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Interview / Archiv | Beitrag vom 13.04.2019

In Aleppo in SyrienDie Angst ist nicht verschwunden

Oliver Müller im Gespräch mit Julius Stucke

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Ein syrisches Kind in Aleppo blickt ratlos. (Mustafa Bathis / Anadolu Agency / dpa / picture-alliance)
Viele Menschen in Aleppo sind ratlos wie es weiter gehen soll. Besonders die Kinder leiden unter der verbreiteten Armut. (Mustafa Bathis / Anadolu Agency / dpa / picture-alliance)

Bis heute gibt es in Ost-Aleppo keinen Strom, der Westteil der Stadt wird nachts immer noch bombardiert. Von seinen Eindrücken aus Aleppo berichtet Oliver Müller von Caritas International nach seiner Rückkehr aus Syrien.

Seitdem die syrischen Regierungstruppen seit zwei Jahren die lange umkämpfte Stadt Aleppo wieder kontrollieren, erfährt man nur noch wenig vom schwierigen Alltag der Menschen. Der Leiter von Caritas International, Oliver Müller, war jetzt vor Ort und berichtete im Deutschlandfunk Kultur von der verbreiteten Armut und Perspektivlosigkeit. Die Stimmung sei bedrückend und der Krieg keineswegs vorbei. Der Westteil der Stadt werde aus der Region von Idlib heraus immer noch bombardiert. Viele Kinder hätten seit Jahren keine Schule mehr besucht. Nicht wenige Menschen fühlten sich von der internationalen Gemeinschaft vergessen.

(gem)


Das Interview im Wortlaut:

Julius Stucke: Aleppo – in meinen Ohren klingt das noch nach Krieg, nach Krieg in Syrien, der vor acht Jahren begonnen hat, das klingt nach Zerstörung, aber vielleicht kann es ja doch auch ein bisschen nach Hoffnung klingen und nach einem Wiederaufbau. Noch sind Teile der Metropole in Trümmern, seit zwei Jahren kontrollieren syrische Regierungstruppen wieder die gesamte Stadt Aleppo. Oliver Müller, Leiter von Caritas International, ist gestern Abend aus Aleppo zurückgekommen. Guten Morgen!

Oliver Müller: Guten Morgen, Herr Stucke!

Stucke: Herr Müller, wir reden ja nicht von einem Syrien in echtem Frieden, aber zumindest ja in der Region Aleppo wird nicht mehr gekämpft seit Längerem, ist seit zwei Jahren die Kontrolle wieder in den Händen von Assads Regierungstruppen. Wenn man in Aleppo ist, wie weit weg oder auch nicht fühlt sich denn der Krieg an?

Müller: Die Stimmung in Aleppo ist doch sehr bedrückend, und was mir viele meiner Gesprächspartner sagen, war, der Krieg ist nicht vorbei. Das hat letztlich mit den sehr schlechten Lebensverhältnissen dort zu tun. Also in Ost-Aleppo zum Beispiel, was ja weitgehend zerstört ist, wo sich aber doch jetzt wieder einige Menschen ansiedeln, gibt es zum Beispiel nach wie vor keinen Strom. Wie kann man ohne Strom leben. Es gibt keine Arbeitsplätze, die meisten finden kein entsprechendes Auskommen, und natürlich spüren die Menschen, dass die Infrastruktur weitgehend zerstört wurde.

60 Prozent aller Krankenhäuser in Syrien wurden durch den Krieg beschädigt oder zerstört. Man spricht davon, dass fast 70 Prozent des medizinischen Personals im Ausland ist, und das sind natürlich Dinge, die man im Alltag sehr stark spürt, aber es ist vor allem das Fehlen an Perspektiven.

Was man letztlich auch sagen muss, was viele nicht wissen, der Krieg ist im wahrsten Sinne des Wortes noch nicht ganz vorbei, weil man jede Nacht starke Explosionen und Einschüsse in Aleppo hört. Der Westteil der Stadt wird bombardiert aus der Region von Idlib heraus. Das sind einzelne Raketen, die aber natürlich für Angst sorgen. Es ist schon bedrückend, zu hören, dass diese Kampfhandlungen fast jede Nacht, zumindest in den letzten zwei Wochen, stattgefunden haben.

Eine Frau in Aleppo arbeitet mit einem Vorschlaghammer in den Trümmern zerstörter Häuser.  (Mikhail Voskresenskiy / Sputnik Foto: Mikhail Voskresenskiy/Sputnik/dpa )Inmitten der Zerstörung versuchen die Menschen in Aleppo auch einen Wiederaufbau ihrer Stadt zu beginnen. (Mikhail Voskresenskiy / Sputnik Foto: Mikhail Voskresenskiy/Sputnik/dpa )

Stucke: Und gibt es trotzdem neben all dem, was Sie jetzt beschrieben haben, eben in Teilen sowas wie normales alltägliches Leben?

