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Thema / Archiv | Beitrag vom 28.01.2010

In der Elektro-Kabine zur Arbeit

Zwei Architekten über die Vision einer Stadt ohne Öl

N. Kuhnert und A. Ngo im Gespräch mit Ulrike Timm

Die Taxis der Zukunft könnten per Elektroantrieb fahren. (AP)
Die Taxis der Zukunft könnten per Elektroantrieb fahren. (AP)

Die Stuttgarter Ausstellung "Post-Oil City" zeigt Entwürfe für ein elektronischen Kabinentaxi-System. Bis das eingeführt wird, dürfte aber noch eine Weile vergehen, meint Anh-Lin Ngo, einer der Kuratoren: Erst müssten Technologien sowie "politische und gesellschaftliche Konstellationen" so weit sein.

Ulrike Timm: "Post-Oil City – Die Stadt nach dem Öl", eine Ausstellung in Stuttgart zeigt nicht nur Visionen, sondern auch Konzepte: Wie können wir in Großstädten heizen, bauen, von A nach B kommen ohne einen Tropfen Erdöl? Das beschäftigt uns gleich hier im Radiofeuilleton.

Derzeit ist es noch völlig unvorstellbar – eine Welt ohne Erdöl. Aber irgendwann werden die Vorräte zu Ende sein. In zwei Jahrzehnten ist nach derzeitigem Forschungsstand die Hälfte aller Ölreserven der Erde verbraucht, und an die andere Hälfte kommt man nur sehr aufwendig, wenn überhaupt, heran. Grund genug also, sich schon jetzt zu überlegen, wie unsere Städte ohne Erdöl funktionieren könnten, wie wir dann heizen, bauen, den Verkehr regeln. Eine Ausstellung in Stuttgart präsentiert dazu neue Ideen und nicht nur spinnerte, einiges wird schon ausprobiert. Kurator von "Post-Oil City – Die Stadt nach dem Öl", das ist Nikolaus Kuhnert und sein Kollege Anh-Lin Ngo. Guten Tag!

Nikolaus Kuhnert: Ja, guten Tag!

Timm: Nennen Sie uns doch bitte mal ein Beispiel für so einen großen Zukunftsentwurf, der nicht mehr aufs Öl setzt und doch städtisches Leben ermöglicht.

Kuhnert: Das ist die Stadt Masdar in Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Planung ist ausgeführt worden von Norman Foster, London, in Kombination mit einem, der heißt Matthias Schuler der Firma Transsolar, die sind verantwortlich fürs Klimadesign.

Timm: Und was ist da so besonders?

Kuhnert: Das Besondere ist erstens, dass die Emirate, die ja eigentlich im Grunde genommen vom Öl leben, mit dieser Stadt und mit der Planung dieser Stadt auf die Zeit nach dem Öl setzen, sprich, sie versuchen, die ganzen Technologien, die es heute gibt, die Techniker in den, an den Ort zu ziehen und eine Stadt aufzubauen mit dem Know-how der westlichen Welt, die aber eben nicht mehr auf Öl basiert, sondern: Die Stadt ist eine Kombination aus Wissenschaft, Erforschung erneuerbarer Energien und quasi … die Stadt ist das wissenschaftliche Labor zu den Forschungsstätten.

Timm: Was heißt das konkret, wie komme ich in Masdar von A nach B?

Kuhnert: Sie kommen sozusagen in die Stadt nicht mehr rein mit dem Auto oder mit der Bahn, sondern sie werden an bestimmte Punkte geführt und von diesen Punkten gibt es ein bestimmtes Verkehrssystem, ein automatisches Verkehrssystem, PRT-System, wird in London entwickelt und ist auch praktiziert worden – also, so als Versuchsstrecke – in Heathrow. Und dieses Verkehrssystem ist im Grunde genommen ein Kabinensystem, was Ihnen erlauben soll, … Sie steigen ein in eine Kabine und fahren dann zum Zielort, und während der Fahrt kombiniert sich ihre Kabine mit anderen, bildet also Züge, die sich später wieder auflösen. Ein Versuch, den es schon in den 60er-, 70er-Jahren gegeben hat, in Frankreich ist das Aramis, so heißt das System, und dazu gibt es eine große Studie von Bruno Latour über das Scheitern von Aramis, es gibt auch in Deutschland Kabinentaxi-Experimente, in Amerika et cetera.

Timm: 40.000 Menschen sollen in Masdar einmal leben. Wann wird denn das sein?

Kuhnert: Etwa in … Also, die Planung, der Planungszeitraum sind 17 Jahre, dann wurde das reduziert auf sieben Jahre, die Stadt befindet sich im Bau, Teile werden schon gebaut. Mittlerweile rechnet man, nach der Finanzkrise, wieder nicht mehr mit sieben, sondern vielleicht mit zehn, 15 Jahren.

