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Interview | Beitrag vom 07.11.2019

Inga Humpe über gute SongtexteBrüche, Überraschungen, das Gefühl kitzeln

Inga Humpe im Gespräch mit Dieter Kassel

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Das Foto zeigt die Popmusikerin Inga Humpe von 2raumwohnung beim Singen. (dpa / picture alliance / xim.gs / Philipp Szyza)
Inga Humpe beim Singen von Texten mit "Haltbarkeit". (dpa / picture alliance / xim.gs / Philipp Szyza)

Ein neues Buch zum 20-jährigen Jubiläum von 2raumwohnung vereint alle Lyrics des Pop-Duos. Sängerin Inga Humpe hat während ihrer Musikkarriere jede Menge Songtexte verfasst - und verrät hier, was gute von schlechten unterscheidet.

Dieter Kassel: Seit vier Jahrzehnten ist Inga Humpe erfolgreich als Sängerin, Produzentin und Texterin und auch noch in einigen anderen Funktionen. Das hat Ende der 70er mit den Lemonbabies begonnen, in den 80ern dann unter anderem DÖF, im gleichen Jahrzehnt mit ihrer Schwester Humpe und Humpe. Und vor 20 Jahren kam dann 2raumwohnung.

Das große Jubiläum von 2raumwohnung ist eigentlich erst im nächsten Jahr, da wird es dann ein Jubiläumsalbum, zwei Filme und eine große Tour geben, aber schon heute erscheint "Wir trafen uns in einem Garten". Da das Buch unter anderem sämtliche Texte der von 2raumwohnung veröffentlichten Songs enthält, wollen wir über die jetzt mit Inga Humpe reden. Ich war verwundert, dass Sie sofort gesagt haben, ja, so viertel nach acht morgens live können wir machen. Ist das für Sie jetzt schon eine kreative Zeit? Schreiben Sie manchmal um diese Uhrzeit Texte?

Humpe: Ich bin jemand, der sogar nachts wach wird, also eigentlich eher in den Morgenstunden und dann eine Idee hat. Also ich bin auf jeden Fall ein früher Vogel.

Spielerisch aus dem Unterbewusstsein

Kassel: Was heißt denn Idee? Eher lustig, eher ernst, Liebeslied, anderes Thema, oder worin besteht oft die allererste Idee?

Humpe: Die Themen sind wirklich unterschiedlich, aber ich glaube, dass man, wenn man schläft und aus einem Traum heraus, aus dem Unterbewusstsein spielerisch ist und dass da ganz viele verschiedene Ideen und was einen eben so gerade bewegt dann sichtbar werden.

Kassel: Bevor wir noch ein bisschen mehr über Ihre Arbeitsweise reden, wenn Sie selber einen Song in einer Sprache, die Sie verstehen, das allererste Mal hören, spricht Sie dann tatsächlich oft der Text zuerst an oder ist es nicht doch die Musik?

Humpe: Nein, bei mir ist es immer der Text. Ich kann das auch nicht trennen. Wenn der Text ein bisschen zu labberig ist für mein Gefühl, dann finde ich die Musik auch nicht mehr ganz so gut. Also ich bin sehr textlastig.

Kassel: Was ist denn ein labberiger Text?

Humpe: Ein labberiger Text ist also irgendwie so ein bisschen verdrehtes Pathos, oder "du hast mich verlassen" und "ich kann nicht ohne dich". Das ist mir dann zu allgemeines Gejammere oder auch Pathos, da habe ich so eher Schwierigkeiten mit.

Kassel: Umgekehrt, wenn Sie ein Lied das erste Mal hören, wann spricht Sie ein Text sofort an, also was ist ein guter Text?

Humpe: Also ich glaube, ein guter Text ist, wenn es etwas Überraschendes gibt und wenn Bilder zusammengefügt werden, die man sonst in der Art und Weise noch nicht zusammen gesehen hat. Also ein Beispiel, das jeder kennt, Joni Mitchell, "Big Yellow Taxi", ist einfach ein toller Text. Kann ich nur empfehlen, auch mal wieder zu lesen. Das ist ein unheimlich schöner Text.

Wunsch, Bedürfnis, Ziel

Kassel: Aber stellt einen das nicht, wenn man das selber macht, egal, ob man für sich oder für andere schreibt, so ein bisschen unter Druck? Weil das heißt natürlich einfach nur, "ich liebe dich", "verlass mich nicht" können Sie ja nicht schreiben, es sei denn es trieft vor Ironie. Also Sie stellen sich auch unter einen gewissen Originalitätsdruck.

Humpe: Das ist ja eher ein Wunsch, also etwas genau auszudrücken. Ich würde mal sagen, es ist erst mal ein Wunsch und auch ein Bedürfnis oder ein Ziel, es macht auch Spaß, wie man es auch sportlich nehmen kann. Also ob man jetzt schnell laufen kann oder gut texten kann, man kann das ein bisschen trainieren, und man kann sich ein Leben lang sich mit beschäftigen. Der Druck, den halte ich eigentlich für selbstgemachten Quatsch auch. Man denkt immer, man muss da raus in die Manege und muss besonders gute Kunststückchen vorführen, und manchmal gelingt das eben und manchmal nicht.

Kassel: Aber das ist auch so ein bisschen eine Altersweisheit – so alt sind Sie auch noch nicht –, aber ich nehme an, diese Gelassenheit, diesen Druck …

Humpe: Geht so, ja!

Kassel: Sie haben ja öffentlich Ihren 60. gefeiert. Das, sage ich mal, ist noch nicht sehr lange her.

