Seit 01:05 Uhr Tonart

Freitag, 06.12.2019
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Studio 9 | Beitrag vom 15.11.2019

"Insta Novels" der New York Public LibraryLesehäppchen sollen Lust auf Literatur machen

Von Antje Passenheim

Beitrag hören Podcast abonnieren
Alice im Wunderland,  hier als bunte Illustration auf dem Portal der New Yorker Public Library. (New York Public Library / Screenshot Youtube))
Bunt und in Häppchen genießbar: Die Literatur-Klassiker wie "Alice im Wunderland" werden auf dem Instagram-Account der New York Public Library neu präsentiert. (New York Public Library / Screenshot Youtube))

Die New York Public Library bringt das Buch per Instagram auf die Bildschirme. In ihren "Insta Novels" veröffentlicht sie Auszüge aus Literaturklassikern, portioniert in Häppchen. Damit erreichen sie zum Teil mehr als 300.000 Nutzer.

Ein Häppchen Weihnachtsmärchen. Eins für die U-Bahn. Ein Slide in der Mittagspause. Und ein Stück "A Christmas Carol" beim Schlangestehen im Supermarkt. Literatur goes Insta. Instastories erzählen Geschichten. Und wohl nirgends gibt es mehr von ihnen als in einer Bücherei, erklärt Lynn Lobash von der National Public Library in New York: "Wir haben alle Geschichten hier in der Bücherei."

Doch in Zeiten von Kindle und sozialen Medien lockt die weltberühmte Bibliothek im Herzen von Manhattan immer weniger Nutzer der Generation Smartphone an. Also kommen die Bücher zu ihnen, sagt die Lese-Beraterin der Bücherei. "Wir holen sie gerne da ab, wo sie sind - wenn sie auf ihr Smartphone schauen und sich durch Instagram scrollen."

Die "Insta Novels" haben ihre eigene Sprache: Auszüge aus Klassikern. Virtuell gebunden durch modernes Design und musikalisches Intro. Die Public Library hat dafür extra eine Werbeagentur ins Boot geholt. "Wir haben ganz kurze Stückchen ausgewählt. In kleine Teile portioniert", sagt Lobash. Und sie jungen Lesern unmerklich in ihren Alltag gelegt. "Die Geschichten eignen sich perfekt für Instagram. Und die Haltung, die dahinter steckt: Du browst dich durch. Und verwendest nicht viel Zeit."

Ein absoluter Hit

"Alice im Wunderland", Kafkas "Verwandlung" oder Edgar Alan Poes "Rabe" - sie gehören zu den Geschichten von #Instanovels. Als das Projekt vor einem Jahr an den Start ging, war das Echo überwältigend: "Das war wahnsinnig erfolgreich - wir hätten das nicht erwartet. Das war ein absoluter Hit", schwärmt Lynn Lobash.

300.000 Leser pro "Insta Novel" und über 130.000 neue Follower für den Instagram-Account der National Public Library. Die Kommentare überschlugen sich, berichtet Lobash: "Das Beste war für mich, wenn Leute schrieben: Ich bin daran erinnert worden, wie schön es ist, zu lesen."

Rückkehr zum intensiven Lesen

Und an noch etwas erinnern die "Insta Novels" - meint auch Medienforscher Jeremy Caplan: "Wenn du diese kleinen Bissen von delikaten Geschichten visuell vor dir siehst, erinnern sie dich an die Kraft der Erzählung." Der Professor an der City University of New York setzt darauf, dass die kleinen Bissen am Ende vielen Lesern Appetit auf ganze Bücher machen.

"Ich glaube, dass das Pendel gerade wieder zurückschwingt: Die Leute werden wieder mehr lesen wollen. Sie merken: Sie werden von den kleinen Bissen nicht satt. Social Media macht mich genauso wenig zufrieden wie Fastfood. Ich bin überzeugt davon, dass sie in ein paar Jahren wieder zum intensiven Lesen zurückkehren."

Die "Insta Novels" seien dabei so etwas wie ein Appetizer: "Du hast sie immer dabei. In der Tasche, in deiner Hand. Und wenn dir danach ist, holst du dir einen Bissen. Und vielleicht bekommst du Hunger auf das ganze Buch."

Mehr zum Thema

Internet-Literatur - „Viele Leute sind plötzlich Schreibende“
(Deutschlandfunk, Corso, 16.10.2019)

Empire State Building - Selfie mit Manhattan
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 12.10.2019)

Informationsgewinnung - Wozu noch Bibliotheken?
(Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 20.10.2019)

Interview

Internationale KonflikteBeim Dialog niemanden ausgrenzen
Geschäftsmann und Geschäftsfrau beim Handschlag mit Stangen über einem Abgrund (imago images / Ikon Images)

In manchen Regionen der Welt halten Konflikte so lange an, dass die Situation verfahren scheint. Ist Diskussionsbereitschaft kulturell bedingt? Konfliktforscher Hans-Joachim Giessmann erklärt, worauf es ankommt. Die Situation in Deutschland besorgt ihn.Mehr

weitere Beiträge

Frühkritik

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur