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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 14.11.2013

Insel der Seligen

Das Himalaja-Königreich Bhutan auf der Suche nach dem Bruttonationalglück

Von Jürgen Webermann

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Mönche aus Bhutan lege in tagelanger Arbeit ein Sandmandala. (Paul Leclaire)
Mönche aus Bhutan lege in tagelanger Arbeit ein Sandmandala. (Paul Leclaire)

Bhutan ist ein ein Staat, für den die Suche nach dem Glück zu den nationalen Aufgaben gehört. Dabei wird Glück dort durchaus politisch verstanden. Auch der Zugang zu sauberem Wasser oder die geteerte Straße, die Kontakt und Handel ermöglicht, gehören dazu.

In Schuluniformen, blauen Wickelröcken, roten Hemden und roten Schals, ziehen Schülerinnen durch die Straßen von Timphu. Es ist Samstagmorgen in Bhutans Hauptstadt, ältere Frauen lehnen sich auf ihre Fensterbänke, um dem kleinen Umzug auf der Hauptstraße zuzuschauen. Die Schülerinnen klappern mit ihren Plastikeimern und Plastikkannen. Der freundliche Verkehrspolizist winkt die Mädchen über die Kreuzung. Er ist der einzige Beamte, der in Bhutan den Verkehr regelt. Eine Ampel gibt es in dem Land nicht. Die wenigen Autofahrer, die heute früh unterwegs sind, warten geduldig.

Die Schülerinnen feiern den Handwashing Day. Ein großes Plakat weist darauf hin, dass es hier um Hygiene geht. "The Power is in our Hands", steht darauf. Man könnte es auch frei so übersetzen: Wir haben es selbst in der Hand.

Das Lied, das sie den ganzen Morgen singen, wurde eigens für den Handwashing Day geschrieben. Lasst uns die Hände reichen, um ein sauberes und glückliches Leben zu führen, heißt es darin.

Ujanja ist eine der Schülerinnen, die heute unterwegs sind.

"Hände waschen ist wichtig, um Krankheiten vorzubeugen. Auch bei uns sterben Kinder durch Krankheiten, die sie durch Hände waschen vermeiden könnten."

So wie bei Ujanja, so kann sich das Streben nach Glück in Bhutan auch anhören.

Er will eine Reliquie berühren

Ein paar Meter weiter, die Straße hinunter, stehen sie auf dem Bürgersteig in einer Schlange, einen Kilometer ist sie vielleicht lang. Ganz geduldig, in traditionellen Gewändern, die Kleidung der Männer erinnert ein wenig an Bademäntel. Seit drei Stunden steht auch Jigme hier. Jigme ist schon in der Nacht losgefahren, aus dem Osten des Landes nach Timphu. Er will, wie die anderen Wartenden, eine Reliquie berühren, angeblich ist sie ein Teil des Schädels von Buddha.

"Buddhist zu sein heißt, dass wir den Geist über das Materielle stellen, es muss die richtige Balance geben. Das bedeutet dann Glück: Ausgeglichen zu sein."

Jigme und die anderen werden wohl noch ein paar Stunden warten müssen, aber das scheint hier niemanden wirklich zu stören.

"Ach, wissen Sie, wir müssen das auf uns nehmen, damit unsere Sünden danach wie weggewaschen sind."

Bhutan ist besonders, nicht nur, weil die Menschen so geduldig sind und die Schülerinnen ihre Botschaften so eifrig unter das Volk streuen. Bhutan hat das nationale Glück zum obersten Gebot aller politischen Entscheidungen gemacht. Seit 2008 steht das so in der Verfassung. Die Idee hatte der frühere König Wangchuk. Angeblich ist er während eines Interviews in den 80er-Jahren darauf gekommen, dass Wirtschaftswachstum ja auch nicht alles sein kann. Dabei nahm Bhutan damals am weltweiten Wirtschaftsleben so gut wie gar nicht teil. Autos gibt es erst seit den 60er Jahren, eine eigene Währung seit den 70ern, Fernseher erst seit Ende der 90er Jahre. Das Königreich in den Bergen hatte sich lange abgeschottet.

