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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 16.06.2011

Ins Problematische zersplittert

Dagmar Bussiek: "Benno Reifenberg 1892 – 1970. Eine Biographie", Wallstein Verlag, Göttingen 2011, 500 Seiten

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Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" versteht sich als Nachfolgerin der legendären "FZ"; auch Benno Reifenberg fand hier wieder eine Heimat (AP)
Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" versteht sich als Nachfolgerin der legendären "FZ"; auch Benno Reifenberg fand hier wieder eine Heimat (AP)

Die "Frankfurter Zeitung" war eine liberal-bürgerliche Zeitung, die auch international großes Ansehen genoss. Bestimmend für Inhalt und die seriöse, kollegiale Arbeitsatmosphäre war als Leiter des Feuilletons seit 1924 vor allem Benno Reifenberg.

Er war ein Mann von außergewöhnlichem Format: Benno Reifenberg. Der abgebrochene Student der Kunstgeschichte, Freiwilliger im Ersten Weltkrieg, verwundet, dekoriert, am Ende Artillerieoffizier, wird 1919 Mitarbeiter im Kunstreferat der angesehenen "Frankfurter Zeitung". In den folgenden Jahren entwickelt er sich zu einem der bedeutendsten Journalisten deutscher Sprache, dessen Wirken sich noch bis in die ersten beiden Jahrzehnten der Bundesrepublik erstreckt.

Die aus der Habilitation der jungen Professorin für Sozial- und Kulturgeschichte Dagmar Bussiek hervorgegangene, dabei gut lesbare Biographie Reifenbergs basiert auf seinem "voluminösen" Nachlass: amtliche Papiere, autobiographische Aufzeichnungen, Erinnerungen, Tagebücher und Briefe. Dazu hat die Autorin Archivmaterial verschiedener Presseorgane, selbstständige Veröffentlichungen Reifenbergs und Erinnerungen seiner Zeitgenossen gesichtet.

Auf 500 Seiten führt Bussiek den Leser chronologisch von Reifenbergs Geburt im ausgehenden 19. Jahrhundert bis zu dessen Tod 1970. Zuvor aber erläutert sie einzeln Schlüsselbegriffe, deren Bedeutung für sein Wirken unterstrichen wird. Da ist die bürgerliche Herkunft. Reifenberg wächst unter einem Wertehimmel auf, an dem moralische Ordnung, Fleiß, Pflichterfüllung, aber auch kulturelle Bildung, Individualismus, Urbanität und Liberalität als Fixsterne leuchten. Da ist die Kriegserfahrung. Anders als viele Angehörige der "Generation Frontkämpfer" erfährt Reifenberg durch das Fronterlebnis keine ideologische Radikalisierung. Die Kriegserfahrung wird dennoch zum Wendepunkt seines Lebens: "Das einstige Selbstverständliche einer rein privaten, im Individuellen wurzelnden Existenz war ins Problematische zersplittert." Statt wie geplant Professor der Kunstgeschichte wird er nun Journalist.

Die "FZ" war eine liberal-bürgerliche Zeitung, die auch international großes Ansehen genoss. In den 1920er Jahren galt die Mitarbeit im Feuilleton als Auszeichnung. Ursprünglich als Wirtschaftszeitung gegründet, schrieben in dieser Zeit Autoren wie Joseph Roth, Friedrich Sieburg und Dolf Sternberger für das Blatt. Bestimmend für Inhalt und die seriöse, kollegiale Arbeitsatmosphäre war als Leiter des Feuilletons seit 1924 vor allem Benno Reifenberg. Ein Mittler zwischen "rechtem" und "linkem" Flügel, der junge Talente entdeckte. Er propagierte Sorgfalt im Umgang mit dem Wort, bewies Sinn für Qualität und Innovation. Mit der Publikation erster soziologischen Aufsätze Siegfried Kracauers sowie Vorabdrucken der Arbeiten von Kästner, Döblin, Feuchtwanger leitete er eine neue Epoche des Feuilletons ein: es wurde zum Diskursraum, zum "fortlaufenden Kommentar zur Politik".

Nach Machtübernahme der Nazis lavierte die Zeitung – und mit ihr Reifenberg – zwischen Anpassung und Distanz zum Regime. 1943 wurde sie verboten.
Eine Neugründung kam nach Ende des Zweiten Weltkrieges nicht zustande. Stattdessen initiierte Reifenberg die Zeitschrift "Die Gegenwart". In ihr thematisierte er sehr früh die Themen "Innere Emigration" und "Kollektivschuld". 1958 übernahm die "FAZ" die Mitarbeiter der wirtschaftlich erfolglosen "Gegenwart". Reifenberg wurde einer ihrer Herausgeber.

Die Qualität der Biografie besteht darin, dass Dagmar Bussiek nicht nur die Persönlichkeit Reifenbergs erschließt und dem Leser nahebringt, sondern auch das (kultur-)historische Feld, auf dem er agierte. Man versteht nicht nur den Menschen und Publizisten Reifenberg, sondern auch Zeit und Gesellschaft, in denen er lebte. Die Autorin benennt neben seinen Verdiensten und Vorzügen deutlich auch die Schwächen und Irrtümer des bürgerlichen Intellektuellen Benno Reifenberg. Doch maßt sie sich nicht an, aus der Position der Nachgeborenen diese moralisch zu beurteilen.

Besprochen von Carsten Hueck

Dagmar Bussiek: Benno Reifenberg 1892 – 1970. Eine Biographie
Wallstein Verlag, Göttingen 2011
500 Seiten, 34,90 Euro

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