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Lesart / Archiv | Beitrag vom 15.08.2010

Inkohärenz und Chaos

Karl-Günter Zelle: "Hitlers zweifelnde Elite. Goebbels – Göring – Himmler – Speer"

Rezensiert von Stephan Malinowski

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Joseph Goebbels, Propagandaminister der Nazis (AP Archiv)
Joseph Goebbels, Propagandaminister der Nazis (AP Archiv)

Karl-Günter Zelle analysiert die Haltungen von vier der meistbeschriebenen Akteure des Dritten Reiches – was also ist an der Darstellung neu? Neue Perspektiven verspricht der Autor durch eine sozialpsychologisch informierte und ungewöhnlich genaue Betrachtung der Differenzen zu Hitler. Was der Autor an bekannten und weniger bekannten Einzelindizien zusammenträgt, ist spannend zu lesen, bietet tiefe Einblicke in die Entscheidungsabläufe des Regimes und weckt an unzähligen Stellen Erstaunen.

Auf den zweiten Blick allerdings relativiert sich dieses Erstaunen erheblich. Zum einen wäre es schwer, vom Kreis um Julius Cäsar über den Hof Ludwig XIV. bis zu Mussolinis oder John F. Kennedys Kabinetten einen Machtapparat ohne "zweifelnde" Mitglieder und ohne Abweichungen zu benennen. Dissonanzen und Alternativszenarien im inner circle gehören zum Tagesgeschäft der Macht - und auch in Diktaturen kommt es vor, dass sich Minister oder Generale eigenständige Gedanken machen. Hier handelt es sich eher um ein Muster denn um eine erstaunliche Besonderheit.

Die hier vorgeschlagene Sicht wirkt eher altbacken als neu. Denn Erstaunen kann nur dann gezündet werden, wenn man sich das Dritte Reich als eine Veranstaltung aus befehlendem Führer und ihm ergeben dienenden Schergen vorstellt. Dass im Dritten Reich viel Raum für Inkohärenz, Chaos und Polykratie war, ist richtig, doch aus den großen Forschungsdebatten der letzten 20 Jahre bestens bekannt. Hebt man den Blick über das kleine Gruppenporträt hinaus, wird undeutlich, was eigentlich das Explanandum, was genau die These des Buches sein soll. Die Leitkategorie des "Zweifels" bleibt im Buch so unscharf wie ihre historische Bedeutung und ihre analytischen Potentiale.

So ist etwa die in vielen Farben schillernde Furcht vor der eigenen Courage angesichts der megalomanen und verbrecherischen Pläne zur Erschaffung einer neuen Welt eher verständlich als erstaunlich. Über Görings Haltung im Herbst 1938 heißt es:

"Ein ganz anderer Göring erscheint in der Sudetenkrise: Jetzt lehnte er Hitlers Kriegspolitik als gefährlich ab und konnte Hitlers Einschätzung nicht teilen, ein Krieg mit der Tschechoslowakei wäre begrenzbar. Offensichtlich trug er schwer an diesem Konflikt und war tief besorgt."

Zweifellos hat sich Göring, wie die gesamte den Krieg planende Elite, über Zeitpunkt und Frontstellung des Krieges den Kopf zerbrochen. Doch die Betonung von Görings "Kriegsfurcht" muss im Licht der Gesamtperformance des Oberbefehlshabers der deutschen Luftwaffe, die auf Jahre den halben Kontinent terrorisierte, absurd genannt werden. Im Übrigen gingen die hier thematisierten Zweifel weit über die vier Personen hinaus.

Buchcover: "Hitlers zweifelnde Elite. Goebbels – Göring – Himmler – Speer" von Karl-Günter Zelle (Ferdinand Schöningh Verlag)Buchcover: "Hitlers zweifelnde Elite" von Karl-Günter Zelle (Ferdinand Schöningh Verlag)Die schnell changierende, fast manisch-depressive Haltung, die Kombination von ängstlicher Distanz im Privaten, fachlicher Kritik, zittriger Sorge ob Hitlers Va-banque-Politik und taumelnder Begeisterung für die kurzlebigen Erfolge derselben charakterisieren einen Großteil der deutschen Funktionseliten. Privatpläne zum Durchmarsch nach Moskau sind hier so typisch wie der jammernde Kleinmut beim Einbruch nationalsozialistischer Kartenhäuser und Verbrecherhöhlen. Die post festum betonten "Zweifel" wurden dann nach 1945 zur Lebenslüge einer ganzen Generation. All dies markiert jedoch keine Distanz, sondern die Betriebstemperatur des Dritten Reiches.

