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Religionen / Archiv | Beitrag vom 15.11.2008

In Memoriam

Warum Anzeigen zum Totengedächtnis immer beliebter werden

Von Kirsten Dietrich

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Immer häufiger gedenken Angehörige in Zeitungsanzeigen an die Verstorbenen (AP Archiv)
Immer häufiger gedenken Angehörige in Zeitungsanzeigen an die Verstorbenen (AP Archiv)

Nicht nur am ursprünglichen Todestag schalten Angehörige von Verstorbenen Anzeigen. Oft sind diese Gedächtnisanzeigen sind besonders persönlich formuliert. Manche haben fast rätselhafte Züge, senden Botschaften, die niemand außer dem Urheber der Anzeige entschlüsseln kann.

"Nun bist du schon vier Jahre nicht mehr bei uns, aber es gibt keinen Tag, an dem wir nicht an Dich denken."

Anzeige auf der Mitte zwischen Geburtstagen im 14-Tage-Abstand:

"Dankbar erinnern wir uns an unsere Großeltern
Die vor 100 Jahren geboren wurden."

"Der Tod tritt dann ein, wenn das Unfassbare Wirklichkeit wird.
Vor zwei Jahren hast Du den Kampf gegen Deine Krankheit und wir Dich für immer verloren.
Gemeinsam unsere Kinder großzuziehen
Und zusammen zu leben
Miteinander alt zu werden
Ungelebte Träume
Was bleibt, ist die Frage nach dem Warum
Nie gibt es eine Antwort
In unendlicher Traurigkeit: Deine Claudia mit Timo, Martin und Christina"

Traueranzeigen sind atemlos. Die Zeit zwischen Tod und Beerdigung ist hektisch, eine Organisationsaufgabe. Die Anzeige muss und will informieren: Wann und wo ist die Beerdigung, welche Bestattungsform wurde gewählt, wünschen die Hinterbliebenen Blumen oder lieber eine Geldspende. Die Gedenkanzeigen nach ein, zwei, drei, fünf oder auch dreieinhalb Jahren sind anders: stiller, trauriger vielleicht. Zu organisieren ist nichts mehr, nur die Trauer ist geblieben. Und der Wunsch, sie zu teilen. Auch wenn dafür gar kein öffentlicher Ort, kein Ritual mehr vorgesehen ist.

Gerard: "So übers Jahr verteilt finde ich immer kleine Sätze, Aphorismen, kleine Gedichte, und die sammel ich und leg mir die schon in den Kalender so um den Jahrestag von Florians Tod. Wenn Tag dann naht und die Anzeige aufgegeben werden soll, dann guck mir das durch und dann schau ich, was für dieses Jahr passt. Das ist nicht nur in Memoriam - ich denke an Florian - sondern ich geb ihm jedes Jahr ne kleine Message. Ist wie kleine Zwiesprache mit ihm."

”Tagesspiegel” vom 29.6.08
"”In memoriam
Florian Gérard
17.10.1976 Berlin – 1.7.2000 Dublin
Tod kann dein Bild nicht aus der Welt vertreiben
Es gibt so vieles, was wir Dir erzählen möchten!
www.trauer-um-florian.de""

Links unten auf der Anzeige: ein kleines, einfach gemaltes Segelboot. Seit acht Jahren gibt Gabriele Gérard Anzeigen für ihren Sohn auf. Er starb mit 23, ganz plötzlich.

Gerard: "Das ist zum Einen für mich selbst notwendig, diesen Tag, der ja mein Leben und das Leben der Menschen um mich rum geändert hat, dass diesem Tag gedacht wird, das tun wir auch neben der Anzeige in einem kleinen Gedenktreffen hier bei uns, vielleicht ist es auch der Wunsch, die Menschen zu erinnern, die das sehen, dass wieder ein Jahr vorbei ist und Florian nicht vergessen ist."

Gabriele Gérard dokumentiert die Erinnerung an ihren Sohn auf einer umfangreichen, liebevoll eingerichteten Website. Genauso liebevoll lebt sie mit Fotos des Sohnes: von Bücherregalen, vom Kamin, unter dem Glas des Couchtisches hervor schaut ein zugänglich und freundlich aussehender junger Mann mit langen, lockigen Haaren.

