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Profil / Archiv | Beitrag vom 11.04.2013

Impulsive Musik, ruhiger Musiker

Der iranische Percussion-Künstler Mohammad Reza Mortazavi

Von Anna Marie Goretzki

Das klassische persische Instrument Daf (spa/picutrealliance/Caroline Seidel)
Das klassische persische Instrument Daf (spa/picutrealliance/Caroline Seidel)

Seine Hände pochen, trommeln, krabbeln, fliegen, streichen, schnipsen. Mohammad Reza Mortazavi ist einer der bekanntesten Musiker auf den klassischen persischen Instrumenten Tombak und Daf, deren Spielweise er revolutioniert hat.

Mortazavi: "Musik ist meine erste Sprache."

Eine lichtdurchflutete Wohnung am Waldrand von Buckow in der Märkischen Schweiz. Ein Raum mit der Wirkung eines Saales ist gleichzeitig Küche, Wohnzimmer und Probenraum. Auf dem Herd brodelt persischer Schwarztee mit Safran. Seit wenigen Monaten erst lebt Mohammad Reza Mortazavi hier mit seiner Lebensgefährtin, der Künstlerin Monika Przewoznik.

Mortazavi: "Ich bin viel unterwegs auf meiner Tour. Wenn ich zurück komme, nach Hause, möchte ich an einem Ort leben, wo viel Klarheit und Ruhe da ist. Ich versuche, dass ich treu bei der Musik bleibe und keine anderen Sachen mich beeinflussen."

In Buckow scheint genau das möglich zu sein: aus der offenen Wohnküche fällt der Blick auf eine Trauerweide, einen kleinen Bach und einen Komposthaufen. Wenn es dämmert, kommt ein Reh vorbei und bedient sich dort an den Essensresten, erzählt Mortazavi, während die ersten Frühlingsgeräusche zur offenen Balkontür herein dringen. An der Wand lehnt eine Daf, daneben stehen mehrere Tombaks. Er greift sich eine der persischen Handtrommeln:

"Ich muss kurz üben."

Ein schmaler Mann im grauen Wollpullover. Feingliedrige Finger mit langen Nägeln. Gewelltes Haar, dunkle Augen. Augenringe zu heller Haut. Zart und besonnen wirkt der Musiker, dessen Spiel auf Tombak und Daf so impulsiv und energetisch ist.

1979, einen Monat nach Beginn der Islamischen Revolution, kommt er im iranischen Isfahan zur Welt. In einer Stadt, die schon immer von Kunst und Kultur durchdrungen ist. Die Eltern sind beide Musiker und fördern früh die Musikalität der beiden Söhne:

"Mein Vater hat gemerkt, dass ich sehr viel Energie habe, obwohl ich sehr höflich und schüchtern bin, aber trotzdem fehlt mir was, und deshalb hat er mich gefragt, auf welches Instrument ich Lust habe zum Lernen. Und da habe ich geantwortet: die Tombak, weil ich das Instrument direkt spielen konnte."

Schnell wird die besondere Begabung des Sechsjährigen deutlich. Drei Jahre später schon kommen seine Lehrer an ihre Grenzen: dem kleinen Mohammad ist nichts Neues mehr beizubringen. Mit nur zehn Jahren tritt er gegen die besten iranischen Tombak-Spieler an und gewinnt prompt den nationalen Tombak-Wettbewerb. In den Jahren seiner Teeniezeit wird deutlich, dass Mohammad ein unkonventioneller Percussionkünstler ist, dass er die Grenzen des Traditionellen hinter sich lassen will – nicht gerne gesehen im Iran von damals und heute:

"Ich konnte nicht mehr in Iran bleiben, weil ich habe mich immer einsamer gefühlt."

Mit 22 Jahren kommt er nach Deutschland. Jetzt, 12 Jahre später, hat er sein sechstes Album in der neuen Heimat veröffentlicht: "Codex".

"Codex ist meine musikalische Beschreibung der Gesetz unseres Universum. Die Balance zwischen nackt und Burka, zwischen Ignorieren und Schreien, West und Ost, zwischen meiner rechten und linken Hand. In "Codex" habe ich nur einen Rhythmus gespielt, und das ist eine alte iranische traditionelle Rhythmus."

Er provoziert das Regime, ist subversiv. In wenigen Tagen veröffentlicht er die Single "20". 20 Minuten Percussion-Variationen zum Puls des iranischen Filmemachers Jafar Panahi, der mit 20 Jahren Berufsverbot und Hausarrest bestraft ist:

"Jede Revolution kommt von innen. Deshalb habe ich geplant, endlich habe ich geschafft, Pulsschläge zu bekommen und in Studio gespielt, in eine Trance-Atmosphäre gespielt, dass ich nur sein Herz sehe und sehr ehrlich weitergebe, seinen Puls."

Entstanden ist ein solidarisches Kunstwerk zwischen einem, der nicht mehr in den Iran zurück kann und einem, der nicht mehr aus ihm herauskommt.

Und was würde Mohammad Reza Mortazavi tun, wenn der Iran eines Tages wieder ein freies Land wäre? Vor einem Jahr hätte er geantwortet:

"Ich möchte gerne einen schönen Elektroclub in Isfahan gründen und dass die Leute gute Elektromusik hören."

Aber heute sagt er: "Ich wünsche mir, dass nicht nur Diktatur, also Mullahs gehen, sondern auch Menschen und die Musiker sich öffnen."

Homepage von Mohammad Reza Mortazavi

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