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Fazit / Archiv | Beitrag vom 19.08.2009

"Inglourious Basterds"

Hans-Ulrich Pönack über Tarantinos Nazi-Spektakel

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Im von Nazis besetzten Frankreich versucht eine amerikanische Guerilla-Truppe die deutschen Militärs auszurotten - und zwar mithilfe des Films. In "Inglourious Basterds" interpretiert Tarantino den Zweiten Weltkrieg neu.

USA / Deutschland 2009, Regie: Quentin Tarantino, Darsteller: Brad Pitt, Diane Kruger, Eli Roth, Mélanie Laurent, Christoph Waltz, Daniel Brühl, ab 16 Jahren, 154 Minuten

Die falsche Titel-Schreibweise - korrekt müsste es "Inglorious Bastards" heißen - ist von Tarantino gewollt. Das am 27. März 1963 in Knoxville/Tennessee geborene "Wunderkind" des amerikanischen Kultkinos möchte damit bereits im Titel ein bisschen "anders" sein beziehungsweise gleich mit Ansage "provozieren".

Sozusagen als Anfangssignal: Ich entscheide, wie mein Filmtitel zu heißen hat, also geschrieben wird, und basta! Kurz zusammengefasst: Tarantino ist leidenschaftlicher B-Movie-Fan - hat einst eine Schauspieler-Ausbildung mit 17 abgebrochen, jobbte filmverrückt in einer Videothek und hat sich gleich mit seinen ersten beiden Filmen cineastisch unsterblich gemacht - katapultierte sich damit zur "ewigen" Kultfigur: Mit "Reservoir Dogs" (Debüt 1992; mit Harvey Keitel) und natürlich mit "Pulp Fiction" (1994; mit John Travolta und Samuel L. Jackson - "Goldene Palme"/Cannes; "Oscar" für das "Beste Original-Drehbuch").

Danach schuf er "Jackie Brown" (1997), den Zweiteiler - die Gewalt-Orgie - "Kill Bill" (2003/2004; mit Uma Thurman) sowie schließlich den Flop "Death Proof – Todsicher" (2007). Für seinen sechsten Spielfilm ließ er sich von einem italienischen C-Movie aus den 70er-Jahren inspirieren: von "Quel maledetto treno blindato" des "Keoma"-Regisseurs Enzo G. Castellari aus dem Jahr 1978, der einst hierzulande unter dem Titel "Ein Haufen verwegener Hunde" kaum Kino-Beachtung fand. Über den mit unter anderen Raimund Harmstorf, Bo Svenson, Fred Williamson, Debra Berger und Michel Constantin besetzten Streifen ist im "Lexikon des Internationalen Films zu lesen":

"Ein Trupp US-Deserteure wird gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in Frankreich in ein Himmelfahrtskommando wider Willen verwickelt und jagt den Deutschen das Geheimnis der V2-Rakete ab."

Abschließend heißt es dort im Text:

"Eine zynische Schießballade, in der der Krieg zum Abenteuer à la Italo-Western verkommt. Wir raten ab."

In dem zwischen Oktober 2008 und Februar 2009 in Potsdam-Babelsberg, Berlin, Sachsen und Paris für etwa 48 Millionen Euro gedrehten Tarantino-Film - darunter deutsches Fördergeld wie 6,8 Millionen vom Deutschen Filmförderfond, 600.000 Euro vom Medienboard Berlin-Brandenburg, 300.000 Euro von der Mitteldeutschen Medienförderung - heißt es anfangs: "Es war einmal im von den Nazis besetzten Frankreich…".

Was sogleich signalisiert: "Inglourious Basterds" ist ein Kriegs-Western-Märchen, ist eine Art Bastard von Unterhaltungsmovie, in dem als musikalischer Anfangstitel das populäre amerikanische Harmonika-Lied "Green Leafs of Summer" (von Dimitri Tiomkin; für den John-Wayne-Film "The Alamo"/1960) angestimmt wird. Dann folgt ein "Hörspiel"-Dialog von über einer Viertelstunde, in dem ein SS-Oberst auf einem abgelegenen französischen Bauernhof tückisch-listig-bauernschlau-gemein den Hausherrn mittels eines "ausgetüftelten Gesprächs" schließlich dazu bringt, unter den Dielen versteckte Juden "auszuliefern". Diese werden sogleich erschossen, einzig einem jungen Mädchen gelingt die Flucht.