Gerard: "Das private Gedenken, das ist mein Leben. Ich denke jeden Tag an Florian, ich lebe ja mit meinem Sohn, der gestorben ist, der bleibt ja bei mir in meinem Herzen und in meinen Erinnerungen, dieser Wunsch, den kenne ich auch von vielen anderen Trauernden, einmal im Jahr diese Trauer, dieses Gedenken, diese Liebe, die man weiterhin empfindet, auch nach außen zu tragen. Diese Dokumentation: schaut, er lebt auf irgend eine andere Art weiter, er ist gestorben, aber er lebt weiter."


"Tagesspiegel" vom 2.3.08
"Gedanken an Dich
Die Spuren deiner Worte.
Die Spuren deiner Umarmung.
Die Spuren deines Lachens.
Niemand kann sie auslöschen in mir.
Das mag wohl Liebe sein!
In Gedenken bin ich immer bei Dir."

Die vertraute Anrede, das persönliche Du herrscht vor in Gedenkanzeigen. Eine paradoxe Anrede eigentlich: Wer soll gemeint sein?

Gerard: "Von meinem Gefühl mach ich sie für ihn und sag: guck Florian, ich bin loyal, ich bin treu, ich vergess dich nicht und ich hab dir eigentlich immer noch ganz viel zu sagen. Einen Satz von diesen vielen Gedanken, die ich hab, kann ich dir in die Anzeige stellen, und den sollen andere ruhig lesen."

Knoblauch: "Natürlich kann man das an die Toten selber richten, aber dann wäre konsequenterweise das eine sehr privatsprachliche Veranstaltung, die keine Öffentlichkeit sucht. Die Frage ist, ob der Tote Zeitung liest oder wer Zeitung liest. Das muss man sich erstmal stellen. Das ist in einer Zeitung formuliert, sucht also eine andere Öffentlichkeit."

Hubert Knoblauch, Soziologe an der Technischen Universität Berlin, untersucht Veränderungen im Umgang der Gesellschaft mit Tod und Trauer.

Mätzing: "Also das Schlimmste nach dem Tod war ja eigentlich, nicht mehr die Möglichkeit zu haben, dem anderen seine Liebe zu zeigen. Ist was, was fast ans seelische Erstickung auch führt, und insofern ist es eine Form im Grunde genommen einen Funkspruch abzusetzen einmal im Jahr, einen öffentlichen Funkspruch, auch wenn wir natürlich nicht wissen, ob der wirklich ankommt und auch nicht unbedingt die Antwort erhält, die wir mit unseren Ohren wahrnehmen können."

Sich über eine Anzeige an einen geliebten Toten zu wenden – auch für Heike Mätzing ist das nicht so absurd, wie es klingt. Sie hat vor viereinhalb Jahren ihren Lebensgefährten verloren, ihren Mann, wie sie ihn nur nennt. Seitdem gibt sie jedem Todestag eine Anzeige für ihn auf – nicht in Braunschweig, wo sie lebt, sondern in Berlin, wo er lebte.

"Mit meinem Herzen berühre ich Dich wie mit einer Hand… R.M. Rilke
Prof. Dr. Frithjof Voss
13. Februar 1936 – 16. Mai 2004"

Mätzing: "”Es ist schon immer wieder ein Überprüfen: Kannst du das verantworten, das jetzt öffentlich zu machen? Denn damit muss es dann auch Wahrheit sein. Also meine Wahrheit. Ich hab zum Beispiel im letzten Jahr gedacht, ich lass es. Nicht weil ich’s nicht gespürt hätte, sondern weil ich dachte, es reicht doch jetzt. Dann hab gemerkt, nee, es geht nicht. Es geht nicht ohne dieses öffentliche Bekenntnis dazu. Und es ist für mich immer wieder ein Ja zu diesem Weg auch. Es ist ja nicht nur die Anzeige, dahinter steht für mich ein ganzer Lebensentwurf, der neu gestaltet werden musste nach Tod meines Mannes.""

Genaue Zahlen lassen sich kaum erheben, aber Indizien sind sichtbar für die These: die Zahl der Gedenkanzeigen steigt, im Internet sowieso, aber auch ganz klassisch in der gedruckten Zeitung. Damit reagieren Trauernde auf eine sich verändernde Gesellschaft. Und sie bleiben doch ganz traditionell. Denn Beerdigungen waren schon immer gemeinschaftsstiftende Rituale.

