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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 17.04.2013

Insel-Paradies auf Abwegen

Eindrücke einer Urlaubsreise nach Zypern

Von Max Thomas Mehr

Blick auf den Hafen des beliebten Urlaubsortes Agia Napa auf Zypern (dpa / picture alliance / Waltraud Grubitzsch)
Blick auf den Hafen des beliebten Urlaubsortes Agia Napa auf Zypern (dpa / picture alliance / Waltraud Grubitzsch)

Obst verfault auf den Plantagen, Inder hüten Schafe zu Dumpinglöhnen, Immobilienverkäufer werben um reiche Chinesen - bei seinem Osterurlaub auf Zypern hat der Journalist Max Thomas Mehr außergewöhnliche Dinge gesehen. Jetzt fragt er sich: Welches Europa wollen wir eigentlich retten?

Die frühen Orangenbäume blühen schon wieder weiß, während von den späten die überreifen Früchte abfallen. Ganze Plantagen werden nicht mehr geerntet. Kostet das Kilo Apfelsinen an der Straße doch nur 50 Cent. Mandarinen die Hälfte. Da lohnt sich das Pflücken nicht. Zypern im April 2013.

Auf dem Weg von Larnaka in das kleine Ferienhaus, das einer Freundin gehört, müssen wir noch im Supermarkt einkaufen: Der Orangensaft kommt aus Portugal, das Müsli aus Skandinavien, das Klopapier aus Italien. Die Preise sind so hoch wie in Deutschland. Die "FAZ" allerdings kostet mehr als doppelt soviel wie zu Hause.

Das Haus in den Bergen hat zwei Zimmer. Die Tür ist offen. Hans, ein Freund aus dem Dorf, hat uns zur Begrüßung Orangen und eine Flasche heimischen Wein auf den Tisch gestellt. Draußen wuchert der Frühling, blühen seltene Orchideen, schimmert in der Ferne die Bucht am Akamas.

Als wir den pensionierten Lehrer aus Deutschland am nächsten Tag besuchen, lernen wir Ana kennen. Sie hat frische Eier für uns, ein Glas eingelegte Oliven und ein Pfund frischen Schafskäse. Mehr als sechs Euro will sie partout nicht dafür haben. Sie bekommt die Lebensmittel im Tauschhandel, weil sie nebenbei putzen geht.

Einer Frau aus Sri Lanka geben die Zyprioten nicht die Hand

Ana kommt aus Sri Lanka. Seit sieben Jahren betreut sie die alten dementen Nachbarn unseres Freundes. Zyprioten würden ihr nie die Hand geben, erzählt Hans. Manche nennen sie nur "Mauri", "Schwarze".

Erst betreute Ana den Vater eines Mannes, der einmal im Monat aus der Stadt in das Dorf kommt und den sie "mein Boss" nennt. Nachdem der Vater gestorben war, versorgt sie jetzt Helleni, dessen 80-jährige demente Frau. Dafür zahlt ihr der Boss 350 Euro im Monat: Freie Tage hat sie nicht, genauso wenig wie ein eigenes Zimmer.

Allein in diesem Dorf sind es zehn Frauen aus Sri Lanka, die ähnlich beschäftigt sind. Und: Während diese Frauen die Alten betreuen, werden die zypriotischen Schafe oben in den Bergen von Indern gehütet. Die sind in der Regel als Studenten eingereist und verdingen sich jetzt illegal für 350 Euro im Monat.

Wer über Land fährt, sieht sie überall: stolze Villen auf jedem Bergvorsprung, am liebsten mit "Bay-View", mit Blick aufs Meer. Ergebnis des Baubooms der letzten Jahre: 50.000 Immobilien suchen einen Käufer. Die riesigen Werbeplakate längs der Autobahn richten sich nicht mehr an Europäer, nein, auch nicht mehr an neureiche Russen.

Nach Zypern sollen jetzt die Chinesen kommen. Vor allem mit ihren Schriftzeichen wird um Käufer gebuhlt. Besonderes Bonbon: Wenn ein Chinese auf Zypern ein Haus für über 300.000 Euro kauft, dann bekommt er ein Dauervisum. Und das gilt für die gesamte EU!

Das 13. Monatsgehalt gibt es hier noch

Auf dem Weg zum Strand machen wir Halt bei Rita. Die Brandenburgerin hat vor ein paar Jahren einen Zyprioten geheiratet und betreibt ein kleines Café. Auf die Frage danach, woher die Krise komme, hat sie eine verblüffende Antwort: Nur wenige zahlen hier Einkommenssteuer.

Sabine kommt später auf einen Kaffee vorbei. Die Lehrerin aus Marburg hat die doppelte Staatsbürgerschaft. Seit ein paar Jahren ist sie hier verbeamtet. In ihrem Beruf verdient sie auf Zypern soviel wie in Hessen. Knapp 4000 Euro. Anders als in Deutschland: Das 13. Monatsgehalt gibt es hier noch.

Besonders üppig wird es mit dem Eintritt ins Rentenalter, erzählt sie. Da bekommen die Beamten, aber auch andere öffentliche Bedienstete, zusätzlich zur Pension noch etwas: Je nach Dienstjahren sind das bis zu 40 Monatsgehälter!

Die Insel könnte ein Paradies sein. Doch nachdem, was wir gesehen und gehört haben, fragen wir uns, welches Europa wir eigentlich retten wollen.

Max Thomas Mehr (privat)Max Thomas Mehr (privat)Max Thomas Mehr, Jahrgang 1953, ist politischer Journalist und Fernsehautor. Er hat die Tageszeitung "taz" mitbegründet. Für das Drehbuch des Films "Sebnitz: Die perfekte Story" (Arte) wurde der Dokumentarfilmer mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet.

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