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Religionen / Archiv | Beitrag vom 28.06.2015

IndienSikh-Frauen und die Gleichberechtigung

Von Antje Stiebitz

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Indische Sikh-Frauen auf dem Baisakhi-Festival in Rom, Italien. (dpa / picture alliance / Ettore Ferrari)
Indische Sikh-Frauen haben eine starke Stellung innerhalb ihrer Religion. (dpa / picture alliance / Ettore Ferrari)

In der indischen Sikh-Religion haben die Frauen eine erstaunlich starke Stellung - was auf den Wanderprediger Guru Nanak zurückgeht. Der machte sich schon im 15. Jahrhundert für Frauenrechte stark. Dafür hatte er gute Gründe.

"Guru Nanak sprach und sang: Von einer Frau wird der Mann empfangen, von einer Frau wird er geboren, mit einer Frau ist er verlobt und verheiratet, mit einer Frau bildet der Mann Freundschaft und durch eine Frau wird die Fortpflanzung erhalten."

"Frauen haben die gleichen Seeleneigenschaften wie Männer. Die Seele wird auch als ungeschlechtlich gedacht und ist unabhängig von dem Geschlecht."

"Gott hat alle Menschen geschaffen gleichberechtigt, Männer oder Frauen. Diese Unterschiede haben die Menschen gemacht. Ob Kastenunterschiede oder Geschlechterunterschiede. Das hat Gott nicht gewollt und Gott nicht gemacht."

Der Prediger rezitiert aus dem heiligen Buch der Sikhs. Rund 80 bis 100 Gläubige sind in das Gotteshaus in Berlin-Reinickendorf gekommen. Sie sitzen mit gekreuzten Beinen auf dem mit Teppich ausgelegten Boden und hören Dichtungen und Hymnen, die ihnen ihre zehn Gurus in Versform hinterlassen haben. Allen voran der indische Heilige Guru Nanak, der Religionsstifter der Sikhs.

Der Lehrer Guru Nanak wurde im 15. Jahrhundert im heutigen Pakistan geboren. Geprägt von den zwei vorherrschenden Religionen Nordindiens, dem Hinduismus und dem Islam, entwickelte er ein waches Auge für die Missstände beider Religionen und formte schon bald seine eigenen Anschauungen aus. Damit legte der Wanderprediger den Grundstein für die Sikh-Religion.

Im 15. Jahrhundert war die Lage indischer Frauen katastrophal

Zu jener Zeit war die Lage der Frauen in Indien sehr schlecht. Sie durften die heiligen Schriften nicht lesen, Reinheitsvorschriften beschränkten ihre Bewegungsfreiheit, und die Kindstötung von Mädchen war nicht ungewöhnlich. Witwen durften nicht wieder heiraten, vielmehr verbrannte man bei den sogenannten Sati-Ritualen die Frau mit dem verstorbenen Ehemann gleich mit. Guru Nanak prangerte solche Praktiken an und plädierte für eine bessere Stellung der Frau. Auf welche Weise der Heilige das tat, berichten Legenden. Amarjeet Singh, Sprecher der Berliner Sikh-Gemeinde, erzählt wie der Heilige die Asketen im Himalaya trifft:

"Und die haben mit ihm angefangen zu unterhalten. Und als sie erfuhren, dass er Familienmensch ist, geheiratet hat, eine Ehefrau hat, wurden sie sehr zornig und ärgerlich. Wortwörtlich steht in den Schriften, haben sie gesagt: Du hast Säure in Milch gemischt. Und dann sagte Guru Nanak: Ihr seid unverschämt. Ihr geht jeden Tag unten im Dorf Essen betteln. Die Frauen kochen das, sie spenden das und dann sagt ihr, die Frau ist was Schlechteres. Eure Mutter hat Euch nicht gut erzogen, dass ihr so schlecht über die Frauen sprecht."

Einen Stock tiefer sind es Männer, die bereits seit mehreren Stunden in riesigen Töpfen das Mittagessen vorbereiten. Denn nach der Rezitation isst die Gemeinde zusammen.

Guru Nanak ging es nicht primär um die Gleichstellung von Mann und Frau. Vielmehr war sein Erleben von den gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Muslimen geprägt. Seine entscheidende Erkenntnis war: Es gibt keine Muslime, es gibt keine Hindus, es gibt nur Menschen. Und als solche sind wir alle gleich. Eine Haltung, die ihm traditionsbewusste Muslime und Hindus übel nahmen. Doch die Frauen der Sikh-Gemeinschaft profitieren bis heute von dem Gleichheitsgedanken. Auf welche Weise, erklärt die lebhafte Ranjit Kaur, die sich gerne in der Gemeinde engagiert:

"Eine Frau ist nicht unrein, wenn sie ihre Periode hat. Bei Hindus darf eine unreine Frau nicht in Tempel gehen, bei uns ist alles erlaubt. So was wie Fasten, Karva Chauth heißt das, und das ist, dass verheiratete Hindu-Frauen für langes Leben ihres Ehemannes an einem bestimmten Tag den ganzen Tag fasten müssen. Bei den Sikh-Frauen ist das nicht bekannt. Keiner macht das bei uns. Und genauso kann man sagen, zum Beispiel die Muslim-Frauen, die müssen einen Schleier tragen, und in der Sikh-Religion ist Schleier verboten."