Der Friedhof ist der Ort, an dem die Gemeinschaft sagt, wer zu ihr gehört, sagt der Religionssoziologe. Und wenn es die einzelnen dann so weit auseinander verschlägt, dass man sich nicht mehr auf einen gemeinsamen Friedhof verständigen kann, dann treten andere Rituale in die Lücke. Wie die Gedenkanzeige.

Hubert Knoblauch: "Wir haben zum Beispiel Netzwerke im Internet, wir haben Bekanntschaften, die mehr oder weniger lokal sind, und das sind unsere Gemeinschaften. Also werden auch die Erinnerungsorte dieser Kommunikationsformen anders, sie werden ortloser, wie die Kommunikation insgesamt. Aber das heißt nicht, dass es sich von den Menschen ablöst, ganz im Gegenteil. Sie wird von der Lebensgemeinschaft, von Ortsgemeinschaften abgelöst, aber sie muss entsprechend sich natürlich weiterhin sich an den Menschen festmachen. Die nun nicht mehr große Gemeinschaften sind, sondern eher in kleineren Gruppen, also vereinzelter, sozusagen individualisierter auftritt."

Natürlich bestehen traditionelle Formen des Totengedenkens weiter: der Gottesdienst am Toten- oder Ewigkeitssonntag, in dem die Namen Toten des vergangenen Kirchenjahres verlesen werden. Die katholische Messe zum Jahresgedächtnis. Oder auch die Anzeige der schlagenden Studentenverbindung, in der den toten Bundesbrüdern eine zünftige Trauerkneipe versprochen wird.

Das Gedenken mobilisiert sich, und die Gedenkanzeige markiert einen wichtigen Übergangspunkt. Sie informiert nicht mehr über den Ort, an dem der Tote zu finden ist. Sie macht deutlich, welche Hinterbliebenen in welcher Beziehung wie intensiv trauern.

Erster Todestag Jugendliche, die auf Weg zu Konzert verunglückt sind
"Irgendwo da oben?
Sven & Caspar
Wir denken an Euch und malen Euch viele Bilder"

Knoblauch: "Individualisierung, das scheint mir nicht das Wesentliche zu sein, sondern dass wir auf wenige Beziehungen, sehr starke Beziehungen uns konzentrieren, davon leben, und diese Beziehungen entsprechend stark emotionalisieren. Zum Beispiel mit der Abnahme der Kinderzahl ist die Beziehung zu den Kindern viel emotionaler, und wenn ein Kind stirbt oder ein Elternteil stirbt, dann ist das natürlich eine massive emotionale Belastung, vermutlich emotional aufwendiger, wenn man das so sagen darf, als das typischerweise vor 30, 40 50 Jahren der Fall war."

"”…one day we will meet in another life
Michi
Du fehlst uns so sehr.
In Liebe: Mami, Papi und Ela""

Der Ton in Gedenkanzeigen ist familiär, freundlich. Mit "Sie" sprechen höchstens Institutionen diejenigen dankbar an, die sie im Testament bedacht haben. Ansonsten ist das öffentliche Gedenken das Privileg derer, die mit den Toten auf du und du stehen. Statt Vor- und Nachname: Mama, Papa, Schatz. Manche Hinterbliebene nennen ihren Namen gar nicht mehr, konzentrieren alles auf den des Toten. Die Vertrautheit wird bis ins Rätsel gesteigert.

Knoblauch: "Die, die’s wissen müssen, wissen es, die wissen, wer gemeint ist, wenn sie nicht wissen, wer gemeint ist, dann sind sie nicht gemeint. Das setzt voraus, wie Chiffren auch, wie die Zitate, die verschlüsselt sein dürfen, die in bestimmten Sprachen, dass wir ein Wissen unterstellen gerade bei unseresgleichen, also den Dazugehörigen, so werden auch die Kreise entsprechend bestimmt, eben diese unsichtbaren Kreise, die keine Lokalgemeinschaften sind."

"Über Deinem Grab schien die Sonne, als wir bei Dir waren, schön und schmerzhaft zugleich. Du wärest so stolz, wenn Du wüsstest, wie viel von Dir geblieben ist."

