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Länderreport | Beitrag vom 10.01.2020

"Insel" in Jena weicht Uni-BauNeuanfang für Kulturprojekt nach Verdrängung

Von Marius Elfering

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Die Insel am Inselplatz in Jena (Deutschlandradio/Marius Elfering)
Anfang Januar 2020 abgerissen - die "Insel" am Inselplatz in Jena (Deutschlandradio/Marius Elfering)

Mehr als ein Jahrzehnt war die "Insel" in Jena eine Kulturinstitution. Dann musste sie nach langem Kampf dem Neubau eines Uni-Campus weichen. Das Projekt bekommt neue Räume vor den Toren der Stadt – und damit auch neue Möglichkeiten.

Ein großes Haus im Zentrum von Jena, nur wenige Gehminuten von der Universität entfernt. Schon von außen fällt das mit Efeu bewachsene und bunt bemalte Gebäude auf. Kirsten Limbecker steigt eine breite Holztreppe, zwei Stockwerke hinauf, vorbei an besprühten Wänden, leeren Schnapsflaschen und Gerümpel. Hier unter dem Dach war einmal ihr Zimmer.

Neuneinhalb Jahre lebte die Soziologin und Erlebnispädagogin in der "Insel" in Jena, einem soziokulturellen Wohnhaus, in dem jeder Platz fand, der ihn brauchte. Viel ist davon jetzt nicht mehr zu erkennen. Auf dem Boden liegen Scherben, Fenster sind eingeschlagen, alte Matratzen liegen vereinzelt in ansonsten leergeräumten Zimmern.

"Ja, die Insel hat ziemlich viele Bedeutungen für die Stadt, in verschiedener Hinsicht", sagt Kirsten Limbecker. "Also einmal ist es oft, wie so ein offenes Wohnzimmer gewesen, wo Menschen einfach kommen konnten und sein konnten. Also gerade so in den Alltagszeiten, wo jetzt hier keine Veranstaltung direkt war, sind ja viele Menschen einfach auch mal hergekommen, die wir kannten. Und zum anderen ist es einfach ein offener Raum gewesen, wo sich Menschen halt begegnen und treffen konnten. Man musste keinen Eintritt bezahlen, es war immer frei für alle Menschen. So war das einfach eine freie Begegnungsstätte. Zum einen für die Leute, die halt so die Angebote hier genutzt und genossen haben. Und zum anderen auch immer ein Raum für allerlei kulturelle, teilweise auch politische Ideen, Veranstaltungen umzusetzen."

Schluss mit Partys und Theater

Auf dem Inselplatz soll ab 2020 ein moderner Universitätscampus entstehen. Etwa 190 Millionen Euro wird das Projekt nach Schätzungen kosten. Als die Pläne im Jahr 2011 konkret wurden, war den Bewohnern der Insel klar, dass sie weichen sollen. Der Bebauungsplan sah keine Zukunft der Insel vor. Die "Volksküche", ein Projekt, bei dem die Bewohner des Hausprojekts kochten und jeder, der wollte, Essen auf Spendenbasis bekam, Partys und Theatervorstellungen würde es hier in Zukunft nicht mehr geben.

Clemens Leder ist der letzte Bewohner der Insel. Seit 2008 wohnt er in dem Haus. Während die anderen Mietverträge nach und nach gekündigt wurden, wehrte er sich gegen die Räumungsklage des Freistaats Thüringen. Der großgewachsene Mann mit der grauen Latzhose sitzt in seinem abgedunkelten Zimmer unter dem Dach. Auf dem Tisch: Ein halbleeres Bierglas. In Leders Hand: eine heiße Gemüsebrühe. Er erinnert sich.

"Uns war völlig klar, dass wir hier dann abgerissen werden sollen, weil wir gesehen haben, dass das Haus sowieso verfallen gelassen worden ist. Hier wurde seit 30 Jahren locker eigentlich keine Mark mehr investiert. Und wir wollten immer, seit 2011 dann, dass wir in den Bauplan, in das Vorhaben integriert werden, dass studentische Kultur und vor allem so ein unkommerzieller dritter Ort bestehen kann."

Nur Asche hinterlassen, um Campus durchzudrücken

Immerhin sei auf dem Inselplatz kein moderner Wohnungsbau geplant, meint Clemens Leder.

