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Kompressor | Beitrag vom 07.02.2019

Instagram macht Fotos von Selbstverletzungen unkenntlichSocial Media- Expertin: Zensur ist keine Lösung

Gina Nicolini im Gespräch mit Timo Grampes

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Ein teilweise verfremdetes Bild eines Messer, das in einen Finger schneidet. (imago/imagebroker)
Fotos von Selbstverletzungen sind bei Instagram bald durch einen sogenannten Sensitivity Screen auf den ersten Blick nur verschwommen zu sehen. (imago/imagebroker)

Instagram will Bilder von Selbstverletzungen mit einem Filter schwieriger zugänglich machen. Eine 14-Jährige hatte sich durch solche Bilder verleitet selbst getötet. Journalistin Gina Nicolini meint jedoch: Eine breite Diskussion sei besser als Zensur.

Der tragische Fall einer 14-jährigen Britin, die sich das Leben nahm, nachdem sie offenbar auf Instagram-Fotos von Selbstverletzungen angeschaut hatte, hat das britische Gesundheitsministerium erreicht. Gesundheitsminister Matt Hanckock hat Twitter, Facebook und Instagram aufgefordert, zu handeln und gegen Inhalte vorzugehen, die Selbstverletzungen fördern. Instragram will entsprechende Bilder ab sofort mit einem Sensitivity Screen unkenntlich machen. Das bedeutet: Auf den ersten Blick sind diese Fotos unscharf, erst, wer gezielt darauf klickt, kann sie sehen.

"Die Bilder sind ja nicht wirklich weg"

Was ist davon zu halten, vor allem: Was nützt so ein Schutzschild angesichts von Millionen von Fotos bei Instagram? Die Journalistin und Social-Media-Expertin Gina Nicolini, die selbst auf Instagram aktiv ist, ist skeptisch. Zwar seien Menschen, die sensibel reagieren, drastischen Motiven dann nicht mehr so explizit ausgesetzt, aber: "Ich glaube, ehrlich gesagt, nicht, dass das wirklich funktioniert. Das müsste über Algorithmen laufen, die die Bilder scannen. Und ich bin mir relativ sicher, dass, selbst wenn Instagram das jetzt wirklich macht – und die Bilder sind ja nicht wirklich weg – die Menschen, die sich das wirklich ansehen wollen, sich das trotzdem ansehen können."

Zwar gebe es eine Korrelation zwischen Bildern speziellen Inhalts und Suiziden und Jugendlichen, sagt Nicolini, die selbst auf Instagram aktiv ist, weiter. "Allerdings glaube ich nicht, dass eine komplette Zensur das Mittel der Wahl sein kann – weil das schon immer dazu geführt hat, dass die Menschen, die sich darüber austauschen oder ausdrücken wollen, sich dafür andere Kanäle suchen." Eine generelle Zensur sei "übergriffig".

Nicht nur Instagram in der Verantwortung

Vielmehr müsse ein Weg zwischen Zensur und kompletter Freigabe gefunden werden. Abgesehen davon, ergänzt Nicolini, sehe sie nicht Instagram in der Verantwortung, jungen Menschen einen verantwortlichen Umgang mit Bildern und anderen Medien beizubringen, sondern auch Lehrerinnen und Lehrer sowie die Eltern. Gerade über das Thema Suizid in Zusammenhang mit Social-Media-Plattformen werde viel zu wenig geredet.

(mkn)

Hilfsangebote für Menschen mit Depressionen, Suizidgefährdete und ihre Angehörigen:
Wenn Sie sich in einer scheinbar ausweglosen Situation befinden oder das auf einen Ihrer Angehörigen zutrifft, zögern Sie nicht, Hilfe anzunehmen bzw. anzubieten.
Hilfe bietet unter anderem die Telefon-Seelsorge in Deutschland:
0800 111 0 111 (gebührenfrei)
0800 111 0 222 (gebührenfrei)
Die Robert-Enke-Stiftung hat in Zusammenarbeit mit der Klinik für Psychatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der RWTH Aachen eine Beratungshotline ins Leben gerufen. Diese Hotline bietet Informationen über Depressionen und deren Behandlungsmöglichkeiten an.
Tel. 0241–80 36 777 (Montag bis Freitag von 09 bis 12 Uhr und von 13 bis 16 Uhr)
Die Stiftung hat auch eine App entwickelt, die an Depression erkrankten Menschen unter anderem Notfall-Hilfe per SOS-Notruf anbietet.

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