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Interview / Archiv | Beitrag vom 13.09.2010

"Input bekommen von den Kids"

Schauspieler Tyron Ricketts über das Integrationsprojekt RESPEKT 2010

Tyron Ricketts im Gespräch mit Marcus Pindur

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Tyron Ricketts will, dass sich die "Kids" zum Thema Integration Gedanken machen. (RESPEKT 2010, Robert Wunsch)
Tyron Ricketts will, dass sich die "Kids" zum Thema Integration Gedanken machen. (RESPEKT 2010, Robert Wunsch)

Der Schauspieler Tyron Ricketts vermisst die Einsicht, dass Deutsche und Einwanderer in einem Boot sitzen. Weil ihm eine Gesellschaft vorschwebt, in der "für jeden Platz" sein müsse, beteiligt er sich an der Aktion RESPEKT 2010 der Bundesregierung.

Marcus Pindur: Das Thema hat endlich einmal Konjunktur und ist dank Thilo Sarrazin auch aus dem Gutmenschen- und Sozialarbeitergetto heraus an die breite Öffentlichkeit. Wie erfolgreich verläuft die Integration besonders islamischer Jugendlicher in unserer Gesellschaft? Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Maria Böhmer startet heute ein Projekt, das Jugendliche anregen soll, sich mit dem Thema Integration auseinanderzusetzen. Das Projekt heißt RESPEKT 2010 und das ist der Titelsong (Songeinspielung).

Es ist aber noch nicht ganz der Titelsong zum Projekt RESPEKT 2010, weil er noch nicht fertig ist. Bei uns im Studio begrüße ich jetzt den Schauspieler und Musiker Tyron Ricketts, guten Morgen!

Tyron Ricketts: Schönen guten Morgen!

Pindur: Sie sind der Interpret, Sie wollen aber noch weitere Texter dazugewinnen. Wie soll das denn weitergehen?

Ricketts: Wir haben uns überlegt, wir geben eine Vorgabe, eine Vorlage inspirativ für Kids, sich mit dem Thema Integration selbst auseinanderzusetzen in ihrer Sprache, darum haben wir Rap gewählt. Und wir wünschen uns, dass sich die Kids in der Schule, aber auch zu Hause vorm Rechner Gedanken darüber machen, wie sie selbst Deutschland in der Zukunft sehen. Wir haben jetzt viel gehört von älteren Herren in Deutschland, wie sie sich Deutschland vorstellen, jetzt denke ich ist es an der Zeit, auch die Zukunft von Deutschland mal zu Wort kommen zu lassen. Und die Mechanik der ganzen Geschichte sieht so aus, dass sie eben eine dritte Strophe für den Song, den wir gerade gehört haben …

Pindur: … zwei Strophen sind schon fertig, genau …

Ricketts: … beitragen können, genau. Die dritte Strophe, 16 Takte, da denke ich haben die Kids Möglichkeiten, sich Gedanken zu machen, und ich hoffe, dass wir auch ein paar positive Ansätze für die Zukunft bekommen, wie es hier weitergehen kann.

Pindur: Das ist so ein bisschen eine Imitation von "Deutschland sucht den Superstar". Warum glauben Sie denn, damit zur Integration beitragen zu können?

Ricketts: Ich möchte mich ein bisschen abgrenzen von "Deutschland sucht den Superstar", weil bei Rapmusik geht es eben darum, dass man sich wirklich Gedanken macht über das, was gesagt wird. Also es gibt keine Musikrichtung, die so viel Worte beinhaltet wie Rap, und das gibt eine Chance, auch einen Inhalt rüberzubringen. Das ist bei "Deutschland sucht den Superstar" ein bisschen anders. Ich sehe da eine Chance, weil die Diskussion, die gerade heiß entbrannt ist, zeigt ja, wie sehr die Notwendigkeit besteht, darüber zu sprechen. Jeder fühlt sich unverstanden, ob das Menschen mit Migrationshintergrund sind oder ganz viele Menschen ohne Migrationshintergrund.