"Also natürlich hätten wir das ganz anders argumentiert und gehandhabt", sagt er, "wenn es jetzt nicht die Uni gewesen wäre, in der die meisten von uns auch studiert haben. Völlig klar. Und die Uni kann man auch nicht an den Stadtrand bauen. Dass da so eine Fläche genutzt wird, macht Sinn. Traurig war halt, dass die Leute so betriebsblind waren, einfach an den anderen Stellen nur Asche zu hinterlassen und den Campus einfach durchzudrücken."

Zu prüfen, ob die Insel in das Bauprojekt integriert werden könnte, lehnte der Stadtrat schon früh ab. Die Bewohner des Hausprojekts fühlten sich nicht ernst genommen. Während einer Stadtratssitzung 2013 protestierten die Befürworter der Insel so lautstark gegen das Bauprojekt, dass die Sitzung abgebrochen werden musste. Eine konstruktive Lösung schien nicht möglich. Sowohl die Stadt Jena, als auch das Land Thüringen, hätten in dieser Zeit nicht erkannt, dass soziokulturelle Projekte eine Bereicherung für die Innenstadt darstellen können, meint Clemens Leder.

"Weil so eine Stadt, die ist nicht sexy, weil da eine gute Bibliothek ist", sagt er. "Also eine gute Bibliothek braucht man auch, aber die Studierenden, von denen Jena, die ganze Stadt, lebt, die haben viele Kriterien, warum sie irgendwo studieren. Und es ist auch ein bisschen die Frage: Lerne ich dort Leute kennen, kann ich dort was Schönes machen? Wie verbringe ich die schönsten Jahre meines Lebens, wie verbringe ich meine Jugend? Und da waren wir halt ein wichtiger Teil. Und das haben sie zum Glück nach und nach gemerkt und gelernt."

Ein Leuchtfeuer der Kultur

Draußen räumen die Insulaner einen Anhänger mit Möbeln voll. Gleich daneben steht ein Kleintransporter, den sie mit Getränkekisten füllen. Etwa 20 Leute helfen an diesem Tag, das Haus auszuräumen. Die meisten können noch nicht wirklich glauben, dass ihre Insel, die sich seit 2007 stetig weiterentwickelte, schon bald abgerissen werden soll.

Auf der anderen Seite der Straße, gleich gegenüber der Insel, liegt das Büro von Jenas Oberbürgermeister Thomas Nitzsche. Trotz der neuen Pläne für den Inselplatz sieht auch er den kulturellen Wert, den die Bewohner des Hausprojekts hier in den vergangenen Jahren geschaffen haben.

"Das ist schon für Jena, als Leuchtturm in der Wissenschafts- und Wirtschaftslandschaft, auch ein Leuchtfeuer gewesen im kulturellen, soziokulturellen Bereich", sagt Thomas Nitzsche. "Und wir haben parallel dazu eben die Diskussion in der Stadt schon lange, dass mit der Verdichtung und dem Wachstum, das wir hier haben, es immer schwieriger wird, für soziokulturelle Projekte Räume zu finden. Für Jugend Räume zu finden, die niederschwellig erreichbar sind."

"Das ist kommunikativ nicht perfekt gelaufen"

Beide Seiten standen sich anfangs unversöhnlich gegenüber. Dann, Ende 2018, drohte die Situation zu eskalieren. Eine Abrissfirma begann, die Bäume rund um das Gebäude zu fällen. Auch Oberbürgermeister Thomas Nitzsche glaubt rückblickend, dass die Dinge anders hätten laufen können.

"Ja, ich glaube in der Phase hat man gemerkt, dass hier ein bisschen zwei Welten völlig aneinander vorbeidenken", sagt er. "Auf der einen Seite die Soziokultur, basisorganisiert und sehr informell. Auf der anderen Seite die Verwaltung, die an Recht und Gesetz gebunden ist und auch solche Kommunikationswege nutzt. Symptomatisch war das Beispiel genau mit der Fällung der Bäume im Umfeld der Insel. Wo wir als Verwaltung dann ganz klassisch ein Einschreiben auf den Weg geschickt haben, hoch förmlich, hoch offiziell und das landete dann irgendwo in einem Briefkasten, der am Ende nur einmal die Woche geleert wird. Und da treffen zwei Selbstverständlichkeiten aufeinander und dann sind Fristen verstrichen und plötzlich stand da die Abrissfirma vor der Tür und die Insel wusste von gar nichts. Das ist kommunikativ nicht perfekt gelaufen, von beiden Seiten würde ich aber sagen."

