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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 25.09.2016

Inklusion beim SC Lemgo-WestKicken mit und ohne Behinderung

Von Heinz Schindler

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Ein junger Flüchtling spielt Fußball. (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
Inklusives Kicken - beim SC Lemgo ist das möglich. (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)

Lemgo ist eigentlich bekannt für seinen erfolgreichen Handballverein. Dabei spielt die erstaunlichste Mannschaft der ostwestfälischen Stadt in der Fußball-Kreisliga: Beim SC Lemgo-West spielen Menschen mit und ohne Behinderung.

Am Rande der lippischen Handballhochburg Lemgo liegt kurz vor der Umgehungsstraße und dennoch abgeschieden, die "West- Alm" - Heimat des SC Lemgo- West, einem familiären Verein mit gerade einmal 150 Mitgliedern, einer Gymnastikriege und drei Fußballmannschaften. Dabei ist die Dritte einzigartig in Westfalen und Lippe: in ihr spielen Fußballer mit und ohne Behinderung in der Kreisliga C, berichtet die erste Vorsitzende, Wilma Borchardt.

"Unser Trainer von der dritten Mannschaft, der kam mit ein paar Leutchen hier hoch, hat mit denen Fußball gespielt und dann ist das so nach und nach zustande gekommen. Die Jungs hatten richtig Spaß, wollten immer wieder. Dann kamen immer mehr dazu und seit drei Jahren sind sie hier, trainieren und bleiben jetzt sogar standhaft bei der Liga."

Das ist die Kreisliga C, wo es keinen Abstieg mehr gibt. Die Hälfte der Inklusionsmannschaft sind Spieler mit einer Behinderung. Achim Jelitko trainiert sie:

"Das sind leichte geistige Einschränkungen, leichte körperliche und ja, wie man das so sagt, leichte Lernschwierigkeiten etc. pp., die es dann den Leuten nicht ermöglichen, zum Beispiel auf dem ersten Arbeitsmarkt zu arbeiten und dann von der Lebenshilfe betreut werden."

"Es gab auch nie Sprüche"

Vor rund einem Jahr wagte der SC Lemgo- West den Schritt, seine dritte Mannschaft im Spielbetrieb anzumelden.

"Dann haben wir die Gegner von der dritten Mannschaft alle noch angeschrieben, daß sie auch ihre Fans aufklären vorher, dass halt wirklich keine Sprüche kommen und es gab auch nie Sprüche und die Gegner sind auch eigentlich alle ganz nett."

Dennoch: die Mannschaft stellt sich dem Wettbewerb, will keine Extrawurst. Das heißt dann aber auch mitunter zehn, fünfzehn oder manchmal auch mehr Gegentore, so Frank Summek, zweiter Vorsitzender des Vereins.

Wilma Borchardt, erste Vorsitzende des SC Lemgo- West, präsentiert das Trikot der Inklusionsmannschaft. (Deutschlandradio/Heinz Schindler)Wilma Borchardt, erste Vorsitzende des SC Lemgo- West, präsentiert das Trikot der Inklusionsmannschaft. (Deutschlandradio/Heinz Schindler)

"Ja gut, das haben wir natürlich auch. Ich versteh' das, wenn man mal einen Gegner hat, wo man dann einmal richtig draufhauen kann, wo dann jeder von unseren Gegnern dann auch mal 'n Tor schießen will. Kann ich auch alles verstehen. - Ob das sein muss? Wir haben es unseren Gegnern damals gesagt, das muss jeder sportlich für sich selbst entscheiden, ob er das unbedingt haben muss. Aber unsere dritte Mannschaft stört's eigentlich nicht."

Der Frust weicht schnell neuer Motivation. Und der bislang einzige Sieg bedeutete auch Spieler Matthias sehr viel:

"Es war sehr schön gewesen, ich freu' mich für unsere Mannschaft. Das war eigentlich sehr überraschend, wir haben das alle nicht erwartet. Wir waren eigentlich sogar in Kritik gewesen. Dass wir das nicht hinkriegen würden oder so. Aber mit den drei Punkten haben wir das umgedreht. Da sehen wir, dass wir doch irgendwie Fußball spielen können und ich hoffe, das wird auch so weiter gehen."

Erfolg ist eine Frage der Definition

Matthias ist einer der Torschützen seiner Mannschaft und gibt einen Einblick, dass ein Tor viel mehr ist als nur das Runde im Eckigen:

"Da sehe ich: ich kann noch Fußball spielen. Ich kann noch das, was ich eigentlich kann. Und jetzt dieses Tor, das war eigentlich für mich das Sahnehäubchen obendrauf, wieder Selbstbewusstsein zu tanken und dieses Jahr nochmal anzugreifen, ob es nicht wirklich noch besser geht."

Bei einer inklusiven Mannschaft sind aber eben auch Spieler ohne Behinderungen am Ball. Die brauchen vor allem die Bereitschaft, Spiele zu verlieren, betont Trainer Achim Jelitko.

"Also wir haben da einen Spieler, der also hinten unsere Abwehr in Anführungsstrichelchen so'n bisschen zusammen hält. Der könnte mit Sicherheit auch in 'ner Mannschaft spielen, die ein oder vielleicht auch zwei Klassen höher spielt. Aber der hat gesagt, für ihn ist das mehr wert, mit den Jungs hier zu kicken als zwei Klassen höher. Er freut sich, wenn's da kleine Erfolge gibt und deswegen spielt er bei uns."

Erfolg ist manchmal nur eine Frage der Definition. Natürlich gibt die dritte Mannschaft des SC Lemgo- West alles für den zweiten Sieg. Doch selbst  wenn der noch auf sich warten lässt, so gewinnt Woche für Woche das selbstverständlich gewordene Miteinander.

Über Inklusion im Alltag haben wir außerdem mit Dietmar Schacht, dem Ex-Trainer Fußball-Nationalmannschaft der geistig Behinderten, gesprochen: 

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