Der König verordnete Demokratie

Erst Wangchuk und sein Sohn, der jetzt das Staatsoberhaupt ist, haben das Land geöffnet. Sie ließen Schulen bauen, Staudämme, Straßen, Wasser- und Stromleitungen. Bhutan machte, unbemerkt von der Weltöffentlichkeit, einen großen Sprung nach vorne. Der König verordnete seinem Volk sogar die Demokratie. Denn es könnte ja sein, dass eines Tages ein Monarch regiert, der nicht die Weisheit der Wangchucks besitzt.

Aber sind die Menschen in Bhutan wirklich glücklicher? Das kann niemand besser beurteilen als Pema Thinley. Pema ist der staatliche Glücksforscher.

"Also wir haben hier drei Kategorien. Mehr als 40 Prozent der Leute sind zutiefst glücklich. Und nur zehn Prozent sagen, dass sie nicht so glücklich sind. Aber hundertprozentig glücklich sind auch wiederum nur ganz wenige. Bhutan ist da sicher keine Ausnahme."

Pema hat erstmals 2010 hunderte Studenten los geschickt, in tausende Haushalte, in die entlegensten Täler, mit einem Paket von 249 Fragen. Manchmal mussten die Studenten bei den Familien, die sie befragen sollten, übernachten.

Frage 33:
Wie oft sprechen Sie ihre Gebete?
Frage 71:
Haben Sie schon einmal versucht, sich umzubringen?
Frage 112:
Inwieweit stimmen Sie mit den folgenden Aussagen überein? Antworten Sie mit "Ich stimme zu", "Ich stimme nicht zu", "ich stimme weder zu noch lehne ich das ab" oder "Ich weiß es nicht": Frauen sind eher für den Haushalt gemacht als Männer. Bildung ist eher etwas für Jungs als für Mädchen.
Frage 149:
Bis zu welchem Grad sind die Medien Ihrer Meinung nach frei in Bhutan?
Frage 182:
Wie sicher fühlen Sie sich nach Sonnenuntergang vor Geistern?
Frage 196:
Haben Sie ausreichenden Zugang zu Wasser?


"Die Befragung hat bis zu vier Stunden im Schnitt pro Familie gedauert. Eine große Herausforderung. Zum Glück haben die Menschen hier damit kein Problem."

Die eigentliche Herausforderung jedoch war für Pema, all die Fragenkataloge auszuwerten, die Antworten zu gewichten, sie einzusortieren in neun Kategorien, zu denen auch die psychische Verfassung der Menschen gehört oder die Kategorie Acht: Wie sinnvoll und nachhaltig die Bhutaner ihre Zeit verbringen. Nach einigem Rechnen kam Pema auf einen Indexwert von 0,74. Null würde bedeuten, dass seine Landsleute total depressiv sind. Und Eins, dass sie vor Glück kaum Laufen können.

"Das Glück ist am Ende aber immer individuell. Das Streben nach Glück jedoch, das geht uns alle an."

Staatliche Glückskommission

Pemas Job war nach der Umfrage erst einmal erledigt. Es übernahm: die staatliche Glückskommission. Das ist eigentlich nichts anderes als eine Planungsbehörde. In kleinen Holzbaracken, einer Art Regierungsviertel am Rande von Timphu, brüten sie seit 2008 über eigentlich ganz profane Projekte wie Straßenbau, neue Wasserleitungen und Schulen. Zum Nationalglück gehört aber auch, dass 66 Prozent des Landes bewaldet sein müssen. Das steht so in der Verfassung.

"Wir haben so viel Wald, wir hätten den richtig ausbeuten und viel kostbares Holz exportieren können. Aber diesen Weg wollen wir nicht gehen."