Insel kann überall Magnet sein

Häuser, die den Bewohnern der Insel vom Land Thüringen und der Stadt Jena als Alternative vorgeschlagen wurden, lehnten diese ab. Häufig fehlte die Perspektive, ein neues Projekt aufzubauen, das langfristig Bestand haben würde. Die gerichtliche Auseinandersetzung bedrohte den gesamten Zeitplan des Bauvorhabens. Erst in den vergangenen Wochen zeichnete sich eine Lösung ab.

Die Insel soll abgerissen und geräumt werden. Dafür erhalten die Bewohner einen Pachtvertrag über 50 Jahre für einen leerstehenden Gasthof vor den Toren der Stadt. Dirk Lange, der Leiter des zentralen Projektmanagements der Stadt Jena, ist sicher, dass auch ein Ort außerhalb der Innenstadt zum kulturellen Anlaufpunkt werden kann.

"Ich glaube, dass die Insel an sich die Kraft hat, auch als Magnet zu wirken, egal, wo sie ist", sagt er. "Weil die innovativen Ideen, die Kreativität, die wird überall gefragt sein, egal, wo das ist. Und man muss das  auch mal ein bisschen von der Entfernung abschätzen, worüber reden wir? Wir reden eigentlich darum, dass die Insel sich vier Kilometer wegbewegt. Und wenn ich das jetzt mit Städten vergleiche wie Berlin, in der ich gewohnt habe, oder Leipzig, das ist auf Deutsch gesagt ein Fliegenschiss."

Prozess der Verdrängung positiv umgekehrt

Ein altes, von Wäldern umgebenes Gasthaus, außerhalb der Stadt. An der weißen Fassade steht in dicken Buchstaben "Carl August" geschrieben. Hier wollen die Insulaner ihr neues Projekt aufbauen. Zwar gibt es noch viel zu tun, ein tropfendes Rohr, eine Dunstabzugshaube in der Großküche, die repariert werden muss, Aufenthaltsräume, die noch eingerichtet werden müssen. Doch die meisten sind optimistisch, dass sie auch hier einen Ort der Begegnung und kulturellen Vielfalt schaffen können. Nico, ein junger Mann mit Vollbart und Kapuzenpullover, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte, gibt eine Führung.

"Schauen wir doch mal nach draußen, in den Garten beziehungsweise die Außenfläche. Wir befinden uns hier zwischen zwei Wandergebieten. Also auf der einen Seite die Seite mit dem Napoleonstein, den Windknollen. Auf der anderen Seite haben wir den Jenaer Forst. Und da gibt es auch die Überlegung von manchen Leuten, das vielleicht zu nutzen, um im Sommer einen Sonntagskaffee anzubieten. Um da den Menschen halt vielleicht auch sogar die vegane Küche ein bisschen näherzubringen."

Partys, gemeinsames Musizieren, miteinander kochen und essen. Vieles wird auch im Carl August erhalten bleiben. Andere Angebote sollen neu geschaffen werden. Welche genau, darüber wollen sich die Bewohner in den kommenden Monaten Gedanken machen. Sie haben große Pläne. Es scheint, als sei in Jena etwas gelungen, was in vielen Städten Deutschlands nicht klappt: Den Verdrängungsprozess in etwas Positives umzukehren. Eine gemeinsame Lösung zu finden und das Beste daraus zu machen. Viele der neuen Bewohner sind bereits in das neue Gebäude eingezogen. Die Kosten zur Deckung des Pachtzinses teilen sie untereinander auf. Während die anderen die Transporter und Anhänger entladen, steht Nico auf der Türschwelle zwischen dem neuen Wohnzimmer und der Bar.

"Ich wünsche mir, dass hier ein Ort entsteht, der bei den Menschen einen ähnlich nachhaltigen Eindruck von Freiheit und Wärme ausstrahlen kann, wie es bei der Insel der Fall war. Das wünsche ich mir."

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