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Reportage / Archiv | Beitrag vom 30.03.2013

Indiens gefährdete Heilige

Fleischindustrie boomt

Von Gerhard Richter

Kuhfänger in Neu-Delhi (picture alliance / dpa / Frederic Spohr)
Kuhfänger in Neu-Delhi (picture alliance / dpa / Frederic Spohr)

Das Schlachten von Kühen ist in Indien streng verboten. Dennoch ist der indische Fleischmarkt in den letzten Jahren sprunghaft gewachsen. Das betrifft auch die heiligen Kühe, die von den Straßen weg geschlachtet werden - zur Sorge der Hindus.

Mit beiden Vorderhufen steht die Kuh auf einem Müllhaufen. Mit ihrer feuchten Schnauze stupst sie alte Zeitungen beiseite, schiebt Ziegelsteine weg und knabbert probehalber an Plastiktüten. Schließlich findet sie einen Blumenkohlstrunk.

Auf der Hauptverkehrsstraße in Delhi kämpfen Fahrradrikschas, Mopeds und Autos gegeneinander. Die Straßenkuh guckt dem Verkehr zu, als eine Frau in einem braunen Sari und einem roten Punkt auf der Stirn sich nähert. Sie gibt der Kuh zwei Rotis, kleine Fladenbrote. Während die Kuh genüsslich kaut, berührt sie mit der Hand die Stirn der Kuh, und dann ihre eigene. Ein Zeichen der Verehrung - seit drei Jahrtausenden gelten Kühe in Indien als heilig - als Verkörperung der universellen Mutter. Aber Straßenkühe leben von Almosen - und die werden immer weniger.

Ein Stoffhändler gießt Wasser in einen Plastikeimer, geht zurück in seinen Laden und nippt an seinem Tee. Wie viele andere Hindus hilft Anket Balashwa den Kühen mit kleinen Gaben, aber mit Sorge beobachtet der 26-Jährige, wie es den Kühen immer schlechter geht.

Zu wenig Hilfe für die heiligen Kühe

"”Jeden Tag stellst du Wasser raus oder Fladenbrot, aber niemand möchte mehr tun als das. Deshalb geht's mit Kühen bergab.""

Tatsächlich gibt es immer weniger Straßenkühe in Delhi, und die meisten sind schlecht ernährt, krank oder humpeln. Anket Balashwa wirft der Kuh mit dem Blumenkohl einen besorgten Blick hinterher, wie sie im dichten Verkehr verschwindet.

"”Es gibt so viel Verkehr in Delhi. Und wenn die Kühe herumstreunen, gibt es Unfälle.""

Um verletzte Kühe kümmert sich in Delhi das Sanjay Gandhi Animal Care Centre - ein Tierhospital. Die Leiterin Maneka Gandhi geht an den großen Käfigen mit verletzten Tieren vorbei, in einem offenen Schuppen liegen eine Kuh mit Kopfverband und ein Kälbchen mit einem Gipsbein. Opfer von Verkehrsunfällen.

Die 66-Jährige trägt einen rosa Sari. Sie ist die Vorsitzende von "People for Animals", der größten Tierschutzorganisation Indiens. Außerdem ist sie eine erfolgreiche Politikerin einer hinduistischen Partei. Sechsmal war sie Ministerin und hat selbst rigorose Tierschutzgesetze erlassen. Aber sie konnte den Fleischboom nicht bremsen.

"Es gibt 10.000 Schlachthäuser. Legale und illegale. Alle exportieren Rindfleisch. Letztes Jahr waren es 8,6 Millionen Tonnen. Welche Kuh kann das überleben?"

Außerdem werden massenhaft Kühe ins muslimische Nachbarland Bangladesh geschmuggelt, erzählt Maneka Gandhi mit wütendem Blick. Über die grüne Grenze getrieben oder zusammengepfercht auf LKW.

"Über zehn Millionen Kühe werden jedes Jahr nach Bangladesh gebracht. Dort werden sie getötet, gegessen und exportiert."

Ein Arbeiter schiebt einen gelben Karren voller Grünfutter zum Kuhgehege. Beim Klang der Glocke drängen alle Kühe zum Futtertrog. Einige der Kühe hier hat Maneka Gandhi persönlich von überladenen LKW geholt und so vor dem Schlachter gerettet. Aber die Akteure des Fleischmarkts werden immer dreister, und manche Kuhschmuggler glauben schon, sie seien im Recht.

"”Man verklagt uns, weil wir sie stoppen. Unsere Leute gelten als Rowdys und müssen ins Gefängnis. Ich selbst soll 5000 Rupien Strafe zahlen, weil ich Kühe gestohlen haben soll von einem armen kleinen kriminellen Metzger. Er hatte 15 Kühe auf dem Laster. Wenn wir sie schnappen, gibt die Regierung die Kühe nicht uns. Sie verhängt eine Strafe von 100 Rupien und gibt die Kühe in die Obhut eines Metzgers.""

Die Arme auf die hölzerne Absperrung gelegt, schaut Maneka Gandhi zu, wie die Kühe sich um das Futter streiten. Weltweit steigt die Nachfrage nach indischem Rind- und Büffelfleisch, vor allem in den arabischen Ländern des mittleren Ostens.

In fünf Jahren, schätzt Maneka Gandhi, könnte es in Indien keine heiligen Kühe mehr geben. Das will Charan Vaisnava verhindern. Nahe beim Krishna-Tempel kniet er vor seiner Kuh und massiert ihre Beine. Der 37-Jährige war Softwarehändler in Mumbai, bis er vor fünf Jahren das Krishna-Bewusstsein entdeckt hat und damit die Liebe zur Kuh.

"”In jeder Kuh residieren 330 Millionen Halbgötter. Wenn wir eine Kuh nur besuchen, sehen wir das ganze Universum, kosmische Energien, alles.""

Die Kraft des Kuhurins

Die Wände seines Büros hat Charan Vaisnava mit Kuhdung getüncht, auf einem Tisch drängeln sich Dosen und Fläschchen. Zahnputzpulver aus Kuhdungasche, Hautcreme aus Milch und sogar destillierter Kuhurin. ‚Water of life‘ steht auf der schlanken Flasche, ‚Wasser des Lebens‘. Ein ayurvedisches Spitzenprodukt. Es riecht nach Stall.

"Es macht glücklich. Wenn sie jeden Tag destillierten Kuhurin trinken, verbessert sich ihr ganzer Körperzustand."

Charan Vaisnava stellt die Flasche Kuhurin zurück zu den anderen Produkten. Auf allen Etiketten lacht die gleiche "Heilige Kuh", bereit den Weltmarkt zu erobern, und zwar ohne geschlachtet zu werden.

Die christlichen und muslimischen Schlachter in Indien lassen sich von derlei Prophezeiungen nicht abhalten. Nachts, wenn die Straßenkühe sich niederlassen zum Wiederkäuen, suchen sie ihre Beute.

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