Sanyay Kidd ist einer dieser Glücksplaner. Sanyay hat schon einiges gesehen von der Welt, er hat in Australien gelebt. Jetzt, das muss er zugeben, ist in seinem Job noch Vieles recht vage. Der Glücksplaner soll nicht nur eine Grundlage schaffen, damit die Menschen Strom, Wasser und Bildung haben. Auch genug Freizeit für die Menschen fließt ins Nationalglück ein. Wenn sie denn sinnvoll genutzt wird. Wie aber soll Sanyay so eine Work-Life-Balance planen?

"Was immer wir als Regierung tun, sollte nicht die Menschen darin einschränken, ihre Zeit gut zu nutzen. Es darf nicht nur darum gehen, mehr zu produzieren und mehr zu verdienen. Dann verlieren wir unseren Sinn dafür, wie wir unsere Zeit anders nutzen könnten."

Wie die Bhutanesen ihre Zeit nutzen sollen, überlässt Pema ihnen selbst. Aber um zum Beispiel die Kultur Bhutans zu bewahren, helfen die Behörden nach. Sie schreiben den Bürgern vor, stets ihre traditionellen Wickelröcke und die bademantelähnlichen Gewänder zu tragen, zumindest, wenn sie gerade Verpflichtungen nachgehen. Häuser müssen die Bhutaner im traditionellen Stil bauen, einer Mischung aus fernöstlichem Tempel und Schweizer Alpenhütte. Und sie greifen schon mal hart durch, wenn es Fälle von Korruption gibt. Bhutans Nationalglück darf nicht durch Gier geschmälert werden.

"Wir haben ein Sprichwort hier in Bhutan: Wenn Du eine Kuh besitzt, ist es besser, sie langsam zu melken, als sie zu schlachten oder sofort zu verkaufen. Wenn Sie verkaufen, dann haben Sie ganz plötzlich eine tolle Bilanz. Aber ist das nachhaltig?"

Pionier für eine bessere Welt nach der Finanzkrise

Seit der Finanzkrise im Westen schauen viele Länder auf Bhutans Bruttoglücksprodukt, weil ihre Banken so gierig waren und das Gerechtigkeitsgefühl so vieler Menschen erschüttert ist. Auch der Bundestag gründete 2011 eine Kommission, die nach anderen Kennziffern für unseren Wohlstand suchen sollte – jenseits des Wirtschaftswachstums. Ist Bhutan also der große Vorreiter, der Pionier für eine bessere Welt nach der Finanzkrise?

"Also wir behaupten nicht, dass wir für die globalen Probleme eine Lösung haben. Wir experimentieren doch selbst noch. Aber wir wissen, dass wir Menschen dem Planeten schaden. Schauen Sie doch mal auf den Klimawandel, auf die Finanzkrise. Diese ganzen Modelle, die vom Wirtschaftswachstum getrieben sind, bringen uns nicht weiter. Wir brauchen ein neues Modell."

Tengue Lyongpo ist Wirtschaftsminister in Bhutan und einer derjenigen, die das, was der Glücksforscher und der Glücksplaner herausgefunden und nieder geschrieben haben, abnicken. Für seine Entscheidungen nutzt Lyongpo eine Art Glücks-Scanner. Jedes Projekt prüft er auf Kriterien wie Nachhaltigkeit und darauf, ob es Menschen in Bhutan unglücklich machen könnte.

"Also, zum Beispiel ein Kohlekraftwerk, das wäre schwierig, das durch den Scan-Prozess zu bekommen."

Und doch können sich Bhutan und sein Wirtschaftsminister der Welt nicht mehr verschließen, jetzt, wo es Fernseher und Internet gibt und das Land so normal wirkt, es viel mehr Güter importiert und zum Beispiel Strom aus Wasserkraftwerken ins Ausland verkauft. Auch Bhutan steckt derzeit in einer Wirtschaftskrise. Das Land ist stark abhängig von Indien, und weil Indien gerade ziemlich schwächelt, stehen in Bhutan auf einmal gut ausgebildete junge Menschen ohne Job da.

"Also Sie sagen, dass wir jetzt ein normales Land sind, weil wir uns geöffnet haben. Wir finden das alles nicht so normal. Wir haben Begriffe wie Währungskrise vorher noch nie gehört, und doch haben wir eine solche Krise, weil wir unser Geld an die indische Rupie gekoppelt haben und die gerade an Wert verliert. So etwas wie zu wenig Liquidität für die Banken - Das haben wir vorher noch nie gehört. Und jetzt machen wir das durch."

