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Interview / Archiv | Beitrag vom 13.06.2014

Inklusion"Mit Unterstützung ist sehr viel möglich"

Unternehmer: Blockaden erkennen und Bedürfnisse des Einzelnen berücksichtigen

Karl-Heinz Miederer im Gespräch mit Korbinian Frenzel

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Ein Schulkind steht vor einer Tafel, auf der das Wort "Inklusion" geschrieben steht. (picture alliance / dpa)
Die Deutsche UNESCO-Kommission hat 2010 den Expertenkreis "Inklusive Bildung" gegründet. (picture alliance / dpa)

Ohne ausreichende Fördermittel könne Inklusion nicht funktionieren, sagt Karl-Heinz Miederer, Geschäftsführer der Firma Access. Er vermittelt Behinderte in Betriebe und betreut sie dort. Das funktioniere sehr gut.

Korbinian Frenzel: Inklusion, mittlerweile dürfte jeder dieses Wort zumindest schon mal gehört haben und wahrscheinlich wissen Sie auch, dass es dabei um das geht, was früher vielleicht eher sperrig als Integration von Behinderten bezeichnet wurde.

Inklusion haben sich viele auf die Fahnen geschrieben als Ziel, die Vereinten Nationen, die deutsche Politik einfach und natürlich die Bildungspolitiker. Heute legen sie den nationalen Bildungsbericht vor und darin ist ein zentrales Thema, wie weit wir schon sind bei dem Ziel, alle Menschen, egal ob behindert oder nicht, beim Lernen oder auch beim Arbeiten später zusammenzubringen.

Wir reden jetzt darüber, nicht mit einem Politiker, sondern mit einem Praktiker in vielerlei Hinsicht. Ein Mann, der selbst im Rollstuhl sitzt und dessen Beruf es ist, Behinderte in Betriebe zu vermitteln und sie dort zu betreuen.

Karl-Heinz Miederer, Geschäftsführer der Firma Access, guten Morgen!

Karl-Heinz Miederer: Guten Morgen!

Frenzel: Ihr Firmenziel ist es, Behinderte in normale Industriebetriebe zu vermitteln. Funktioniert das?

Miederer: Das funktioniert definitiv. Es gelingt uns jedes Jahr, eine zweistellige Zahl von Personen dauerhaft in Betriebe zu integrieren.

Frenzel: Wenn Sie mit Arbeitgebern ins Gespräch kommen, in Kontakt kommen, was sind die Argumente, die sie überzeugen, behinderte Menschen wirklich einzustellen?

Arbeitgeber hat keine Kosten

Miederer: Arbeitgeber haben immer noch sehr oft die Meinung, dass ein behinderter Mensch, den er einstellt, nicht mehr kündbar ist. Das ist einfach nicht Sache, das ist mit einem Satz aus dem Weg zu räumen. Es gibt einen besonderen Kündigungsschutz, aber jede Person, die für einen Betriebsrat nur kandidiert hat, hat einen intensiveren Kündigungsschutz als jemand mit einer Behinderung.

Was ganz wichtig ist: Wenn wir behinderte Menschen in Betrieben platzieren, dann geschieht das in der Regel über ein mehrmonatiges Praktikum. Dieses Praktikum wird begleitet von unseren Mitarbeitern. Das heißt, der Arbeitgeber hat keine Kosten, hat keine Mitarbeiter, die er abstellen muss, und am besten funktioniert das, wenn man merkt, dass nicht das Etikett Behinderung wichtig ist, sondern dass es ein Mensch ist, der bestimmte Dinge kann, bestimmte Dinge, die im Betrieb gebraucht werden. Und diese Passung ist etwas, was ein Dienstleister wie Access hinbekommt.

Frenzel: Ich frage deshalb danach, weil vor zwei Tagen erst die Bertelsmann Stiftung eine Studie vorgelegt hat, die einen ja zweifeln lässt: Nur zehn Prozent der Behinderten, heißt es darin, der behinderten Schulabgänger kriegen einen Ausbildungsplatz. Ist das eine Hürde, die Sie auch sehen bei all denen, denen Sie nicht helfen können?

Miederer: Was wichtig wäre, ist natürlich, dass man gute Beispiele kennt, dass man in der Öffentlichkeit auch immer wieder darauf hinweist, dass es geht, vielleicht auch wie es geht. Mit Unterstützung ist sehr, sehr viel möglich, das stellen wir in unserer Alltagspraxis eigentlich permanent fest.

