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Länderreport | Beitrag vom 08.01.2021

Impfen gegen CoronaThüringen trägt die rote Laterne

Von Henry Bernhard

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Eine Krankenschwester zieht den Covid-19 Pfizer-Biontech Impfstoff in eine Spritze auf. (picture alliance / dpa-Zentralbild / Bodo Schackow)
In Thüringen wird das Klinikpersonal zuerst geimpft. Doch die Mitarbeiter reagieren zurückhaltend. (picture alliance / dpa-Zentralbild / Bodo Schackow)

Thüringen ist im Vergleich aller Bundesländer Schlusslicht beim Impfen gegen Corona. Das könnte auch an der Strategie liegen, zuerst das Klinikpersonal zu impfen. Ausgerechnet hier ist die Impfbereitschaft mancherorts erstaunlich gering.

Die ersten beiden Impfstoff-Lieferungen kamen Ende Dezember und Anfang Januar, auch nach Thüringen. Ein Fünftel der Dosen ging an die Altenheime, die große Masse wurde den Krankenhäusern zur Verfügung gestellt, um infektionsgefährdetes klinisches und Service-Personal zu immunisieren. Um sie zu schützen und die Krankenhäuser arbeitsfähig zu halten, erläuterte der Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow im Deutschlandfunk seine Strategie:

"Wir haben die große Hoffnung gehabt, dass die Impfung auch den Schutzbedürftigen und denjenigen zu Gute kommt, die an den Patienten arbeiten. Die erste Risikostufe, mit der wir mindern können. Und ich erlebe jetzt, dass genau dieser Teil so nicht funktioniert."

Denn entgegen der Erwartung ließen sich nicht so viele Krankenhaus-Mitarbeiter impfen wie vermutet. In manchen Häusern nur um die 40 Prozent. Der dafür vorgesehene Impfstoff fehle dann anderswo, so Ramelow.

"Wir haben alle Krankenhäuser in Thüringen mit ausreichend Serum versorgt. Dafür werden wir ja auch kritisiert, dass wir das Serum nicht für die hohen Zahlen des schnellen Impfens zur Verfügung gestellt haben. Wenn diese Impfseren zurückgegeben werden und in die allgemeine Verimpfung gegeben werden, ist das zwar nett, aber leider falsch."

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Wieviel Impfstoff in Thüringer Kliniken zu viel geliefert, gelagert und eventuell zurückgegeben wird, ist noch unklar. Thomas Breidenbach, Geschäftsführer des St. Georg Klinikums in Eisenach, berichtet, dass es bei ihm sehr straff zuging.

"Bei uns hat es gut funktioniert. Ich habe am 27. Dezember – weil bei uns die Zahlen auch sehr, sehr hoch gegangen sind – eine E-Mail an das Landesverwaltungsamt geschrieben. Ich habe an diesem Sonntag eine Rückmeldung bekommen, dass man sich am Montag bei mir meldet, und am Dienstag hatte ich den Impfstoff hier. Und dann haben wir diesen Impfstoff auch innerhalb von zwei Tagen komplett verimpft."

Hohe Nachfrage nach ersten Impfungen

365 Dosen wurden an Anspruchsberechtigte verimpft, inzwischen haben sich 250 weitere Interessenten gemeldet. Dann sei man bei etwa drei Viertel der etwa 800 Personen, denen schon jetzt eine Impfung zustehe, so Breidenbach.

"Es ist so, dass, nachdem diese Impfung hier bei uns absolut reibungslos und auch ohne nennenswerte Nebenwirkung abgegangen ist, das Interesse an Impfungen noch mal deutlich gestiegen ist. Man muss erst mal jemanden kennen, der sich impfen hat lassen. Das ist jetzt bei uns der Fall; und deswegen kommt die hohe Nachfrage wieder."