Müller: Ja, das Leben macht sich breit, und auf dem ersten Blick hat man den Eindruck, ich war vor einem Jahr zuletzt in Aleppo, dass es etwas besser wird. Wenn man genauer hinschaut, merkt man allerdings, dass in einer Straße, in der es früher zehn Läden gab, jetzt vielleicht zwei davon geöffnet haben. Ab und zu sieht man einen Handwerksbetrieb.

Was ich nicht gesehen habe, sind wirklich Wiederaufbaumaßnahmen. Das macht eben auch aus, dass viele den Eindruck haben, es geht nicht wirklich voran, und vor allem zum Beispiel auch Eltern den Eindruck haben, sie können nach wie vor ihren Kindern keine Erziehung bieten.

Es gibt viele Kinder, die haben in den letzten Jahren keine Schule besucht. Wir finden 15- bis 17-Jährige, die nicht lesen und schreiben können. Das ist zum Beispiel auch in unseren Aktivitäten der Caritas ein wichtiger Punkt, Kinder fit zu machen für die Schule, die sie nie gesehen haben. Viele sind auch traumatisiert, und da muss man entsprechend ansetzen.

Assad ist allgegenwärtig

Stucke: Dieser Frieden, der noch kein richtiger Frieden im Land ist und auch in der Stadt, wie Sie beschreiben, sich noch nicht unbedingt so anfühlt – es ist eine Situation unter Kontrolle, unter Kontrolle von Bashar al-Assad. Das ist ja eine irgendwie zwiespältige Situation. Inwiefern haben Sie die in der Stadt gespürt, in Ihren Gespräche gehört?

Müller: Die Regierung Assad ist allgegenwärtig und kontrolliert die Verhältnisse vor Ort. Es ist schwer zu sagen, wie die wirkliche Haltung der Bevölkerung ist, weil es ist durchaus so, dass man immer wieder hört, dass die Menschen sagen, die internationalen Sanktionen, die sind schuld daran, dass es uns hier so schlecht geht.

Es gibt in der Tat Auswirkungen der Sanktionen auf das normale Leben. Also zum Beispiel ist die Einfuhr von Treibstoff reglementiert, aber die internationalen Sanktionen sehen zum Beispiel nicht vor, dass Medikamente oder Lebensmittel ins Land gebracht werden.

Es gelingt offensichtlich der Regierung, den Menschen aber deutlich zu machen oder zu vermitteln, dass das so wäre. So ist die Stimmung gespalten. Viele fühlen sich verlassen von der internationalen Gemeinschaft. Manche versuchen, sich so durchzuschlagen, aber es wird völlig klar, dass es unter den jetzigen Verhältnissen, wo der Wiederaufbau noch überhaupt keine Rolle spielt, sicherlich nicht zu einer Rückkehr von Flüchtlingen aus dem Ausland im großen Umfang kommen kann.

Nachkriegszeit in Aleppo mit Spuren der Zerstörung  (Mikhail Voskresenskiy/Sputnik/dpa )Nachkriegszeit in Aleppo mit Spuren der Zerstörung (Mikhail Voskresenskiy/Sputnik/dpa )

Stucke: Das heißt aber, das ist ein Dilemma im Prinzip, vor dem wir alle stehen, dass einerseits diese Hilfe benötigt wird, diese Hilfe, um zu überleben, diese Hilfe für Wiederaufbau benötigt wird, und andererseits das aber auch heißt, man müsste dann irgendwie mit Assad kooperieren oder ihn indirekt mit unterstützen?

Müller: Ja, das ist das Dilemma, vor dem wir jetzt stehen. Was die Menschen in Aleppo und auch sonst in Syrien mit am wichtigsten brauchen, sind Lebensmittel. Fast 80 Prozent der syrischen Bevölkerung lebt in extremer Armut. Das heißt, Sie haben umgerechnet weniger als zwei Dollar pro Tag zur Verfügung. Also das zeigt, es ist eine reale Not da. Als Hilfsorganisation geben wir vor allem Lebensmittel heraus, Matratzen, Kleider.

Das sind nach wie vor ganz wichtige Maßnahmen. Andererseits ist klar, um den Menschen eine Perspektive zu bieten, bräuchte es einen Wiederaufbau, der mit der Regierung Assad wirklich schwierig sein dürfte und der von der internationalen Gemeinschaft so nicht gewünscht ist, aber eine Notwendigkeit wäre, dass Menschen auch wirklich zurückkommen und letztlich natürlich auch Rechtssicherheit allein für die vielen jungen Männer hier, die eine Anklage fürchten, weil sie den Militärdienst zum Beispiel nicht abgeleistet haben. Das ist überhaupt nicht in Sicht momentan.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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