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Zeitfragen | Beitrag vom 11.11.2019

Inklusives Wohnprojekt MünzinghofEine Dorfgemeinschaft für Menschen mit Behinderung

Von Michael Watzke

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Eine Auszubildende am Münzinghof bindet ein Notizheft. (Michael Watzke)
Hier zählt Handarbeit: Die Dorfgemeinschaft Münzinghof orientiert sich am anthroposophischen Menschenbild, wie man es von Waldorfschulen kennt. (Michael Watzke)

Auf dem Münzinghof in Franken leben Menschen mit geistiger Behinderung mit "Hauseltern" zusammen. Die ländliche Umgebung und handwerkliche Arbeit bieten Menschen mit den unterschiedlichsten Fähigkeiten einen Platz.

Anette Pröll ist eine echte Münzinghoferin. Das sagt die zurückhaltende junge Frau mit viel Stolz in der Stimme. "Anfangs war ich noch recht schüchtern. Wegen der ganzen neuen Eindrücke und so. Aber jetzt fühle ich mich richtig zuhause. Möchte hier auch so schnell nicht wieder weg. Weil ich hier Freunde gefunden hab. Hier gefällt’s mir einfach gut."

Seit einem guten Jahr lebt Anette auf dem Münzinghof. Wer sie an ihrem Arbeitstisch in der Werkstatt beobachtet, zwischen all den anderen jungen und älteren Menschen, der denkt erstmal, die 19-jährige sei eine Praktikantin oder eine Auszubildende. "Wir machen ganz unterschiedliche Sachen", sagt sie. "Jetzt gerade schneiden wir Hagebutten für eine Marmelade und für Hagebutten-Apfel-Tee."

Besondere Fähigkeiten und Bedürfnisse

Anette Pröll aus Sulzbach-Rosenberg ist ein Mensch mit besonderen Fähigkeiten und besonderen Bedürfnissen. So heißen auf dem Münzinghof jene Bewohner, die mal mehr und mal weniger Hilfe brauchen. Wie der quirlige junge Mann neben Anette, der dem Radioreporter gleich mal das Aufnahmegerät stibitzt und ein spontanes Ständchen singt.

Die Stimmung am großen Arbeitstisch ist ausgelassen. Die moderne, lichtdurchflutete Werkstatt ist eine von vielen auf dem Münzinghof. Und doch ist das hier keine normale Einrichtung der Behindertenhilfe. Die Menschen hier arbeiten und leben gemeinsam – 24 Stunden pro Tag. Sieben Tage die Woche, sagt Nils Lubenau, der Wohnbereichsleiter des Münzinghofes:

"Die Lebens- und Dorfgemeinschaft Münzinghof ist besonders, weil sie das familiäre Konzept sehr hochhält. Wir haben fast ausschließlich Häuser, die von Hauseltern geführt werden. Die Menschen leben hier alle gemeinsam mit den Menschen mit Behinderung. Es gibt andere Dorf-Gemeinschaften in Deutschland, die das System nicht mehr ganz so eng fahren. Das macht uns aus, dass wir auf diese häusliche Gemeinschaft viel Wert legen. Das Immer-Zusammenleben mit den Menschen."

In einer Bäckerei werden Croissants mit Schokolade bestrichen. (Michael Watzke)Croissants vom Münzinghof: Die Dorfgemeinschaft finanziert sich auch aus dem Verkauf von selbst produzierten Gütern wie Backwaren, Käse und Handwerks-Erzeugnissen. (Michael Watzke)

Vorbei an alten Fachwerkhäusern, Pferdekoppeln, Schafweiden und der gelben Poststelle führt uns Lubenau zum "Hollerhaus", einem von neun Wohnhäusern auf dem Münzinghof. Seinen Namen trägt das 350 Quadratmeter große Anwesen, "weil hier an der Treppe ein Holunderbaum steht, also Holler wächst", so Hausmutter Katja Kolder. Im Hollerhaus leben und arbeiten 16 Menschen: Kolder mit ihrem Ehemann Eckehard und zwei Kindern, dazu Praktikanten und Auszubildende – und acht Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Zum Beispiel Mira, die gerade auf dem Sofa sitzt, ihren Kopf an Katja Kolders Schulter lehnt und den Besucher anlächelt.

"Ich weiß jetzt auch nicht ganz genau, was sie gerade sagen möchte. Aber auf jeden Fall hört sie zu und möchte sich gern einbringen", sagt Katja Kolder. Sie sieht sich nicht als Miras Ersatzmutter. Die junge Dame sei schließlich ein erwachsener, eigenständiger Mensch. Aber natürlich ist Frau Kolder, die Hollerhaus-Mutter, eine wichtige Bezugsperson.

Anthroposophische Prinzipien

"Wir sind Ansprechpartner für eine lange Zeit", so Kolder. "Unsere Praktikanten und Auszubildenden sind natürlich auch wichtige Ansprechpartner, die werden vor allem bei aktuellen Lebensthemen gern in Anspruch genommen. Das, was aber über Jahre und lange Zeit im Fokus steht, da sind auf jeden Fall wir die Ansprechpartner." Katja Kolder und ihre Familie leben seit elf Jahren im Hollerhaus. Die vier haben ihren eigenen Wohnbereich, aber alle Bewohner frühstücken gemeinsam, essen auch am Abend zusammen und verbringen im großen Wohn- und Esszimmer des Hollerhauses viel Zeit miteinander.

