Seit 23:05 Uhr Fazit

Montag, 11.11.2019
 
Seit 23:05 Uhr Fazit

Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 24.09.2011

Immer neue Schulformen - Muss das sein?

Gast: Prof. Dr. Klaus-Jürgen Tillmann, Erziehungswissenschaftler und Bildungsforscher

Moderation: Dieter Kassel

Podcast abonnieren
Offene oder gebundene Ganztagsgrundschule - wo soll der Nachwuchs unterrichtet werden? Eltern haben die Qual der Wahl. (picture alliance / dpa)
Offene oder gebundene Ganztagsgrundschule - wo soll der Nachwuchs unterrichtet werden? Eltern haben die Qual der Wahl. (picture alliance / dpa)

"Welche weiterführende Schule für mein Kind?" - Diese Frage bringt nicht wenige Eltern zur Verzweiflung. Denn in Deutschland gibt es kein einheitliches Schulsystem, sondern rund 80 verschiedene Schulformen, bunt gemischt in 16 Bundesländern. Wer je mit seinen schulpflichtigen Kindern von einem Bundesland ins andere ziehen wollte, kann ein trauriges Lied davon singen. Und nun beginnt die Reformitis des zweigliedrigen Schulsystems ...

Muss das sein?

"Je mehr Schulformen in der Sekundarstufe I angeboten werden, desto stärker bilden sich hierarchisch angelegte Prozesse der Selektion aus", sagt Prof. Dr. Klaus-Jürgen Tillmann. Der emeritierte Erziehungswissenschaftler von der Universität Bielefeld kennt die Höhen und Tiefen des deutschen Bildungsföderalismus aus mehr als 40 Jahren Erfahrung: Unter anderem als Professor für Schulpädagogik, aber auch als Leiter der "Laborschule Bielefeld", einer Reformschule. Seine Analyse:

"Das deutsche Schulsystem ist führend in der sozialen Auslese, und es ist Spitzenreiter in der Produktion von Schulscheitern."

Einer der Gründe:

"Im internationalen Vergleich sind die deutschen Sekundarschulklassen die homogensten; denn bei uns wird nach Hauptschülern, Realschülern und Gymnasiasten sortiert, während in den allermeisten Ländern der Welt alle Kinder bis zum 8. oder 9. Schuljahr eine gemeinsame Schule besuchen. Aber im deutschen Schulsystem wird nicht nur nach Leistungsfähigkeit, sondern ganz massiv auch nach sozialer Herkunft sortiert."

Dass in immer mehr Bundesländern das zweigliedrige Schulsystem eingeführt wird – also nur eine weitere Schulform neben dem Gymnasium - sei ein erster Schritt:

"Verglichen mit dem vielgliedrigen und hochselektiven System ist es eine positive Entwicklung – und derzeit die einzige politisch machbare Alternative. Der bescheidene Fortschritt einer vereinfachten Schulstruktur, bei der das Gymnasium unangetastet bleibt, besteht darin, dass die Ghettoisierung der Hauptschule aufgehoben wird. Die Sekundarschule bietet für einen großen Teil der Schüler eine realistische Perspektive auf das Abitur."

Nur sorge auch hier die Länderhoheit für absurde Blüten, siehe die Pläne in Nordrhein-Westfalen:

"Weil es hier total chaotisch ist: Sie haben ihre Schulformen beibehalten und noch eine dazu genommen."

So werde es neben der neuen Sekundarschule künftig weiter auch Gesamtschule, Realschule, Gymnasium und Hauptschule geben. Tillmann: "Wer soll denn da noch durchblicken?"

"Immer neue Schulformen – muss das sein?"
Darüber diskutiert Dieter Kassel heute gemeinsam mit dem Bildungsforscher Klaus-Jürgen Tillmann. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der Telefonnummer 00800 – 2254 2254 oder per E-Mail unter gespraech@dradio.de.

Informationen im Internet:
Über Professor Klaus Jürgen Tillmann

Im Gespräch

Schlafforschung"Nachts muss aufgeräumt werden"
Eine Frau schläft im Bett, während ein Wecker neben ihr auf dem Nachttischränkchen steht. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Im Schlaf arbeitet nicht nur das Gehirn, sondern der ganze Organismus, um wieder in Ordnung zu bringen, was tagsüber durcheinander gekommen ist. Schlafen sei Schwerstarbeit, sagt Chronomediziner Dieter Kunz. Und schlechter Schlaf geht auf die Gesundheit.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur