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Tonart | Beitrag vom 21.01.2016

"Inclusion Infusion" in KölnPop-Konzerte für Gehörlose

Von Ina Plodroch

Die Gebärdensprachdolmetscherin Laura Schwengber übersetzt bei vielen Konzerten - hier bei einem Auftritt der Band Keimzeit in Potsdam. (picture alliance / dpa / Bernd Settnik)
Die Gebärdensprachdolmetscherin Laura Schwengber übersetzt bei vielen Konzerten - hier bei einem Auftritt der Band Keimzeit in Potsdam. (picture alliance / dpa / Bernd Settnik)

Auch im Leben von Gehörlosen kann Musik eine große Rolle spielen. Während Deutschland noch hinterherhinkt, hat in den USA das Live-Dolmetschen auf den Bühnen großer Festivals einen festen Platz. Ein Besuch bei einem Konzertabend für Gehörlose in Köln.

Die Band Golf aus Köln probiert noch schnell, ob Gitarre und Synthesizer funktionieren. Einen Meter neben dem Bandgewusel: Laura Schwengber, Gebärdensprachdolmetscherin - groß, kurz geschorene Haare, rote Lippen, schwarze Kleidung. Sie steht auf einem zusätzlichen Podest.

Schwengber hebt den Arm, folgt ihm mit ihrem Blick, mimt den Schlagzeuger und tanzt. Zum Beat, der voll aufgedreht den Körper umarmt. Musik zum Anschauen. Für Hörende: Fast wie eine Tanzperformance.

"Was ich nicht mache und nicht kann: jede einzelne Note oder einzelnen Bestandteil von Musik darstellen. Das ist gar nicht mein Ziel. Mir geht es eher darum, darzustellen, was Musik mit mir macht. Um dieses Gefühl bei Menschen, die die Musik nicht selber hören können, damit die das durch meine Hände hören."

Ihre Bewegungen, der Blick: so lässig wie die Musik. Sie überbesetzt also viel mehr als nur den Text - Melodie, Rhythmus, Haltung.

Ohne Klang und Melodien wirklich reizvoll?

Golf sind nur eine von drei Bands und Musikern, die bei "Inclusion Infusion" auftreten. Einem Konzertabend für Gehörlose in Köln. Ein weiterer Act ist der Rapper Gold Roger – für die Dolmetscherin Schwengber eine Herausforderung,

"Weil da einfach wahnsinnig viel Text in kurzer Zeit ist."

Gold Roger heißt bürgerlich Sebastian Goldstein. Auch er war anfangs skeptisch, ob das Übersetzen in Gebärdensprache bei seiner Musik gut geht.

"Bei gesungener Musik ist die Wortanzahl ja viel geringer und ich sprech' ja doch schon ziemlich viel in so einem Raptext und ich war gespannt, ob sie sich so einen Knoten in die Finger macht. Aber sie hat es beim Soundcheck gut hingekriegt, ich finde es geil."

Tatsächlich: eine ganz andere Laura Schwengber – viel mehr Gebärden, die Hände permanent in Aktion. Dass Hip-Hop anders klingt als Elektropop scheint sie rüberzubringen. Aber das sagt sich so leicht, wenn die Musik die Übersetzungsperformance untermalt. Ist das ganz ohne Klang und Melodien wirklich reizvoll?

"Popmusik hat immer was mit Subkultur zu tun. Das hat immer was mit Identitätsstiftung zu tun." 

Tina Sander vom Verein "mittendrin" hat den Abend organisiert.

Nicht immer die besten Gastgeber

"Es hat damit zu tun, womit eine Generation Menschen sich interessiert. Insofern finde ich es alleine auf der inhaltlichen Ebene legitim zu sagen: 'Das ist schön, wenn es jeder mitkriegen kann. Auch wenn er gehörlos ist.'"

Barrierefreie Pop-Musik. Der Lobby-Verein "mittendrin" für Inklusion in Schulen hat sich mit dem Konzertabend in das etablierte Nachwuchsfestival "Cologne Music Week" eingegliedert.

"Die kommen natürlich in erster Linie, um ein cooles Konzert zu hören. Das ist ganz in unserem Sinne. Wir zeigen, dass Inklusion nichts anderes ist, als ein Gastgeber zu sein, der besonders gut auf die Bedürfnisse seiner Gäste achtet. Indem zum Beispiel Leute, die Gehörlos sind, die Möglichkeit haben, das ganze eben auch in Gebärdensprache mitzubekommen."

In diesem Sinne sind Konzertveranstalter nicht immer die besten Gastgeber. Pop und Inklusion - selten. Gestern Abend kam zumindest die Botschaft rüber ohne sich aufzudrängen. Der Saal übervoll. Keiner abgeschreckt von "Inklusion", was als Begriff selten "sexy" genug für ein Pop-Event klingt, weiß auch Laura Schwengber, die seit ein paar Jahren immer wieder mit Bands wie Keimzeit oder den Wise Guys auftritt.

"Super Sache, aber nicht bei mir. Sorry."

"Am Anfang hatten wir das Problem, dass viele Veranstalter gesagt haben: 'Super Sache, aber nicht bei mir. Sorry.'"

Für Matthias Kurt von der "Cologne Music Week" ist das Live-Dolmetschen auf der Bühne ein Experiment. Das in den USA beispielsweise auf den großen Festivals Coachella oder Stagecoach seit einigen Jahren einen festen Platz hat.

"Dass wir das jetzt bei vielen Konzerten machen werden, glaube ich nicht. Weil es relativ aufwendig ist, und die Künstler Bock haben müssen, und dann müsste man sich überlegen, bei welchen."

Sönke Torpus von der Hamburger Folk-Band Torpus & The Art Directors, die dritte Band des "Inclusion Infusion"-Abends, hatte sogar selbst schon mal die Idee, seine Folk-Musik in Gebärdensprache zu übersetzten.

"Um ein bisschen mehr Wert auf die Texte zu legen. Um zu zeigen, dass dieses Lied auch Text hat und die Worte nicht nur Klang sind. Wir haben eben gerade gesprochen, dass wir vielleicht ein Musikvideo gebärden."

Gehörlose sind nicht in Sicht

Fast zwei Stunden steht Laura Schwengber auf ihrem Podest, gebärdet, tanzt, schauspielert. Ihre Performance ist ein Gesprächsthema beim Publikum – wie sie das rüberbringt, beeindruckend, noch nie gesehen, Gebärdensprache auf der Bühne. Aber: das sind Gespräche von Hörenden. Denn: Gehörlose, die gebärdend im Publikum stehen, sind nicht in Sicht.

"Wir haben Konzerte da ist ein Viertel des Publikums taub, zumindest gebärden die Leute. Es gibt auch Konzerte, da haben wir das Gefühl, ach schade, heute war keiner da und dann kommen Mails, die schreiben: 'Hey war super.'"

Pop für Gehörlose scheint sich langsam zu verbreiten. Der Eurovision Song Contest wurde im vergangenen Jahr in internationaler Gebärdensprache übertragen. Auch für Hörende tatsächlich reizvoll, weil es den Blick auf den Klang verändert. Clara Belz, 20, aus Berlin, gehörlos, Musik-Fan, findet es gut, schreibt sie in einem E-Mail-Interview:

"Ich finde schon, dass es davon noch mehr geben müsste. Das wäre ein Signal der Gesellschaft für ein inklusives Miteinander. Musik spielt eine große Rolle in meinem Leben. Oft lese ich Musiktexte und frage mich dabei immer, wie es gesungen wird. Auf Partys oder auf einer Geburtstagsfeier gibt es immer Musik und das fühle ich dann gerne."

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