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Rang I | Beitrag vom 07.12.2019

Instagram-Projekt zum WeltklimagipfelKünstler wollen online neue Bilder und Narrative kreieren

Von Jana Münkel

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Eine Collage zeigt einen Teilnehmer der UN-Klimaschutzkonferenz in Bewegung vor dem Logo der Veranstaltung neben Gina, einer junge Frau im Sportoutfit, am Hometrainer strampeln. (imago images / Hans Lucas, Climate Art Convention / Gina Markowitsch, Daniil Shchpov)
Die Theatergruppe "onlinetheater.live" nennt ihr Projekt "Climate Art Convention". Das heißt soviel wie "Klima-Kunst-Konferenz". (imago images / Hans Lucas, Climate Art Convention / Gina Markowitsch, Daniil Shchpov)

Die Gruppe "onlinetheater.live" will Theater im Internet erfahrbar machen, zur Weltklimakonferenz bespielen sie mit der Initiative "Artists for Future" Instagram mit jungem Theater zu Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen. Etwa mit Ibsens Nora.

"Thorwald, setz dich. Ich hab mit dir über Vieles zu sprechen. Ich habe dich nicht verstanden – und du hast mich auch nicht verstanden."

Eine junge Nora aus Ibsens "Nora – ein Puppenheim" sitzt da im Video geknickt und etwas schüchtern am Küchentisch. "Das ist eine Abrechnung, Thorwald."

Und dann stapelt Nora Unmengen an Plastik vor ihrem Mann auf den Küchentisch – mit vorwurfsvollem Blick. Als sie zu weinen beginnt, schafft sie es sogar über meinen kleinen Smartphonebildschirm, mich ganz schön mitzunehmen.

Theater auf dem Smartphone

Mein Smartphonedisplay – es fungiert diese Woche sozusagen als vierte Theaterwand. Wenn ich in der App Instagram auf das Profil der "Climate Art Convention" tippe – dann erblicke ich etwa hundert quadratische Fotokacheln.

Mal erblicke ich das Foto eines schwarz-weißen Acrylbilds, das Häuser zeigt, die gerade in steigenden Fluten versinken. Mal verbergen sich hinter den Kacheln kurze Videos wie das der plastikstapelnden Nora. 

Die Theatergruppe "onlinetheater.live" nennt ihr Projekt "Climate Art Convention". Das heißt soviel wie "Klima-Kunst-Konferenz". Caspar Weimann ist einer der Erfinder des Projekts. "Seit fast drei Jahren arbeiten wir an Strategien, wie man Social-Media-Plattformen und Livestreaming-Kanäle zu Bühnen machen kann. Wie man Theater im Internet macht. Wir wissen, dass auch durchs Internet berührt, bewegt, begeistert werden kann."

Heterogenere Bilder und Narrative

Gut 30 Künstlerinnen und Künstler machen mit – und befüllen den Account täglich mit neuen Klima-Kunst-Inhalten. Ihre Idee beschreibt die Kulturwissenschaftlerin Sira Möller in ihrer "Eröffnungsrede", die auch auf Instagram hochgeladen ist, so: "Wir kennen alle die Bilder von Steppen, Eisbären und hochwissenschaftlichen Diagrammen. Das heißt: Es tauchen sehr oft wiederkehrende Narrative auf. Teilweise sind die auch so katastrophalisierend, dass sie lähmend wirken können. Oder sie zeigen ein Bild vom Klimawandel, das ganz weit weg passiert – so beim Eisbären. Was der Klimawandel bei einer wirksameren Klimapolitik auf jeden Fall braucht, sind heterogenere Bilder und Narrative."

Ein "wiederkehrendes Motiv" ist auch die Rubrik "Gina lädt". Alle paar Tage kommt eine neue Folge online. Das Leitmotiv: Gina, eine junge Frau im Sportoutfit, sitzt strampelnd zum Beispiel am Bahnhof auf einem Hometrainer, aus dem viele Kabel ragen. "Aufgepasst, ihr Schnarchnasen! Ich bin hier wieder extrem motiviert am Radeln."

Gina versorgt die umstehenden Smartphonenutzerinnen mit Strom. Aber eigentlich wird ihr gerade alles zu viel. "Und wofür das Ganze?", fragt Gina in der Episode. "Die letzten Jahre waren echt verdammt hot. Hitzewellen, Waldbrände, Meereseis schmilzt. Gletscher verschwinden einfach. Pflanzen und Tiere kommen hier einfach mit der Erwärmung überhaupt gar nicht klar."

Da schwingt Wut mit – und auch Hilflosigkeit. Und gleichzeitig ist die sich abstrampelnde Gina als Stromerzeugerin und wütende Klimakrisenkritikerin so humoristisch überzeichnet, dass bei mir eine Gefühlsmischung entsteht, die zwischen Schmunzeln und Mitfühlen hin- und herschwankt.

Beichten statt nur Kunst Konsumieren

Doch die ClimArtCon ist nicht nur zum Kunst-Konsumieren da. Jeden Abend um 21 Uhr kann das Publikum sich einbringen: In einem Livestream – dem "digitalen Beichtstuhl für Umweltsünderinnen und –sünder" können alle berichten, was sie zukünftig in ihrem Verhalten ändern wollen.

"Wir sind hier immer noch beim Beichtstuhl – und ich beichte, ich rauche seit mehreren Jahren. Ich habe schon viele Zigarettenstummel weggeschmissen. Und ich werde mir jetzt vornehmen – und ihr seid meine Zeugen – ich werde aufhören zu rauchen! Das ist krass!"

Das Projekt schafft es, das Publikum zum Mitdiskutieren zu bewegen. Trotzdem – das Gefühl, im Theater zu versinken, das ich am "analogen" Besuch so schätze stellt sich beim Online-Klimatheater auf Instagram nicht ein. Dafür sind die Kunstwerke zu kleinteilig, dafür strömt das Smartphone eine zu große Unruhe raus.

Selbst wenn mich ein Video fesselt, wird es oft unterbrochen – zum Beispiel durch eingehende Chatnachrichten auf dem Smartphone oder die Umgebungsgeräusche bei der rumpelnden Busfahrt. Was aber schön ist: Das Nutzen von Instagram besteht oft aus einem stumpfen Scrollen durch die neu hochgeladenen Bilder. Die ClimArtCon schafft es, dieses Scrollen zu unterbrechen – und mit kreativem Klima-Inhalt aufzurufen: Leute, achtet auf eure Umwelt.

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