Bildung für Männer und Frauen gleichermaßen

Die Gurus der Sikhs forderten Bildung für Männer und Frauen gleichermaßen. Frauen wurde es erlaubt, im Gottesdienst zu predigen, und ihnen wurde zugesprochen, dass sie Erlösung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten finden können. Eine Vorstellung, die im Hinduismus als strittig gilt. So entstand am Rande Indiens eine kleine Religionsgemeinschaft, die ihren Frauen eine bessere Stellung einräumte als das bei den Hindus und Muslimen der Fall war.

Der Religionswissenschaftler Robert Stephanus promoviert an der Universität in Hannover über die Sikh-Gemeinschaften in Deutschland. Er erläutert, wie widersprüchlich Gott im Sikhismus gedacht wird: Denn zunächst einmal gilt Gott als geschlechts- und formlos. Als eine Kraft, die alles durchdringt. Doch im metaphorischen Gebrauch trägt die vorgestellte Gottheit sowohl männliche als auch weibliche Züge. Robert Stephanus erklärt, wie die weibliche Seite der göttlichen Energie beschrieben wird:

"Dass Gott sozusagen die Welt gebärt oder geboren hat und dass alles aus Gott kommt. Ich würde mal sagen, wie bei einer Muttergöttin, was man ja aus anderen Kontexten auch kennt. Auch die Eigenschaften, diese typischen Mutter-Eigenschaften, also fürsorglich, passt auf und hat einen Blick auf die Menschen."

Eine Episode erzählt, wie der 10. Guru der Sikhs die kleine Religionsgemeinschaft formal begründete. Damit rührte er mit Hilfe seines Schwerts eine Art "Taufwasser" an. Seine Frau mischte Zuckerkristalle in das Wasser und versüßte damit den heiligen Bund. Denn jeder der sich zur Sikh-Gemeinschaft bekannte, trank von dem Wasser.

Auf diese Weise initiiert, nehmen die Männer den Nachnamen "Singh" an, was soviel wie "Löwe" bedeutet. Die Frauen hingegen bekommen den Nachnamen "Kaur", was meist mit "Prinzessin" übersetzt wird. Robert Stephanus sieht durch diese Namensgebung die Stellung der Frau aufgewertet. Er erklärt außerdem:

"Dass für Frauen damit auch ein eigener Verantwortungsbereich geschaffen worden ist. Früher hatten sie ja sozusagen kaum Eigenverantwortung, und durch diese Initiation in die Khalsa kommt jetzt Eigenverantwortung hinzu, und sie sind plötzlich eine Person. Sie werden nicht mehr über die Familie definiert, sondern über die Gemeinschaft."

Die Theorie steht der Praxis entgegen

Trotzdem, was die Emanzipation der Sikh-Frauen betrifft, bleibt der Doktorand skeptisch. Er will die Rolle der Frau nicht allzu rosig verstanden wissen. Denn Theorie und Praxis klafften nur allzu oft weit auseinander. Erklärend bringt er zwei Begriffe ins Spiel, die dem Geschlechterverhältnis eine wichtige Facette hinzufügen:

"Zwei Sachen, die immer wieder aufkommen, wenn es um die Stellung der Frauen im Sikhismus geht, das ist einmal die Ehre und einmal die Scham oder Anstand."

Izzat und Sharam, Ehre und Anstand, sind keine spezifischen Sikh-Kategorien, sondern Begriffe, die in den traditionellen Familiensystemen Nordindiens wirken. Grob lassen sich die Kategorien damit zusammenfassen, dass es einer Frau nicht gestattet ist, etwas zu tun, was den Interessen der männlichen Familienmitglieder widerspricht.

Doch diese patriarchalen Strukturen, von denen wir auch hier in den Medien häufig hören, wenn es um die Stellung der Frauen in Indien geht, will Ranjeet Kaur nicht mit dem Sikhismus in Zusammenhang bringen. Denn mit Religion habe menschenverachtendes Verhalten nichts zu tun. Sie überlegt ein Weilchen und sagt dann lachend:

"Manchmal denke ich, was Guru Nanak vor 600 Jahren getan hat, das wiederholt sich noch mal. Überall braucht man ein Update."

Mehr zum Thema:

Auffallen in der Mehrheitsgesellschaft
(Deutschlandradio Kultur, Religionen, 15.01.2011)

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