im Dunkeln". Ein Hörstück im Theaterzelt, in dem es allerdings stockdunkel ist.

Es geht darum, seiner Fantasie freien Lauf zu lassen, Musik neu zu erfahren, mit geschlossenen Augen. Aber: Was braucht es, für ein gelungenes Hörstück, wenn die Augen offen sind?

"Also, wir brauchen eine Dampfpfeife, die regelmäßig dröhnt, und die Eisberge, die sich im Nebel verstecken...." (Auszug aus dem Hörspiel)

Dampfpfeifen und Geräusche - am Staatstheater Hannover vertraut Regisseur Thom Luz darauf nicht allein. In seinem Hörstück "Atlas der Abgelegenen Inseln", nach einem Buch von Judith Schalansky sind auch Schauspieler zu sehen - allerdings nicht für alle Zuschauer. Denn das Stück spielt in einem Treppenhaus, und zwar auf drei Ebenen gleichzeitig, sagt Regisseur Thom Luz.

Der Raum ist erfüllt von einem Rauschen

"Die Herausforderung für uns war dann, dass diese drei sichtbaren Ebenen als Theaterstück funktionieren, also es sind eigentlich drei Theaterstücke, die über den Klang verbunden ist, also ein Knirschen, was auf dem untersten Stockwerk erzeugt wird, bedeutet auf dem obersten Stockwerk etwas völlig anderes zur gleichen Zeit."

"Es knirscht, als der Gouverneur Capitan Ramon über die Clipperton-Insel geht. Kein Schiff kommt, keins aus Acapulco, keins von sonstwoher" (Auszug aus dem Hörspiel)

So ist der Raum während der gesamten Vorstellung erfüllt von einem Rauschen. Von allen Seiten wispert es, wie Wortfetzen, die der Wind vorbeiweht, und die damit die eigentliche Geschichte erzählen: Eine Geschichte von Einsamkeit, von Sehnsucht und Neugier. Eine Idee, die aufgeht - und die nicht nur das Publikum überzeugte, sondern auch die Autorin des Buches, Judith Schalansky:

"Das war mir nie klar, dass es eine akustische Ebene in dem Buch gibt, und natürlich, dass man auf drei verschiedenen Ebenen sitzt, hat man was ähnliches wie auf den Inseln, nämlich eine Vereinsamung, ein Abgeschottetsein. Insofern gibt es diese Entfernungsebenen, auch heute am Abend. Das ist durchaus sehr reizvoll. Man horcht dann manchmal in die anderen Etagen und versteht was nicht, und jemand behauptet immer, er kommt gleich wieder, als ob er zum Zigarettenholen geht."

"Bin gleich wieder da, bin gleich wieder da." (Auszug aus dem Hörspiel)

Wie Fantasie und Realität zusammengebracht werden

Ein ganz anderes Konzept verfolgt Paul Plamper. Sein Hörspiel "Der Kauf" wurde als "Hörspiel des Jahres" ausgezeichnet. Es ist allerdings nicht nur zum Hören gedacht, sagt Plampers Assistent Tilmann Meckel.

"Man muss laufen, man muss gehen, in diesem Fall auf einer städtischen Brache, auf der das Hörspiel angesiedelt ist. Rein inhaltlich, und deswegen eben auch örtlich."

Und so sieht man, mitten in der Hamburger Hafencity, Menschen mit Kopfhörern über eine solche Brachfläche wandern. Noch wächst hier nur Unkraut, aber bald schon werden hier hochmoderne Appartments gebaut. Und um genau so ein Luxus-Appartement, das auf einer Brache entstand, geht es auch in "Der Kauf".

"Die große Frage, die Paul Plamper über dieses Stück geschrieben hat: Kann man Glück bauen? Und besitzen wir das Eigentum oder besitzt das Eigentum uns, und das sind genau die Fragen, die ins Mark gehen, wenn man dieses Hörspiel hört. Und das Gehörte vermischt sich mit dem Gesehenen ganz großartig."

"Das ist unser Haus, schmeißt Claire und Dirk aus diesem Viertel raus." (Auszug aus "Der Kauf")

Natürlich kann man dieses Stück auch zu Hause auf dem Sofa hören. Aber wenn im Hintergrund die Elbphilharmonie in der untergehenden Sonne blitzt, tobt der Kampf zwischen den Hauseignern dort, wo er tatsächlich stattfindet. Auf ganz eigene Weise bringen Theater-Hörspiele so Fantasie und Realität zusammen.

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