Humpe: Ja.

Kassel: Mittellange. Ich will gerade nett sein.

Humpe: Ja, stimmt aber.

Kassel: Was ich sagen wollte, war es denn, als Sie angefangen haben, Texte zu schreiben, auch schon so entspannend?

Humpe: Ich habe immer drüber nachgedacht, aber ich habe natürlich auch, als ich jung war, dann mal Most auf Ost gereimt und so, also so merkwürdige Sachen gemacht, die ich dann später nicht mehr gemacht habe. Also ich bin ja auch ein Fan von der Reimkultur, was ja viele auch blöd finden, aber ich liebe Reime, und reime auch gerne Schmerz auf Herz, kommt ja auch drauf an, was dazwischen steht, zwischen diesen beiden Worten.

Kassel: "Bring die Liebe mit von meinem Himmelsritt" fällt mir jetzt ein, aber das war ja eine ganze Weile vor 2raumwohnung.

Humpe: Das ist auch nicht von mir, der Text, aber das ist ein schöner Text.

Songtext für Kylie Minogue

Kassel: Sie haben ja eine ganze Menge Texte geschrieben für Projekte, wo Sie dann auch selber gesungen haben, mit dabei waren, Sie haben auch Texte für andere Leute geschrieben, unter anderem als Sie damals auch eine Weile in London gelebt haben, auch Texte, oder einen mindestens, für Kylie Minogue. Ob man für sich selbst oder jemand anderen schreibt, ist das ein großer Unterschied?

Humpe: Ich schreibe jetzt so lange für mich selbst, und ich glaube, das Kriterium, für sich selbst zu schreiben, ist eigentlich das härtere, weil für andere denkt man manchmal auch, ach ja, der kann vielleicht auch mal ein Wort singen, was ich selber vielleicht nicht singen würde und hat er oder hat sie vielleicht auch schon in anderen Texten gezeigt, dass sie es da ein bisschen lockerer nimmt. Ich glaube, dieses Kriterium, was man für sich selbst anwendet, wenn man das dann auch für andere anwendet, tut es, glaube ich, den Texten auch für andere sehr gut. Kylie Minogue, der Text war, glaube ich, "Automatic Love" hieß das, und das hätte ich auch selbst gesungen.

Kassel: Wie ist das, wenn Sie auf Deutsch oder Englisch texten, wie groß ist der Unterschied, und worin besteht der?

Humpe: Englisch geht einem nicht so nah, man kann eigentlich ein bisschen distanzierter auch über Gefühle reden. Das liegt aber auch ein bisschen an der Sprache selbst. Ich meine, die Engländer reden sich ja auch gegenseitig mit darling und love an, obwohl die sich gar nicht kennen. Es ist einfach ein bisschen eine andere Kultur, dieses Sprache drückt eine andere Kultur aus.

Auf Deutsch muss man da natürlich schon bestimmte Begriffe, wenn man über Gefühle singt, einfach brechen. Also ich jedenfalls liebe nicht so sehr die Schlager, deswegen muss man sich da so ein bisschen vom Schlager auch immer abwenden, indem man mal – oder ich mache das – ein Wort nimmt, was also im Schlager nichts zu suchen hat, meinetwegen Pommes frites oder wie Enten, sowas wie Käseglocke, also jetzt nur als Beispiel. Da muss ein Bruch rein, und das ist auch das, was ich finde, was ein guter Text haben soll. Also er soll Brüche haben, Überraschungen haben, er soll ja ein bisschen das Gehirn oder das Gefühl kitzeln.

Lange lyrische Haltbarkeit

Kassel: Wenn Sie ein paar Texte haben, ich denke zum Beispiel, wenn wir jetzt zu 2raumwohnung kommen, an die beiden größten Hits, also gleich den allerersten, "Wir trafen uns in einem Garten" und später dann unter anderem "36 Grad", wenn Sie diese Texte auf einer Bühne zum 290. Mal singen, wenn Sie einfach selber im Radio oder in irgendeinem Café diese Lieder immer, immer wieder hören, werden Sie es selber mal leid, oder sagen Sie, das zeigt mir erst recht, dass der Text gut ist, weil ich ihn eben nicht leid werde?

Humpe: Da habe ich, glaube ich, drauf geachtet, schon am Anfang von 2raumwohnung, dass diese Texte eine lange Haltbarkeit haben, also dass sie nicht so sein sollen, dass ich sie drei Jahre später schon nicht mehr singen möchte, sondern die Texte sollen eigentlich ein Lebensgefühl oder eine Situation beschreiben, eine Wahrnehmung beschreiben, die ein bisschen zeitlos ist.

Kassel: Man kann die letzten 20 Jahre textmäßig von 2raumwohnung nachlesen in dem heute erscheinenden Buch "Wir trafen uns in einem Garten". Das sind nicht nur die Texte, da ist ein eigener Text, eine Art Kurzerzählung von Inga Humpe drin, da ist ein längerer Text von Helene Hegemann, und Benjamin von Stuckrad-Barre hat, wie ich finde, Frau Humpe eigentlich eine Art literarische Liebeserklärung an Sie verfasst für dieses Buch.

Humpe: Eine unverschämte!

Kassel: Ja gut, da hätten Sie ihn nicht nehmen müssen! Unverschämt wird es bei dem immer, aber es ist nett unverschämt.

Humpe: Ja, nein, ich mag den sehr gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Inga Humpe: Wir trafen uns in einem Garten
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019
288 Seiten, 16,00 Euro

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