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Weltzeit | Beitrag vom 22.07.2021

Indonesiens Gesundheitssystem vor dem KollapsSauerstoff dringend gesucht

Von Jennifer Lange

Gräber auf dem Rorotan Friedhof in Jakarta, der reserviert ist für jene Menschen, die an Covid-19 gestorben sind (picture alliance / NurPhoto / Afriadi Hikmal)
Gräber auf dem Rorotan Friedhof in Jakarta, der reserviert ist für jene Menschen, die an Covid-19 gestorben sind. (picture alliance / NurPhoto / Afriadi Hikmal)

75.000 Indonesier sind an Covid-19 gestorben. Die Situation ist schlimmer als jene vor kurzem in Indien. Die Krankenhäuser sind überlastet, überfüllt und unterversorgt. Es ist die Delta-Variante, die sich hier ausbreitet.

Vier Männer in Schutzanzügen heben einen leblosen Frauenkörper hoch und legen ihn vorsichtig in einen weißen Sarg.

"Das ist der erste Anruf, den wir heute bekommen haben", erzählt Ardi Novriansyah. Eigentlich fährt der 41-jährige Taxi. Doch hier werde er gerade dringender gebraucht, sagt er. 24 Stunden am Tag holen er und andere Freiwillige Covid-Tote aus ihren Häusern und Wohnungen.

"So Gott will, hoffe ich, dass ich bei guter Laune bleiben kann, um der Menschheit zu helfen."

Zwei Covid-Patienten hängen an Sauerstoffflaschen. Ihre Körper sind silhouettenhaft zu erkennen (imago / Devi Rahman)Situation in einem indonesischen Krankenhaus: Zwei Covid-Patienten hängen an Sauerstoffflaschen. (imago / Devi Rahman)

Viele der Toten, die er Zuhause abholt, haben vorher kein Bett im Krankenhaus bekommen. Das Gesundheitssystem ist an vielen Orten überlastet, erzählt Projektleiter Edhie Rahmat.

"Ich würde sagen, die Situation ist hier mehr oder weniger wie in Indien. Vielleicht sogar schlimmer."

Keine freien Betten

Das ist auch die Erfahrung von Zakki. Sie hat gerade ihren Mann verloren.

"Es gab einfach keine freien Betten. Alles war voll. Ärzte haben mir sogar Videos geschickt, und gesagt, es liegt bei dir, ob du kommen willst. Aber wie du siehst, sind wir voll."

In dem Video sitzen und liegen die Patienten auf überfüllten Fluren. Auf anderen sieht man Menschen auf Parkplätzen liegen oder in Zelten vor dem Eingang des Krankenhauses.

Singapur schickt Sauerstoffflachen

Nach vielen Telefonaten findet Zakki schließlich ein Bett. Ihr Mann braucht dringend Sauerstoff.

"Zuhause haben wir das nicht. Wir haben versucht, Sauerstoff zu kaufen, überall, aber wir haben nichts bekommen. Er hat es trotzdem nicht geschafft. Er hätte ein Intensivbett gebraucht, aber es war keins frei."

In einem anderen Krankenhaus sind übers Wochenende mehr als 30 Corona-Patienten gestorben, weil sogar der Klinik der Sauerstoff ausgegangen war. Die Regierung hat daher die Hersteller von Sauerstoff aufgefordert, ihre Produktion hochzufahren. Und medizinischen Sauerstoff zu priorisieren.

Angesichts der dramatischen Lage hat Singapur gerade zwei Militärmaschinen geschickt – mit Schutzausrüstung, hunderten Sauerstoffflaschen und Beatmungsgeräten.

Der Bedarf nach Särgen steigt

Mit einem Tacker befestigt der 62-jährige Olaskar Rurba das Innenfutter in einem Sarg.

"Wir sind sehr besorgt über die aktuelle Situation. Weil wir merken, wie viele Menschen sterben."

Krankenhäuser und Privatpersonen würden bei ihm deutlich mehr Särge bestellen als sonst.

"Sogar das Material, das wir benutzen, ist schwieriger zu bekommen. Und die Preise für Sperrholz sind gestiegen."

Auf die Frage eines Reuters-Reporters, was er den Menschen raten würde, antwortet er: "Bitte haltet euch an die Regeln der Regierung. Tragt eure Masken. Haltet Abstand."

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Doch gerade in diesen Tagen kommen wegen eines muslimischen Feiertages teils tausende Menschen zu Massen-Gebeten zusammen. Obwohl der Präsident, Joko Widodo, die Menschen gebeten hatte, Zuhause zu feiern.

Die Regierung hat die Gefahr heruntergespielt

Die Regierung hatte die Gefahr lange heruntergespielt, einen harten Lockdown gescheut. Jetzt setzt Widodo seine volle Hoffnung in die Impfungen.

Sein Ziel: eine Million Impfungen am Tag. Im August sogar zwei Millionen. Bonaria Siahaan von der Hilfsorganisation Care, hält das für ambitioniert. Wir erreichen sie telefonisch.

"Es ist ein Wettrennen gegen die Zeit. Wie schnell geht das? Auch Impfungen brauchen Zeit." 

Indonesien hat mehr als 270 Millionen Einwohner. Viele Inseln und abgelegene Orte. Den Großteil der Bevölkerung zu Impfen, ist damit auch eine logistische Herausforderung, erzählt Bonaria.

Enthält der chinesische Impfstoff Schwein?

Zudem wollten sich viele nicht impfen lassen – aus Sorge vor Nebenwirkungen oder Falschinformationen.

"Es gibt das Gerücht, dass der Impfstoff Schwein enthält. Und Indonesien ist ein sehr muslimisches Land. Da nimmt man das sehr ernst."

Der Bruder von Sani aus Jakarta etwa, wollte sich nicht impfen lassen. Jetzt ist er tot, genauso wie seine Frau.

"Er wollte kein Sinovac."

Erzählt der 50-jährige Sani. Sinovac ist der Impfstoff eines chinesischen Herstellers.

"Es ging sehr schnell. Drei bis vier Tage nachdem er im Krankenhaus war, starb er. Zwei Tage später seine Frau."

130 Ärzte und Pflegekräfte gestorben

Tatsächlich scheint Sinovac die Geimpften schlechter zu schützen als andere Impfstoffe. Seit Anfang Juni sollen in Indonesien mehr als 130 Ärzte und Pflegekräfte an den Folgen einer Covid-Erkrankung gestorben sein. Tausende weitere sind infiziert und können derzeit nicht arbeiten.

"Das erhöht den Druck auf das Gesundheitssystem noch weiter", erklärt Bonaria, von der Hilfsorganisation Care. Sogenannte Booster-Impfungen sollen helfen – also eine dritte Impfung – mit dem Vakzin von Moderna.

Beerdigungen wie am Fließband

Epidemiologen gehen davon aus, dass in Indonesien noch weit mehr Menschen infiziert sind. Da wenig getestet wird, würden nur wenige entdeckt. Eine regionale Untersuchung ergab, dass 44 Prozent der Bewohner von Jakarta Antikörper in sich trugen. Nur acht Prozent davon waren offiziell bestätigte Fälle.

Mehrere Großfriedhöfe am Rand von Jakarta sind inzwischen voll. Sie sind nur für Corona-Tote. Luftaufnahmen zeigen hunderte Erdhügel, ordentlich aufgereiht. Krankenwagen stehen Schlange, um die Leichen abzuliefern.

Manchmal können Angehörige noch ein kurzes Gebet sprechen. Aber häufig muss alles ganz schnell gehen. Während eine Leiche bestattet wird, hebt ein Bagger daneben schon das nächste Loch aus.

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