Mitarbeiter öffnen einen Karton mit einigen der ersten knapp 10.000 Dosen Corona-Impfstoff für Thüringen. (picture alliance / dpa-Zentralbild / Bodo Schackow)Im Klinikum Eisenach stieg die Impfbereitschaft, nachdem die ersten Mitarbeiter geimpft worden waren. (picture alliance / dpa-Zentralbild / Bodo Schackow)

Im Sofien- und Hufeland-Klinikum in Weimar ist die Nachfrage geringer. Nur etwa gut die Hälfte der Anspruchsberechtigten, Ärzte, Pfleger, Reinigungspersonal, habe sich impfen lassen, erläutert der Geschäftsführer Tomas Kallenbach. Die einen hätten Angst vor Nebenwirkungen oder Spätfolgen. Die anderen seien skeptisch angesichts der Diskussion, die zweite Impfdosis erst später als vorgesehen zu geben, um die knappen Vorräte zu strecken. "Das trägt eher zu einer Verunsicherung bei."

Mitarbeiter eines mobilen Impfteams bereiten die Corona-Impfungen im Seniorenpark Am Birkenwäldchen vor.  (picture alliance / dpa-Zentralbild / Bodo Schackow)Mitarbeiter eines mobilen Impfteams bereiten die Corona-Impfungen vor. Nach den Krankenhäusern kommen die Pflegeheime. (picture alliance / dpa-Zentralbild / Bodo Schackow)

Niedergelassene Ärzte wie Ulf Zitterbart ärgert das. Der Vorsitzende des Thüringer Hausärzteverbandes war einer der ersten, der noch Ende Dezember in Pflegeheimen mit Corona-Impfungen begonnen hat - 170 am ersten Tag.

"Ich sehe die Zahlen genauso, und frage mich, warum wir so wenig haben. Ja, und da bin ich auf das eigentliche Problem gestoßen, dass wir extrem viele Dosen gleich an die Krankenhäuser gegeben haben in Thüringen, aber die Impfbereitschaft ist in Krankenhäusern nicht so gut; und es läuft genau da schleppend an."

Kleinteilige Struktur in Thüringen

Aber auch in den Pflegeheimen hinkt Thüringen hinterher. Hier ist die Kassenärztliche Vereinigung für die Impfungen zuständig. Ihr Sprecher Veit Malolepsy verweist auf die kleinteilige Struktur Thüringens. "Im Ergebnis werden wir Ende Januar gar nicht so schlecht dastehen, weil dann die Strukturen sich entfaltet haben, weil dann die Krankenhäuser mit ihren Impfungen durch sind."

Mitarbeiter transportieren einen Karton mit einigen der ersten knapp 10.000 Dosen Corona-Impfstoff für Thüringen in ein Gebäude. (picture alliance / dpa-Zentralbild / Bodo Schackow)Erste Impfstoffdosen treffen in Thüringen ein. Die Impfzentren sind einsatzbereit. (picture alliance / dpa-Zentralbild / Bodo Schackow)

Mitte nächster Woche öffnen die ersten Thüringer Impfzentren. 30.000 Anmeldungen gibt es schon. Die zuständige Sozialministerin, Heike Werner von den Linken, erklärt indessen, dass ihr Haus noch den Überblick hat, wo noch ungenutzte Impfdosen lagern.

Bodo Ramelow will tanzen

"Natürlich haben wir das! Wir haben ein Controlling, die Krankenhäuser werden auch regelmäßig dazu abgefragt und wissen auch, dass nur begrenzt Zeit ist und dass wir dann die Impfdosen für andere verwenden müssen und wollen. Wenn das eben nicht umgesetzt werden kann im Krankenhaus, dann sollen andere davon profitieren!"

Innerhalb von zwei Wochen müssen die Krankenhäuser nun den Impfstoff für das Personal verwenden oder zurückgeben. 1.500 nicht genutzte Dosen wurden bislang an andere Häuser weitergegeben.

Der Ministerpräsident Bodo Ramelow eröffnete den Kliniken unterdessen ein motivierendes Angebot, sollte dort die Impfbereitschaft steigen: "Wenn Sie es schaffen, deutlich über 50 zu kommen, käme ich auch zu Ihnen zum Jerusalem-Tanzen."

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