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Länderreport | Beitrag vom 08.12.2020

Inklusion an der Grundschule Die ganze Klasse lernt Gebärdensprache

Von Vivien Leue

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Ein kleines Mädchen steht in einem großen Raum auf eine Podest und macht Gebärden. Um sie herum sitzen viele andere Kinder und gucken ihr dabei zu. (picture alliance / dpa / Marcel Kusch)
Um sich mit allen gut verständigen zu können, gibt es an Schulen und in Kitas Gebärden-Kurse für Kinder. (picture alliance / dpa / Marcel Kusch)

Was wollen Kinder? Miteinander spielen und sich gut verstehen. Um dabei niemanden auszuschließen, lernen die Schülerinnen und Schüler der Gemeinschaftsschule Hebborn Gebärden und entdecken eine für sie neue "Geheimsprache".

Es ist Freitagmittag. An der Gemeinschaftsgrundschule Hebborn in Bergisch-Gladbach ist die vierte Stunde vorbei. Die Kinder unterhalten sich ausgelassen und laut. Gleich geht’s ins Wochenende.

Vorher finden aber noch die AGs statt, immer freitags in der fünften Stunde. Für die Kinder aus der dritten Klasse ist nach den Sommerferien eine ganz besondere AG neu hinzugekommen.

Ungewohnt still

Hier wird erzählt, es werden Lieder gesungen. Die insgesamt zwölf Kinder unterhalten sich lebhaft, aber es nichts davon zu hören.

Die Schülerin Frieda: "In unserer Schule ist ein Mädchen, das gehörlos ist", erklärt die Achtjährige. "Und wenn ich das lerne, dann kann ich das auch verstehen und mit ihm reden."

"Das" – ist die Gebärdensprache. Sie wird hier vermittelt – spielerisch und mit offenkundig viel Spaß.

Ein anderes Mädchen fragt: "Wie geht türkis?"

Die Gebärden-Trainerin Frau Schneider muss lachen: "Ich weiß es nicht. Soll ich das mal nachgucken?"

Ein anderes Mädchen hat dazu eine Idee: "Nimm doch einfach hellblau."

Kinder lernen schnell neue Sprachen

Stephanie Schneider leitet die AG ehrenamtlich, sie stellt fest: "Sie lernen sehr schnell, finde ich. Ich komme manchmal gar nicht hinterher. Da fragen die mich tausend Sachen, die ich gar nicht auf dem Schirm habe. Wie Spion oder wie heißt das Coronavirus."

Die erste Idee zu dieser Gruppe kam vor etwa zwei Jahren auf, erzählt Katharina Kaul, die Mutter eines der Kinder der Gemeinschaftsgrundschule Hebborn. Ihr neunjähriger Sohn Jonas lernt hier, ebenso wie ein gehörloses Mädchen, das aktuell in der vierten Klasse ist. Jonas wollte auf dem Schulhof mit dem Mädchen spielen. Frustriert erzählte er danach seiner Mutter, "dass sie erst mit dem Gebärdensprachdolmetscher reden müssen. Der muss das übersetzen. Das Kind antwortet, der Gebärdensprachdolmetscher übersetzt wieder, und eigentlich wollten wir einfach nur mal Hallo sagen oder irgendetwas fragen oder helfen oder zusammen spielen. Und das war halt kompliziert."

Einfach nur miteinander spielen

So entstand der Plan, den Kindern die Gebärdensprache beizubringen. Kaul holte den Förderverein der Schule mit ins Boot, der direkt die Trägerschaft für die neue AG übernahm. Eigentlich sollte sie für alle Jahrgänge offen sein, aber unter Corona-Bedingungen dürfen die Gruppen nicht gemischt werden. So lernt aktuell nur eine dritte Klasse die Gebärdensprache – vorerst zumindest.

Unter ihnen: Jonas, der Sohn von Katharina Kaul.

"Wir lernen fast jeden Tag neue Sachen und das ist einfach cool, dass wir uns, wenn wir hier fertig sind, mit Kindern unterhalten können, die gehörlos sind."

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Mit seiner Tischnachbarin Paula unterhält er sich gerade über Lieblingstiere.

Die Kinder formen mit ihren Händen Pfoten nach, die laufen oder galoppieren, sie halten ihre Finger an die Ohren, wie bei Hasenohren oder machen an ihren Mündern Katzenhaare nach.

Sich verstehen ist wichtiger als Grammatik

"Ich mache jetzt hier im Unterricht Tiere, Fragewörter, Familie, was für Kinder auch interessant ist, zum Beispiel auch Lieblingsfarben. Hier geht es mir darum, dass die Kids sich unterhalten können und schnell an Vokabeln kommen, als dass es immer die richtige Grammatik ist."

Denn auch sie ist bei der Gebärdensprache eine andere, erklärt Trainerin Stephanie Schneider: "Da werden Wörter weggelassen und der Satz wird umgebaut. Da achte ich dann im zweiten Schritt drauf."

Jetzt übt sie mit der Gruppe erst einmal ein neues Lied ein - passend zur Weihnachtszeit: "Also: lustig, lustig, tralalalala"

Ausgelassen Singen ohne Sorge um Aerosole

Obwohl es schon die fünfte Stunde ist: Die Kinder machen erstaunlich konzentriert mit, formen ihre Hände, bewegen die Arme, lachen. Im November haben sie schon einmal ein Lied eingeübt, erzählt Paula: "Wir haben ‚Ich gehe mit meiner Laterne‘ in unserer Klasse gesungen – auf Gebärdensprache."

Der Drittklässler Jonas sieht im Gebärden-Singen einen klaren Vorteil in der Pandemie: "So können wir auch in Corona-Zeiten singen, weil man ja nicht den Mund aufhat."

Schulleiter Manfred Herrmann ist begeistert von der neuen AG: "Das hat mich sehr berührt, dass das Interesse von den Kindern kam. Das zeigt für mich, dass das gelebte Inklusion ist. Sie alle nehmen das als normal an und sind interessiert daran, das Kind auch ganz normal behandeln zu können, mit dem Kind spielen zu können."

Alles ganz normal

Diese positive Stimmung spüre natürlich auch das gehörlose Kind, so der Schulleiter: "Das Mädchen hat sich, seitdem sie hier ist, sehr verändert. Sie war zuerst sehr zurückhaltend, jetzt ist sie sehr offen geworden. Und man merkt auch, dass sie in ihrer ganzen Körpersprache viel lebendiger geworden ist."

Aktuell wird die Gebärden-AG von der Aktion Mensch unterstützt – sie finanziert das erste Jahr. Außerdem hilft die Katholische Jugendagentur Leverkusen bei der Strukturierung und Umsetzung.

Eltern haben nichts zu sagen

Für die Kinder ein großes Glück – lernen sie doch gerade eine Sprache, die ihre Eltern nicht verstehen, eine Geheimsprache also.

Schülerin Frieda denkt schon an die Zukunft: "Es macht Spaß, die Sprache von denen zu lernen, die nicht reden können, weil wenn ich einmal jemanden kennenlerne und der ist gehörlos und ich freunde mich mit ihm an, wie soll ich mich dann mit ihm unterhalten, wenn ich keine Gebärdensprache kenne."

Dass sich für ein gelungenes Miteinander alle aufeinander zubewegen müssen – die Kinder der dritten Klasse der Gemeinschaftsgrundschule Hebborn in Bergisch-Gladbach haben das offenbar schon längst verstanden.

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