Frenzel: Inklusion ist ja jetzt das große Thema an Schulen, seit zwei Jahren werden sehr viele Schulen in Deutschland umgebaut mit diesem Ziel, dass man eben Kindern ganz unterschiedlicher Fähigkeiten die Möglichkeit gibt, an einem Ort zu lernen. Merken Sie das schon, also erleben Sie, dass Kinder heute, Jugendliche, die in den Beruf einsteigen wollen mit Ihrer Hilfe, dass sie ganz anders vorbereitet sind?

Miederer: Wichtige Voraussetzung ist, dass die Menschen, die damit befasst sind an den Schulen, aber auch die Eltern und die Schüler selber, dass die nicht von heute auf morgen auf eine Kultur der Inklusion zurückgreifen können, sondern dass sie einfach auch in Kauf nehmen, dass es noch einige Ruppigkeiten und Klärungsbedarf gibt. Es läuft sicherlich nicht rund und es wird noch einige Zeit dauern. Entscheidend ist, dass man nicht mit Forderungen aufeinander zugeht, sondern dass man gemeinsam versucht, das Beste aus dem zu machen, was das Leben im besten Sinne brauchen kann.

Frenzel: Sie sagen: Kultur der Inklusion. Wenn ich das mal umdrehe, stoßen Sie denn noch häufig auf eine Kultur der Ausgrenzung?

Inklusion: die richtige Unterstützung für ein Individuum

Miederer: Kultur der Ausgrenzung würde ich es nicht nennen, aber es gibt sicherlich Barrieren. Blockaden kann ich am besten auflösen, indem ich mir klar werde, dass jede Blockade auch ihren Grund hat. Und die zu suchen, ist der Schritt um sie aufzulösen, um dann das zu erreichen, was Inklusion meint, nämlich die richtige Unterstützung für ein Individuum, so wie es gebraucht wird, und nicht eine bestimmte Schublade oder eine bestimmte Schuhgröße, die jedem Fuß passen muss.

Frenzel: Erleben wir da nicht aber paradoxerweise zwei ganz unterschiedliche, zwei ganz gegensätzliche Entwicklungen in der Gesellschaft insgesamt: Einerseits haben wir das hehre Ziel, Menschen aller Art zu integrieren, gleichzeitig steigt der Leistungsdruck in der Schule, aber auch im Beruf, da wird immer mehr von einem verlangt. Geht das zusammen?

Miederer: Jein. Es ist vielleicht auch eine wichtige Funktion darauf hinzuweisen, dass Geschwindigkeit nicht alles sein kann, sondern dass es im Leben, ob in der Schule oder in der Arbeit auch noch andere Werte und andere Ziele geben muss als möglichst schnell, möglichst viel, möglichst effizient und möglichst schön zu erreichen. Ich denke, unser Leben bietet mehr als Hochleistung. Es kommt auch auf gegenseitige Rücksichtnahme an, auf Menschlichkeit an. eine Betriebskultur lebt auch von der Art des Miteinanders, egal in welcher Branche Sie tätig sind. Der Ton spielt immer eine wichtige Rolle.

Und da ist gerade die Inklusion behinderter Menschen vielleicht auch ein ganz wichtiger Fingerzeig, dass man sich darüber klarwerden kann, dass es einfach auch noch andere Werte gibt und dass der Kollege, ob er jetzt behindert oder nicht behindert ist, nicht nur eine Nummer ist, nicht nur ein Arbeitsgerät, sondern dass es um Wertschätzung gehen muss.

Frenzel: Sie beobachten diese Entwicklung ja seit 16 Jahren mit Ihrer Firma, so lange versuchen Sie schon, behinderte junge Menschen zu integrieren in den Arbeitsmarkt. Haben Sie denn das Gefühl, dass das, was Sie da gerade beschrieben haben, dass das einfacher ist, dass diese Erkenntnis angekommen ist?

Miederer: Einfacher würde ich nicht sagen. Eine ganz wichtige Sache ist, wer sorgt dafür, dass Strukturen entstehen, damit Menschen besser - ich sage jetzt - integriert werden? Der Staat hat eine ganz, ganz wichtige Funktion und der Staat übt diese Funktion auch sehr stark durch Förderungen aus, Strukturen werden aufgebaut, indem Organisationen, die Menschen mit Behinderungen und Arbeitgeber begleiten, ins Entstehen kommen können. Ohne Fördermittel wird das nicht funktionieren. Arbeitskraft mit Behinderung hat einfach Unterstützungsbedarf. Ohne solche Unterstützungsstruktur wird Inklusion im Arbeitsleben eine Illusion sein, das Gleiche gilt für den Schulbereich.

Frenzel: Karl-Heinz Miederer, Geschäftsführer der Firma Access, die Behinderte in Firmen vermittelt und sie dann betreut. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur/Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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