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Tonart | Beitrag vom 21.07.2020

Innovationen in der MusikVerführerisches Bruzzeln eines kaputten Klangfilters

Von Klaus Walter

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Die Sängerin Cher bei ihrer "Do You Believe?" Tour 1999. (Getty / WireImage / Barry King)
Dank Autotune klang die Stimme von Cher wie "gerade gezogen" – und später wurde dieses Werkzeug für etwas Neues verwendet. (Getty / WireImage / Barry King)

Was passiert, wenn man technisches Gerät gegen die Gebrauchsanweisung einsetzt? Wenn man Musikinstrumente so traktiert, wie es nicht im Lehrbuch steht? Dann macht man den Defekt zur neuen Klangsignatur.

"Believe", der Hit mit der metallisch geschminkten Stimme, beschert Cher 1999 ein spätes Comeback, dank Autotune. Ausgerechnet Cher bedient sich modernster technischer Hilfsmittel, um ihre Stimme zu transformieren. Ausgerechnet Cher, die bekanntlich auch ihren Körper mit modernsten technischen Hilfsmitteln transformiert, mit knapp 30 Schönheitsoperationen.

Was ist eigentlich Autotune? Roman Flügel, Musiker und Produzent bei Acid Jesus und Sensorama erklärt:

"Autotune ist ein Effekt, den man seit einigen Jahren benutzt, um Sänger tonal so gerade zu ziehen, dass man nicht hört, dass sie den Ton nicht treffen. Das heißt, Autotune war eigentlich darauf ausgelegt, dass man eine Stimme tunen konnte. Wenn also eine Sängerin oder ein Sänger sich ein bisschen versungen hat, dann war das mit diesem Effekt wieder leicht hinzukriegen."

Dann aber kommt wie so oft im Pop der Kippmoment: Das Werkzeug wird gegen die Gebrauchsanweisung verwendet, etwas Neues entsteht. Das roboterhafte Flirren, Sirren, Summen auf der Stimme bekommt eine eigene Faszination. Auch bei den Zimmermännern, der Band von Detlef Diederichsen und Timo Blunck.

"Ich bin jetzt schwul", Die Zimmermänner 2014. Es singt Timo Blunck, ausgewiesener Hetero.

"Damit hat ja Cher angefangen und das ist ja inzwischen überall drauf", erklärt er. "Das finde ich lustig, dass 'Die Zimmermänner' gerade so was machen, was in der Popmusik ein No-Go ist, weil es so abgelutscht ist. Aber im Zusammenhang mit uns ist das schon wieder gut, vor allem im Zusammenhang mit deutschen Texten."

Das Tool gegen den Strich bürsten

Eine Qualität von Autotune: Die Stimme wird übergeschlechtlich. Sogenannte natürliche Eigenschaften der Stimme werden außer Kraft gesetzt.

"Ich denke ja, das ist wie mit all diesen Tools", sagt Detlef Diederichsen. "Sie werden dann interessant, wenn man sie gegen den Strich bürstet und was damit macht, was ursprünglich nicht intendiert war. Das, was ursprünglich intendiert war, wird irgendwann langweilig und man kann es nicht mehr hören. Irgendwann fällt irgendeinem ein, wenn man das rückwärts einstellt oder irgendwas anderes damit macht, kriegt man einen geilen Sound. Oder wenn man Glück hat, ein ganzes Sound-Universum. Und es wird im Glücksfall so eine Geschichte wie die Verzerrung, die ja auch nur entstanden ist, weil jemand besonders laut drehen wollte und dann gemerkt hat: Hey, das ist ja für sich schon ein geiler Sound."

Geiler Sound wie 1969 beim Woodstock-Festival, als Jimi Hendrix die amerikanische Nationalhymne malträtiert. Ein Exzess aus Feedback und Verzerrung. Das steht so in keinem Gitarrenlehrbuch.

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Auch dieser Zwitschersound folgt nicht der Gebrauchsanweisung. Acid Jesus, das Frankfurter Duo von Roman Flügel und Jörn Wuttke. Acid Jesus heißen nicht umsonst Acid Jesus.

Jörn Wuttke über die Entstehung von Acid House aus einem Fehler:

"Die beiden Chicagoer DJs DJ Pierre und Earl Spanky Smith hatten Mitte der 80er-Jahre einen Drumtrack mit einer Roland TR 808 aufgenommen. Diesen wollten sie mit einer Bassline aus einem Roland TB 303 Bass-Synthesizer ergänzen. Da sie keine Bedienungsanleitung hatten, spielte die 303 die Bassfrequenzen um einige Oktaven zu hoch ab. Das durch diesen Unfall entstandene Zwitschergeräusch wurde dann als Acid-Sound bezeichnet. Sie gaben den Track dann dem DJ Ron Hardy, der ihn im Chicagoer Club Music Box auflegte und das Publikum völlig euphorisierte. Der Track kam dann unter dem Titel 'Acid Tracks' raus."

Der Soundfilter stieß seltsame Geräusche aus

"Überfahrt" heißt dieser Track – und damit zu Stefan Betke und dem Fehler seines Lebens: "Irgendwann habe ich diesen Knackse-Filter anscheinend mal wieder unmuted, so dass der Kanal hörbar war."

Der "Knackse-Filter" ist ein Soundfilter mit Namen "Walldorf 4 Pole". "Der war aber blöderweise kaputt", erklärt Stefan Betke. Der Soundfilter war runtergefallen und stieß fortan seltsame Geräusche aus, Knacksen, Knirschen, Bruzzeln. Stefan Betke tut nun nicht, was ein anständiger Musiker tut – das defekte Gerät reparieren lassen oder wegschmeißen.

Nein, er lässt dem Gerät sein Eigenleben: "Ich dachte so: Wow! Das ist ja viel geiler. Ich habe das dann zugelassen, also Fehler zulassen. Brian Eno und andere haben das ja vor mir auch schon gemacht."

Als "planned accidents" bezeichnet Brian Eno diese Technik. Für Stefan Betke wird der nicht geplante Unfall zum Glücksfall. Er macht den Fehler zur Kunst, das Bruzzeln zur Klangsignatur und nennt sich fortan "Pole" nach dem defekten Soundfilter "Walldorf 4 Pole".

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