Timm: Aber diese Entwürfe werden dort auch tatsächlich realisiert, das ist keine Laborsituation?

Kuhnert: Nein, überhaupt nicht, sondern das sind … Wenn Sie wollen, greift man zurück, was das Klimadesign betrifft, auf traditionelle Überlegungen zur Organisation der arabischen Stadt – wie die Stadt zum Wind ausgerichtet wird, wie die Stadt be- und entlüftet wird – auf der einen Seite, und was die Verkehrspolitik betrifft, greift man zurück auf die Hochtechnologie, auf die Versuche aus den 60er-, 70er-Jahren in Europa. Ich habe Aramis erwähnt, es gibt das System Wall, es gibt andere Systeme, in Amerika und in Deutschland sind es die Kabinentaxi-Systeme, die hier mal experimentell erprobt worden, dann gescheitert sind, und die heute auf Basis der Weiterentwicklung des technologischen Systems angewendet werden sollen.

Timm: Das muss ja auch ein großes Feld der Zusammenarbeit sein, für Architekten, Stadtplaner, Ökologen, wenn man auf der einen Seite ja so ein öffentliches Verkehrssystem vollkommen neu organisiert und auf der anderen Seite versucht, eine Stadt so zu planen, dass die Windenergie genutzt werden kann. Das sind ja vollkommen verschiedene Berufe, die da zusammenarbeiten müssen.

Kuhnert: Nicht nur das, also, nicht nur sozusagen wird alles, was es an Wissen gibt, versucht, in die Planung dieser Stadt einzubeziehen, sondern natürlich auch die Leute sind vor Ort, arbeiten dort, und zum anderen – das muss man immer jetzt dazu sagen – ist es natürlich eine Stadt, die mehrebenig gedacht wird. Da kommt jetzt auch die Frage Klima wieder rein – eine Stadt, die sozusagen auf der fußläufigen Ebene keinen Autoverkehr mehr kennt, sondern man bewegt sich fußläufig. Die Straßen sind so, dass sie durch die Überbauung der Häuser, die nicht, sagen wir mal, weggehen von der Straße, sondern in die Straße reingehen, verschattet wären, während der gesamte Verkehr unterirdisch läuft, und über den unterirdischen Verkehr kann man von A nach B kommen.

Timm: Das ist jetzt ein Modell, und solche Zeichnungen, Modelle zeigen Sie eben auch in Stuttgart. Das ist aber eines von ganz vielen. Auffällig ist, dass diese Projekte, diese Ideen, die in Stuttgart jetzt gezeigt werden, nicht in Europa stattfinden, sondern eben in Abu Dhabi, in Brasilien, in China.

Kuhnert: … in Curitiba, in Brasilien ein Projekt.

Timm: Warum ist das so, dass die nicht in Europa sind?

Kuhnert: Ja, in Europa ist eigentlich … Das ist ein gutes Beispiel. Wir haben auch europäische Projekte. In Europa geht es mehr um die Umnutzung vorhandener Infrastrukturen, während dort, unter außereuropäischen Bedingungen … Jetzt muss man natürlich immer dazu sagen: Wenn auch eine bestimmte Klugheit regiert, geht es darum, neue Stadtsysteme zu entwickeln, und in Europa geht es eben um die Umnutzung der vorhandenen Systeme. Das heißt, das Experiment, das Wagnis, der Sprung ins neue ist eigentlich mittlerweile ein Thema nicht mehr von Europa, sondern außereuropäischer Projekte.

Timm: Nun ist zum Beispiel China nicht besonders bekannt als experimentierfreudiges Land oder ökologisches Land. Das wundert einen.

Kuhnert: Da gibt es aber auch Planung. ??? haben wir nicht … wollten wir bringen, da versucht man sozusagen, Stadt und Landwirtschaft zu kombinieren, dass … Wir haben dann ein Projekt gebracht – das ist aber nur ein Wettbewerbsentwurf – für Philadelphia, wo man versucht, die Entleerung der Stadt durch die sozialen Probleme dadurch aufzufangen, dass man die Stadt, also das Raster von Philadelphia, in einer neuen Art und Weise mit landwirtschaftlicher Nutzung kombiniert, sprich, Sie wandern von Block zu Block, und der eine Block ist noch städtisch genutzt durch eine Bebauung und der andere Block ist schon wieder Agrikultur, agrikulturell genutzt.