Tarantino hat einen filmisch-theatralischen Schund-Roman in fünf Kapiteln geschaffen, der über vier Kapitel nur lose thematisch zusammenhängt und verschiedene Spannungsgenres ausdrückt: Action, Psycho, Thriller, Krieg, Western, Tarantino. Das Tarantino-Genre überschreitet dabei lustvoll die "erlaubten" Geschmacks- und Denkgrenzen. Dabei mischen sich "Zirkus"/Show und eben "Theater"/Bühne.

Mit vielen filmischen Zitaten, Anspielungen, Querverweisen (Horror, Melodram, "film noir" in Dekors, Gesten, Ästhetik - ja sogar bei den verwendeten Namen) sowie der bei Tarantino bekannten "geklauten" Musikalität (Morricone lässt auch wieder grüßen).

Kapitel eins erzählt von jüdisch-amerikanischen "Soldaten-Spezialkräften", die sich den Auftrag gegeben haben, Nazis nicht nur zu jagen, sondern auch zu massakrieren, ihre Skalps "zu nehmen" - sozusagen mit "Apachen-Charme" schwarzhumorig-blutig zu agieren.

Hollywood-Star Brad Pitt als Lieutenant Aldo Raine ist ihr Chef. In seiner Mission "Nazis plattmachen" muss er sich filmvertraglich zugesichert haben lassen, dass er weder angefasst werden noch schlecht aussehen darf. Und so erleben wir einen Brad Pitt, der blass, lächelnd, völlig uninteressiert palavernd durch die Gegend stolziert, seine Sätze brav aufsagt und dabei immer gut ausschaut. Sein Tun ist und bleibt stets nur Behauptung, ist weder glaubwürdig noch spannend noch irgendwie doll nahegehend. Brad Pitt wurde als lukratives Star-"Aushängeschild" eingekauft, wirkt dabei aber ziemlich "unbeteiligt".

Kapitel zwei ist der Erzählstrang um die Jüdin Shosanna. Das ist die junge Frau, die eingangs als Einzige vom Bauernhof fliehen konnte. Sie betreibt jetzt im besetzten Paris unter falschem Namen ein Kino. Dort "entdeckt" sie Jung-Nazi, "Held" und Neu-Schauspieler Frederick Zoller - gespielt von Daniel Brühl - und verliebt sich in sie. Und sorgt dafür, dass sein erster Spielfilm, "Stolz der Nation", genau hier seine Kino-Premiere haben wird - vermag "seinen Chef" Joseph Goebbels jedenfalls davon zu überzeugen. Und siehe da - zu dieser Glanz-Premiere kündigt sich dann auch die komplette Nazi-Chefetage an, mit Hitler, Goebbels, Borman und Konsorten.

Kapitel drei betrifft SS-Oberst Hans Landa - den "Solisten" und Juden-Jäger - gespielt vom überragenden, unwiderstehlichen, grandiosen Österreicher Christoph Waltz(Darsteller-Preis dafür bei den Filmfestspielen von Cannes). Der hat hier die eigentlichen Story-Fäden in der Hand, ist der eigentliche, der wahre Star des Films.

Denn Landa-Waltz, das bedeutet Bauernschläue, Intelligenz, Sadismus-pur, exzellente Sprachbegabung (spricht fließend Englisch, Französisch, Italienisch). Waltz spielt ihn als "Genießer", als Triumphator, der stets genau weiß, was er warum tut und zu welchem Vorteil. Eine listige, höfliche, raffinierte, widerlich-spannende Menschen-Sau. Und ein Opportunist pur, der nur auf seine Vorteile bedacht ist und mit jedem taktiert beziehungsweise paktiert, der ihm dieselben garantiert.

SS-Mann Hans Landa gibt hier den "eigentlichen Führer". Gewitzt, blitzgescheit, hinterhältig, doppelbödig, ungemein-gemein, dauer-gefährlich. SS-Landa besitzt als Einziger den ständigen Durch-/Einblick. Eine wirklich brillante schauspielerische Darbietung dieser "Entdeckung" Christoph Waltz (Wiener vom Jahrgang 1956).

