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Studio 9 | Beitrag vom 06.03.2020

Indische Aktivistin Prasanna GettuMutige Kämpferin für misshandelte Frauen

Von Manfred Götzke

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Das Foto zeigt die indische Frauenrechtlerin und Aktivistin Prasanna Chennai, gekleidet in einen traditionellen Sari. (Shalini Vijayakumar/ Lizenz: CC-BY-SA 4.0)
Das "Empowerment" indischer Frauen ist das Ziel ihrer Arbeit: Prasanna Gettu aus dem südindischen Chennai. (Shalini Vijayakumar/ Lizenz: CC-BY-SA 4.0)

Prasanna Gettu will schwer misshandelten Frauen zu einem selbstbestimmten Leben verhelfen – keine Selbstverständlichkeit im patriarchalen Indien. Dafür wird die Aktivistin mit dem Anne-Klein-Frauenpreis der Heinrich-Böll-Stiftung ausgezeichnet.

Prasanna Gettu kommt gerne schnell auf den Punkt. Sie holt ihr Handy raus, startet ein Video und zeigt, was ihr und ihrer NGO manchmal gelingt:

Eine junge schlanke Frau, Anfang 20, tanzt. Ein Schritt nach links, einer nach rechts, die dünnen Arme nach vorn gestreckt. Dass sie ihre nackten Arme überhaupt zeigt, sie bewegt, ist ein kleines Wunder, sagt Prasanna Gettu.

"Sehen Sie, sie kann ihre Hand nicht mehr bewegen, sie hat ihre Finger verloren, beide Arme sind verbrannt, voller Narben. Sie ist in Therapie bei uns. Auch ihr Gesicht ist verbrannt – sehen sie? Wir versorgen die Narben, aber das ist nur ein Teil. Aber sie tanzt, sie singt – auch das ist Therapie bei uns."

"Für die Frauen ist es schwer zu gehen"

Ihr Ehemann hat sie mit Benzin übergossen, angezündet. Ihr halber Körper war verbrannt. Gettu hat die junge Frau bereits im Krankenhaus betreut, sie davor bewahrt, zu ihrem Täter zurückzugehen, wie es so viele Opfer von Brandattacken in Indien tun, weil sie keinen anderen Ausweg sehen:

"Für die Frauen ist es trotzdem sehr schwer zu gehen, ihre Familie zu verlassen, selbst, wenn sie ihr so was antun. Wir sagen ihnen dann aber nicht, komme, wenn du bereit bist und fertig. Sondern reden permanent mit ihnen, sagen ihnen, welche Konsequenzen es hat, bei ihrem Mann zu bleiben. Und irgendwann sind sie bereit, zu uns kommen, bei uns zu leben. Aber die Lösung, der Wille, muss immer vom Opfer ausgehen."

Gettu hat der jungen Frau ein neues Zuhause gegeben, im Frauenhaus ihrer Organisation "Foundation for Crime Prevention & Victim Care". Knapp 20 meist junge Frauen erholen sich zurzeit von den physischen und psychischen Folgen solcher Brandanschläge.

In Chennai lernen sie die Freiheit kennen

Jeden Monat werden etwa 100 Frauen in die Krankenhäuser ihrer Heimatstadt Chennai eingeliefert, weil sie von ihren Männern mit Benzin übergossen, angezündet wurden, erzählt sie. 100!

"Es gibt viele Frauen, die uns nach der Therapie sagen: Ich bin froh, dass das passiert ist, sonst hätte ich die Welt nie kennengelernt. Ich hätte sonst nie gedacht, dass so ein Leben möglich ist. Dass ich etwas lernen kann, mein eigenes Geld verdiene, selbstständig, frei bin. Aber der erste Schritt ist immer, dass wir den Frauen klar machen: Gewalt ist nicht akzeptabel. Und so wie du gelebt hast, sollten Frauen nicht leben."

Gettu lächelt, wenn sie von den anderen Frauen erzählt, denen sie und ihre Kolleginnen ein neues Leben ohne Gewalt, ohne den Terror ihrer Männer ermöglicht hat:

"Jeder Fall macht mich glücklich – wenn ich das Glück, den neuen Lebensmut sehe, wenn die Frauen wieder was machen können, wenn sie nur was malen können bei unserer Kunsttherapie. Diese Freude in ihren Gesichtern – das lässt uns weitermachen."

Aufgewachsen in einer liberalen Familie

Gettu selbst ist in einer für indische Verhältnisse liberalen Familie aufgewachsen. Ihr Vater hatte kein Problem damit, dass seine Tochter studiert, ihr eigenes Leben lebt. Sie hat sich für Kriminologie entschieden – wollte Verbrechen aufklären. Seit nun knapp 20 Jahren kümmert sie sich um die Opfer, gemeinsam mit zwei Studienfreundinnen hat sie ihre NGO für Opfern von familiärer Gewalt gegründet.

Jetzt sitzt die Menschenrechtsaktivistin im dicken grauen Wollpullover gegen die winterliche Kälte in einem kleinen Konferenzraum der Heinrich-Böll-Stiftung. Die ehrt ihre Arbeit mit dem Anne-Klein-Frauenpreis. Für die Verleihung ist sie extra aus ihrer Heimat im Südosten Indiens eingeflogen.

"Ich finde, auf eine Art sollte jeder so etwas tun wie ich – nicht jeder muss ein Aktivist sein, aber jeder sollte etwas machen, um Gewalt zu vermeiden, um Gewalt zu stoppen. Ich finde nicht, dass ich etwas besonders mache – mich opfere oder so –, aber trotzdem ist es natürlich wunderbar, so einen Preis zu bekommen, der unsere Arbeit würdigt."

Tausenden Frauen aus der Millionenstadt Chennai – teilwiese aus dem ganzen Land – hat die 55-Jährige ein anderes Leben aufgezeigt. Ihnen geholfen, sich zu "empowern".

Prasanna Gettu sagt: "Die Frauen werden offen, bewusster in unseren Programmen. Sie sagen mir: Du hast mir mein Leben geöffnet. Und wenn ich dafür durch all den Schmerz gehen musste, dann ist das O.K. für mich."

Frauen in Indien: Gleiche Rechte nur auf dem Papier

Was in Indien alles andere als einfach ist. Frauen haben in der größten Demokratie der Welt nur auf dem Papier gleiche Rechte: Nach der Heirat werden sie Teil der Familie des Mannes, oft missbraucht als Arbeitssklavin, unter der Gewalt von Ehemann und Schwiegermutter. Immer wieder spricht Gettu vom Stockholm-Syndrom, wenn sie von der alltäglichen häuslichen Gewalt erzählt, die indische Frauen erleiden:

"Eine Überlebende hatte die obere Hälfte ihres Körpers verbrannt. Sie sagte mir: Kannst du diese Hälfte wieder normal machen, damit mein Mann mich wieder berührt? Und ihr Mann hatte ihr das angetan. Er hatte sie zusammen mit seiner Mutter auf den Boden gedrückt, mit Kerosin übergossen und angezündet. Und sie wollte wieder normal werden, um ihren Mann zu befriedigen. Das hat mich geschockt." 

Doch selbst im patriarchalen Indien ändere sich seit ein paar Jahren etwas, meint Gettu, immer mehr Frauen kämpfen nun für ihre Rechte, emanzipieren sich, entscheiden sich gegen Heirat, Familie und traditionelle Rollenmuster. Einen nicht ganz kleinen Anteil hat wohl auch sie selbst daran.

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