Was fehlt, ist meines Erachtens das Verständnis, dass wir eh alle in einem Boot sitzen und dass wir gemeinsam eben eine Lösung finden müssen. Weil wir sind einfach mittlerweile 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland, das gehört dazu und es muss meines Erachtens ein neues Selbstverständnis entstehen von Deutschland, in dem für jeden Platz ist. Und dann kann man denke ich gemeinsam auch in eine positive Zukunft gehen. Und da sehe ich eine Chance, dass wir einfach Input bekommen von den Kids, wie die das sehen.

Pindur: Wie sind denn Ihre eigenen Erfahrungen mit dem Thema Integration? Sie sind Sohn einer Österreicherin und eines Jamaikaners, und haben Sie die Erfahrung gemacht, dass Sie zum Beispiel auf stereotype Rollen festgelegt werden?

Ricketts: Die Erfahrung mache ich leider schon sehr lange. Ich bin ja auch nicht erst seit gestern involviert in das Thema, ich hab, vor zehn Jahren war ich bei Brothers Keepers dabei, ich hab einen Film gemacht, "Afro Deutsch", der in vielen verschiedenen Kinos lief. Meine Erfahrung ist die, ich fühle mich eigentlich von Geburt an integriert – ich bin in Österreich zur Welt gekommen, ich bin Bildungsdeutscher, bin hier von der ersten Klasse bis zum Abitur zur Schule gegangen –, merke aber, dass ich gerade in der öffentlichen Wahrnehmung oft noch auf Widerstände stoße.

Wie Sie eben angesprochen haben, ich bin Schauspieler seit 16 Jahren, ich hab bis heute vielleicht eine Rolle gespielt, in der es nicht um eine Problematik ging, in der ich einfach nur ein ganz normalen Charakter spiele, der hier in Deutschland zu Hause ist. Es geht immer darum, man ist Flüchtling, man ist Drogendealer, man ist konfrontiert mit Problemen, und ich denke …

Pindur: … oder Polizist …

Ricketts: … oder Polizist, aber selbst dann in privaten Folgen – also wir hatten ja ab und zu bei "SOKO Leipzig" auch mal eine private Geschichte. Selbst dann war es nicht möglich, eine normale Geschichte zu erzählen, sondern es ging immer um Rassismus, es ging immer um, nicht Teil der Gesamtbevölkerung, der Mehrheitsgesellschaft zu sein. Und das denke ich ist ein Problem. Weil wenn die Unterhaltungsmedien gar kein normales Bild zeigen, kann ich es der Frau, die noch nie wirklich persönlichen Kontakt hatte mit einem schwarzen Menschen oder vielleicht mit einem Menschen mit türkischem Migrationshintergrund, nicht verdenken, dass sie Angst hat, wenn sie immer nur ein Negativbild gezeigt bekommt. Da denke ich ist Deutschland noch 20 Jahre hinterher.

Pindur: Zum Schluss noch die Frage, hatten Sie Spaß bei der Produktion des Rapsongs?

Ricketts: Ja, Spaß auf der einen Seite. Auf der anderen Seite ist es auch eine große Verantwortung, die man da hat. Weil das wird ja – ich meine, ich sitze jetzt hier aufgrund dessen, dass ich den Song gemacht hab mit Ihnen, und wir reden darüber. Ich hab mir schon auch sehr, sehr viele Gedanken gemacht und ich war mir der Verantwortung bewusst, dass ich da auch ein heißes Thema anfange. Also Spaß sicherlich, Musik machen macht Spaß; aber auch mit dem nötigen Ernst und Wunsch, auch was verändern zu können.

Pindur: Vielen Dank! Das war der Schauspieler Tyron Ricketts zum Projekt RESPEKT 2010 der Bundesregierung.

Service:
Mehr Informationen finden Sie auf der Homepage von RESPEKT 2010.

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