Es wäre darüber hinaus nach den Verzerrungen zu fragen, welche die hier vorgeschlagene Perspektive mit sich bringt. Bemerkenswert erscheinen schließlich nicht die inneren Schwankungen und Differenzen in Sachfragen, die in jeder Herrschaftselite auftreten, sondern die bis zur totalen Zerstörung und aus eigenem Antrieb durchgehaltene Grundlinie.

Viele der analysierten Zweifel hielten nicht länger als einige Stunden oder Wochen. Wichtiger aber ist, dass diese Zweifel keine bedeutende Opposition oder Alternative hervorgebracht haben.

Im vielleicht interessantesten Kapitel über Heinrich Himmler wird die analytische Schieflage am größten. Denn Himmlers von Hitler abweichender Germanenhumbug, seine Bewunderung für Dschingis Khan und die Härte Stalins, seine wie bei Goebbels stark von Hitlers Bild über den Osten abweichenden Einschätzungen haben inneren Terror und äußeren Vernichtungskrieg weder verlangsamt noch aufgehalten. Dies trifft auch auf die Magenschmerzen zu, die Himmler ob seiner Aufgaben bei der Ermordung der europäischen Juden gehabt haben soll.

An diversen Stellen liest man die Blüten des Versuchs, innere "Zweifel" zur analytischen Kategorie zu erheben, mit Befremden. So führt etwa die Analyse von Himmlers Bauchschmerzen zu erstaunlichen Perspektiven:

"Himmler sah sich hier als Opfer eines Auftrages ‚des schwersten, den wir bisher hatten’. Schwer aus zwei Gründen: einmal die inneren Hemmungen gegenüber dem Mord, zumal dem Massenmord, wieder und wieder zu überwinden und zum anderen vielleicht der Zweifel, ob es denn wirklich ‚Ungeziefer’ war, was so massenhaft umgebracht wurde. (...) Man darf also vermuten, dass auch Himmler davon überzeugt war, dass er persönlich für die Judenvernichtung mit Schmerzen und Krankheiten bezahlen musste. Dies war sein persönliches Opfer, über das er freilich nicht sprechen konnte."

Zelle beruft sich auf sozialpsychologische Termini und die weltberühmten, hier allerdings wie Neuheiten eingeführten Milgram- und Stanford-Gefängnis-Experimente, um das Schwanken zwischen innerer Distanz und erneut aufglühendem Führerglauben zu erklären. Doch statt der angekündigten Innovation erweist sich die Heranziehung von Zwangssituationen für die Deutung der nationalsozialistischen Machtelite als analytischer Rohrkrepierer. Wenn ausgerechnet Heinrich Himmler am Ende des Buches als ein von Bauchschmerzen gepeinigter Abweichler erscheint, der seit 1942 den Krieg beenden wollte, den Widerstand gewähren ließ und sich "insgeheim" von Hitler löste, dürften eher die verwandten Meßmethoden als der Forschungsstand zum Reichsführer der SS defizitär sein.

Auch der am Ende des Buches variierte Gedankengang, der Begriff des Verbrechens erschiene angesichts sozialpsychologischer Einsichten "in neuem Licht", muss angesichts des Untersuchungsgegenstandes abenteuerlich genannt werden.

"Aus diesen ist zu folgern, dass fast Jeder bereit ist, auf Befehl oder im Gruppendruck grausame und sadistische Taten auszuführen, derer er sich zuvor nicht für fähig gehalten hätte. Damit erscheint der Begriff des Verbrechens in einem neuen Licht: das Verbrechen nicht notwendigerweise als Ausfluss einer verbrecherischen Persönlichkeit, sondern häufig durch die Situation herbeigeführt: durch Druck einer Autorität, einer Gruppe oder durch die Verführung der Macht."

Das Buch bietet einen gut und mit Gewinn lesbaren Quereinstieg in zentrale Fragen der Geschichte des Dritten Reiches. Die Figur der "zweifelnden Elite" allerdings kann darstellerisch nicht überzeugen und öffnet analytisch keine neuen Türen. In der hier aufgemachten Logik, die auf rutschiger Quellenlage psychologische Tiefenbohrungen im Innenleben von vier NS-Führern versucht, bestünde die nächste Erzählstufe in einem Buch mit dem Titel "Hitlers Zweifel" oder: "Der zweifelnde Führer".

Karl-Günter Zelle: Hitlers zweifelnde Elite. Goebbels – Göring – Himmler – Speer
Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2010
503 Seiten, 39,90 Euro

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