Timm: Wir sprechen hier im Radiofeuilleton von Deutschlandradio Kultur über Ideen für Städte ohne Öl, also für eine Zukunft, die gar nicht mehr so sehr lang auf sich warten lässt, mit dem Kurator der Ausstellung "Post-Oil City". Herr Kuhnert, das sind ja ganz unterschiedliche Projekte, die Sie in Stuttgart präsentieren. Nach welchen Kriterien haben Sie sie denn ausgewählt? Vielleicht sagt uns dass Herr Ngo?

Kuhnert: Ja, ich gebe Sie mal weiter an Herr Anh-Lin Ngo. Kriterien der Auswahl.

Anh-Lin Ngo: Ja, guten Tag!

Timm: Guten Tag!

Ngo: Wie war noch mal die Frage?

Timm: Nach welchen Kriterien Sie die Projekte in Stuttgart, die Sie präsentieren, ausgewählt haben? Was mussten die erfüllen?

Ngo: Ah. Wir haben einerseits darauf geachtet, dass diese Projekte, die wir ausgewählt haben, die aktuell sind, eine bestimmte Denkweise widerspiegeln, die wir anhand von historischen Beispielen dann auch belegen wollten. Das heißt, wir wollten zeigen, dass das Handeln heute von einer disziplinären Denkweise, das heißt, aus dem Städtebau aber auch aus dem Architekturbereich geprägt ist, dass auf die Utopien und Visionen der 60er-, 70er-Jahre stark zurückgeht.

Timm: Viele der Ideen sind gar nicht so neu, Sie sagten es eben, sondern sie beruhen auf Zukunftsvisionen, die man schon in den 1960ern hatte, die also eine ganze Weile schon auf dem Buckel haben, zum Beispiel eben der Nahverkehr in Masdar, das ist eine Grundidee von Norman Forster aus den 1960ern. Was sagt uns das? Waren da zwischenzeitlich Utopien verschüttet oder dauert das einfach so lang?

Ngo: Wir denken, das dauert einfach so lange, bis sich bestimmte Technologien durchsetzen, aber auch, dass bestimmte politische Konstellationen und gesellschaftliche Konstellationen so weit sind, dass diese Ideen dann auch tatsächlich umgesetzt werden. Zum Beispiel Masdar – das Verkehrssystem, ein individualisiertes, öffentliches Verkehrssystem wird auch dadurch vorangetrieben, dass zum Beispiel die kulturelle Bedeutung mit da hineinspielt, das heißt, eine arabische Frau darf zum Beispiel nicht mit einem fremden Mann im Auto sitzen. Und das heißt, Sie müssen das System so weit individualisieren, dass das dann auch mit der Kultur übereinstimmt. Also, es sind so bestimmte Punkte, die uns interessiert haben, warum ein System wieder aufgegriffen wird, warum bestimmte Ideen wieder ein Revival feiern und dass die aber nicht eins zu eins übernommen werden, sondern wirklich jetzt für die Zukunft weitergedacht werden.

Timm: Es ist eine große Vielfalt, die Sie zeigen, es ist nicht nur dies Verkehrssystem, es gibt zum Beispiel einen großen, städtischen Platz, überdacht, mit lauter so Solarflügeln, sage ich als Laie, die werden nachts zusammengeklappt und produzieren dann Energie. Ja, haben denn diese Ideen auch das Potenzial, mal in Serie zu gehen, also massenkompatibel zu werden, oder sind das schöne, wunderbare, utopische Einzelstücke?

Ngo: Genauso wie das für die 60er-, 70er-Jahre nicht vorauszusehen war, dass bestimmte Ideen überleben und heute wieder aufgegriffen werden, können wir das auch für die Zukunft nicht sagen. Was wir aber sagen können ist bei Masdar, dass dort enorm viel Geld auch investiert wird, um diese Forschungsstadt zu installieren, und die Idee dahinter ist, die Zukunft von Abu Dhabi auf ein technologieexportierendes Land voranzubringen. Und das heißt, die sind selbst wirtschaftlich, das heißt, sie gehen das Thema auch wirtschaftlich an, nicht nur jetzt im Hinblick auf Klimaschutz, sondern auf ihre wirtschaftliche Zukunft, und deswegen sind sie auch daran interessiert, dass diese Prototypen, die dort umgesetzt werden, auch tatsächlich so weit vorangebracht werden, dass sie dann auch später exportiert werden können.

Timm: Die Zukunft ist noch eine ganze Weile hin, aber Städte der Zukunft ohne Öl, eine Ausstellung in Stuttgart, zeigt konkrete Vorhaben und gewagte Denkmodelle von morgen an und bis zum 20. März. In der IFA-Galerie in Stuttgart. Danke fürs Gespräch zu einen an Anh-Lin Ngo, und an den Kurator Nikolaus Kuhnert, sie haben die Ausstellung zusammen gemacht. Vielen Dank!

Ngo: Danke schön! Wiederhören!

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