Mätzing: "Die Zumutung, die uns da letztendlich aufgebürdet wurde, sich ohne Abschied trennen zu müssen, und im Grunde genommen ist es ein Ruf oder ein Aufbegehren gegen diesen Tod und letztlich die Aussage, die Liebe ist einfach stärker als der Tod und Freund Hein, du hast nicht das letzte Wort. Du kannst uns trennen hier, aber im letzten hast du keine Macht."

Der Partner von Heike Mätzing starb plötzlich, ohne Vorwarnung, fern von ihr. Auch das ist sicher ein Grund dafür, die Auseinandersetzung mit diesem unversehenen Tod so hartnäckig zu suchen, sich nicht zufrieden zu geben mit einer vermeintlich vernünftigen Trauer. Als Trotz beschreibt Heike Mätzing ihre Haltung. In Gedenkanzeigen trifft man auf die Menschen, die mit dem Tod nicht versöhnt sind.

"Lieber Horst, lieber Papa
Durch grobe Fahrlässigkeit anderer Menschen
Wurdest Du vor einem Jahr brutal und sinnlos
Aus Deinem Leben gerissen.
Ohne dich wird unser Leben niemals wieder so sein wie zuvor.
Alrun, Bianca und Oliver"

Zornige Kollegen erinnern an die Journalistin, die in Russland ermordet wurde. Oder der wütende Bruder an die Schwester, die in der DDR umkam. Dass die Trauer auch nach Jahren noch öffentlich ist, gibt der Gedenkanzeige die Kraft, zum politischen Statement zu werden. Sie schwimmt gegen den Strom. Gabriele Gérard:

Gerard: "Die Gesellschaft, die wird vielleicht manchmal den Kopf schütteln und sagen, warum gibt die nicht auf, warum akzeptiert sie nicht, dass der Sohn gestorben ist. Insofern hat für diese Menschen vielleicht was Trotziges, für mich nicht, es ist einfach mein Leben, ich muss mit diesem Leben umgehen, das muss ja niemand, der dieses Schicksal nicht trägt."

"Tagesspiegel" vom 6.7.08
"Angst dein Gesicht zu vergessen!
Angst deine Stimme nicht mehr zu hören!
Angst keine Erinnerungen mehr zu haben! (…)
Ich werde dich immer lieben!
Deine Käthe"

Mätzing: "”Ich finde, wenn man eine wirklich gute Beziehung hatte, dann kann die nicht mit dem Tod enden. Das ist einfach etwas, was sich ausschließt. Sie wandelt sich natürlich, man macht seine eigenen Erfahrungen hier, aber in der Grundsubstanz besteht das weiter. Und das hat ne Form von Trotz, dass ich das einfach nicht akzeptiere.""

Dem Tod einen Sinn abringen, und wenn es noch so mühsam ist: diesen Kampf spiegeln viele Gedenkanzeigen. Hilfe von einer höheren Instanz suchen die wenigsten: Zitate von Shakespeare bis Rilke werden zu Rate gezogen, Biblisches höchst selten. Auch Spuren anderer Religion finden sich selten, am ehesten verweisen manche auf buddhistische Gedanken der Wiedergeburt. Die Trauer ist hochemotional, aber bewegt sich bewusst abseits der traditionellen Institutionen, sagt der Religionssoziologe Hubert Knoblauch.

Knoblauch: "Bei all dem sollte man sich im klaren sein, dass diese Formen völlig außerhalb dessen stehen, was klassischerweise kirchliche Religiosität ist. Nicht nur emotionale, religiöse Probleme – es sterben Leute, sie sind weg, wir gehen damit um, das ist ein Thema der christlichen Religion schon immer – in Formen verhandelt werden, an denen die Kirche nicht im entferntesten beteiligt ist. Sie hat immer noch ihren Teil in ihren klassischen Formen, aber hier entstehen neue Formen."

"Ein Trost, nicht in die grause Zukunft,
sondern in die Vergangenheit zu blicken.
Im Gedenken an mein Everl"

Gerard: "”Ich denke ja, im Gegensatz zu den Menschen, die meinen, dass Trauer was Totes ist – Trauer ist unglaublich lebendig, wenn man sie lebt. Ich hab das Gefühl, die Zeit ist so kostbar, dass ich sie lieber mit Sinn gestalte, und in dem Verlust erlebe ich wirklich auch einen ganz großen Reichtum.""

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