Kapitel vier bedeutet "lästiger Story-Müll-Mischmasch": Füll-Szenen wie die in einem Wirtshaus-Keller, wo sich Nazis und verkleidete Widerständler warum-auch-immer treffen, um sich schließlich, nach ellenlangen Diskussionen tödlich zu duellieren. Wie schon eingangs wird die Geduld mit langen Gesprächspassagen über Gebühr strapaziert. Da hängt der Film nur durch. Wird lang und langweilig.

Kapitel fünf ist der eigentliche Film - die Tarantino-Themen-Absicht: Das Kino "vernichtet" die Nazis: das furiose Finale - in diesem kleinen Kino in Paris. Alle haben sich feierlich versammelt, haben ihre Plätze eingenommen. Die Türen werden verrammelt, das leicht entzündliche Nitro-Filmmaterial angezündet, und im Kugelhagel von Schnellfeuerwaffen und in der Feuerbrunst krepiert der Nazi-Dreck.

Das wollte Tarantino genüsslich zeigen, präsentieren, und hier denkt und lebt er sich filmisch aus. Die etwa halbstündige feurige Action-Schlusssequenz, mit Epilog dann auch noch: Dafür hat er diesen Film gemacht. Hier kommt der B-Movie-"Genießer" lauthals, brüllend, aufschreiend zum totalen Vorschein: Hey, seht her, ich kille die Nazis. Ich vermag das. Wenigstens in meinem Kino haben sie keine Überlebenschance. Darum ging es doch die ganze Zeit: Weg mit Adolf & Co. Wow! Aus.

Ein Unentschieden-Film. Weder sonderlich gut noch besonders schlecht. Ein holpriger Tarantino-Quatsch. Mit überdimensional vielem Gerede, lockeren Zusammenhängen, die keine stringente "Einheit" ergeben, in der Art einer "Nummernrevue" stolpernd zusammengefügt und zwischendurch immer mal wieder "etwas" Action: "Inglourious Basterds" wirkt wie eine Art kriegerisch-thrillerhafte "Schmutz-Komödie", bei der man in der Mitte den Eindruck bekommt, als habe Tarantino hier den Film "verlassen", um sich dann voll und ganz auf den heißen Schlussakkord wieder einzulassen, einzubringen, mit - beziehungsweise unter - Volldampf zu konzentrieren.

Das Drehbuch wirkt unausgegoren, nicht schlüssig. Auch und gerade nicht als anarchistisches B-Rotz-Vergnügen. Dazu ist es weder flippig noch flapsig genug. Ein kruder Mischmasch aus "ernst" und "peng". Aber, die Überraschung: Vor allem die deutschen Schauspieler "retten" Tarantino seinen Film. Christoph Waltz – phantastisch. An dem ist und bleibt man immer gerne "dran", der ist und mimt genial.

Aber auch Daniel Brühl, August Diehl, Sylvester Groth (gab ja schon im Dani-Levy-Film "Mein Führer" hinreißend den schäbig-eitlen Joseph Goebbels-Gockel), Martin Wuttke (als Adolf Hitler) und sogar Til Schweiger als latent aggressiver, aber meist schweigender Widerständler sind als diabolische Reiz-Figuren richtig gut, überzeugend, faszinierend, ausdrucksstark - was man allerdings von der erneut lächerlichen Diane Kruger als UFA-Star-Spionin nicht gerade behaupten kann. Während dagegen Ami-Akteure wie Brad Pitt und Eli Roth "ganz alt" aussehen. Und auch die Französin Mélanie Laurent wenig "wirkt".

Also: Ein Mischmasch-Movie: Mal ganz schön langweilig, dann wieder darstellerisch packend, dann wieder völlig "unwichtig", uninteressant, um dann endlich rüde auf die "glorreiche" Action-Kacke zu hauen. Man ist zwiegespalten, unzufrieden, befriedigt. Kintopp, der zwischen virtuosem Kerle- Kasperletheater und "hängender" Radau-Popkultur hin- und herpendelt.

Bei dem festzuhalten bleibt: Mit seinem "Pulp Fiction"-Streich von 1994, seinem zweiten Film, erreichte Quentin Tarantino bereits den filmischen Olymp - danach zeigt und erweist er sich weiterhin als nun wieder "normal-sterblicher" Filmregisseur. Der Kult ist nur noch "Geruch".

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