Die Dorfgemeinschaft Münzinghof ist eine anthroposophische Einrichtung. Das heißt, die Begleiter und Betreuer orientieren sich am anthroposophischen Menschenbild, wie man es von Waldorfschulen kennt. Auch Philipp, 22, aus Niedersachsen, hat eine Waldorf-Verbindung. "Das kam über meine Mutter", erzählt er, "die arbeitet in einem Waldorf-Kindergarten. Sie hatte zufällig eine Anzeige über den Münzinghof in einer Zeitschrift gefunden und meinte, ich solle mir das mal anschauen. Das habe ich gemacht. Bin zur Kennenlern-Woche gekommen, war begeistert und habe hier meinen Bundes-Freiwilligen-Dienst gemacht."

Ein fester Tagesrhythmus vermittelt Sicherheit

Mittlerweile macht Philipp eine Ausbildung auf dem Münzinghof. Er lebt bei seiner Wahlfamilie in einem der neun Häuser, spielt Fußball beim drei Kilometer entfernten TSV Velden – und hat die Entscheidung nicht bereut. Auch weil er sich seinen persönlichen Freiraum erhält. Das sei sehr wichtig, sagt er, "vor allem, weil ich schon länger hier bin. Am Anfang war ich noch viel offener für alles. Habe viel mitgemacht und selten Nein gesagt, auch in der Familie und zu Menschen. Das hat sich gelegt. Ich schaue auf mich selber und teile mir die Kräfte ein. So, dass ich gut durch den Tag, die Woche und das Jahr komme."

Denn das Leben auf dem Münzinghof kann auch anstrengend sein – körperlich und seelisch. Der Tagesrhythmus ist immer gleich, um den geistig behinderten Menschen Kraft und Sicherheit zu geben. Das Dorf liegt mitten in den fränkischen Wäldern. Aber gerade das mache den besonderen Reiz des Ortes aus, findet Nils Lubenau:

"Das ist ein sehr genialer Ort. Genius loci. Ein sehr verbindender Ort. Das hat mich als Norddeutschen hier festgehalten. Die Landschaft ist schön. Die Menschen sind freundlich. Viele junge Leute. Ich war ja auch hier Praktikant und habe das sehr geschätzt. Eine große Anzahl junger Leute führt hier eben auch noch ein Junge-Leute-Leben. Die Verbindung der Natur mit dem Landleben und den vielen Menschen – das ist genial."

Seit 41 Jahren gibt es die Dorfgemeinschaft Münzinghof schon. Sie finanziert sich aus dem Verkauf von selbstproduzierten Gütern wie Käse, Fleisch und Handwerks-Erzeugnissen, von Spenden – und natürlich aus dem Geld, das die Hauseltern für die Begleitung der geistig behinderten Bewohner erhalten. Keine leichte Aufgabe für Michael Taubmann, der in der Geschäftsführung für den Haushalt zuständig ist. "Das ist die Kunst", sagt Taubmann, "dass wir bei all dem, was wir hier intern wollen, die Regeln, die von außen auf uns zukommen, so weit wie möglich dehnen. Damit wir unsere Individualität leben können und trotzdem Geld kriegen."

Fußball-Turnier mit dem Nachbardorf

Anfang nächsten Jahres greift die dritte Stufe des Bundes-Teilhabegesetzes (BTHG). Für Michael Taubmann ein wichtiger Einschnitt: "Bisher gab es in der Eingliederungshilfe ‚Leistungstypen‘. Aber es gab nie einen Leistungstyp 'Dorfgemeinschaft'. Wir waren immer zwischendrin, zwischen den Stühlen. Dieses BTHG eröffnet uns vielleicht Möglichkeiten, die wir noch gar nicht sehen. Im Moment ist es ein Riesen-Verwaltungspferd, das wir alle zu reiten versuchen. Aber ich glaube, dass für die Menschen auf dem Münzinghof mit diesem individuellen Leben auch Chancen darin stecken."

Das hoffen nicht nur die 150 Dorfbewohner. Das hoffen auch die Bürger der umliegenden Gemeinden, zu denen der Münzinghof ein sehr gutes Verhältnis pflegt. Weil sich die Dorfgemeinschaft nicht abschottet und ihr eigenes Süppchen kocht, sondern wirtschaftlich und kulturell eng mit den Nachbarn verknüpft ist. Demnächst gibt es wieder das traditionelle Fußballspiel Münzinghof gegen die Alten Herren von Velden, dem Nachbarort. Wer dabei gewinnt, ist ziemlich egal. Hauptsache, man redet und hat Spaß miteinander.

Anette Pröll, die 19-jährige aus der Werkstatt, wird natürlich das eigene Team anfeuern. Sie ist schließlich selbst eine Münzinghoferin: "weil ich jetzt hier auch Freunde gefunden habe. Hier gefällt’s mir einfach gut. Möchte hier auch so schnell nicht wieder weg!"

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