Anders als in anderen Ländern

Tenzin Dorji leitet die Zeitung Bhutan Today, und aus seiner Sicht läuft gerade etwas falsch. Die Bhutaner haben im Sommer vor lauter Frust sogar die alte Regierung abgewählt, oder besser gesagt: abgestraft. Statt 46 hat die frühere Regierungspartei nur noch 15 Abgeordnete im Parlament. Denn sie konnte nicht verhindern, dass Bhutan in den Sog der Finanzkrise geriet. Auch Zeitungsmanager Dorji musste schon einige Mitarbeiter entlassen. Das sei hart gewesen, erzählt er, und doch etwas anders als in anderen Ländern.

"Wissen Sie, wenn ich kein Geld hätte, könnte ich trotzdem ein Bier trinken gehen. Wir werden durch unsere Familien, unseren Zusammenhalt aufgefangen. Das macht Bhutan besonders. Wir versuchen mit dem, was wir haben, zufrieden zu sein. Das ist Nationalglück."

Sind die Menschen in Bhutan wirklich so genügsam, und ist ihr Streben nach Glück greifbarer als anderswo?

Es ist später Vormittag. Die große Markthalle von Timphu sieht aus wie ein hässliches Parkhaus. Aus dem ganzen Land strömen die Bauern her, um ihre Waren zu verkaufen. Auch Dorin, der aus dem Süden Bhutans stammt, Himalaja-abwärts, dort, wo man noch kilometerweit laufen muss, um eine Email zu schreiben oder den Bus nach Timphu zu erwischen. Eine beschwerliche Reise ist das. Die engen Straßen winden sich durch tief eingeschnittene Täler und zählen zu den gefährlichsten Routen der Welt. Das Gemüse, das Dorin hierher schafft, baut er auf einem kleinen Stück Land an, gemeinsam mit seiner Frau und seinen Nachbarn.

"Wir arbeiten in unserem Dorf alle zusammen, erst helfe ich meinen Nachbarn, und dann helfen sie mir. Wir arbeiten immer in einer Gruppe."

Leben wird schwieriger

Dorin ist Mitte 20. Zehn Jahre lang war er in der Schule, und wie viele junge Bhutaner spricht er richtig gut Englisch, was viel aussagt über den Wert, den Bhutan der Bildung beimisst. Die Krise aber, die spürt auch Dorin:

"Das Leben wird immer schwieriger. Es ist alles so teuer geworden, und so schwierig, meine Familie zu versorgen. Ich muss sehr hart dafür arbeiten."

Nach der staatlich empfohlenen Work-Life-Balance hört sich das nicht an. Aber zumindest die konkreten Projekte, die der Glücksplaner und die Regierung in Timphu beschließen, scheinen bei Dorin, so weit entfernt von der Hauptstadt, anzukommen.

"Wissen Sie, jetzt wollen sie bei uns eine Teerstraße bauen, und unsere Wasserversorgung verbessern. Sie wollen uns sogar einen Traktor geben."

Aber ob neue Traktoren für Dorin und seine Nachbarn reichen, um die Krise abzufedern und ihr Glück nicht zu schmälern, wird sich im kommenden Jahr zeigen. Im Winter wird der staatliche Glücksforscher Pema wieder hunderte Studenten los schicken, in alle Täler des Landes. Vielleicht werden sie ja dann auch bei Dorin auf dem Land übernachten und ihm die 249 Fragen vorlegen.

Für Ujanja, der Schülerin, die sich heute mit Wasser, Bakterien und Viren beschäftigt, müssen es so viele Fragen gar nicht sein. Heute, am Tag des Hände Waschens, ist ihre Glücksformel ganz einfach, und irgendwie auch ganz global.

"Glück, das hängt mit Gesundheit zusammen. Nur wer gesund ist, kann sein Glück auch genießen."

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