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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 08.06.2016

Immer auf der Seite der Sieger Die Bayern und ihr Naturell

Von Michael Watzke

Nach dem Platzkonzert der Freiwilligen Feuerwehr in Schöffau im Allgäu machen sich zwei Musiker auf den Heimweg. (picture alliance/dpa/ Markus C. Hurek)
Musizieren gern in Tracht: Zwei bayerische Männer nach der Brauchtumspflege (picture alliance/dpa/ Markus C. Hurek)

Grenzwertig klingt der Zungenschlag der Bayern in den Ohren von Auswärtigen. Doch Sprache drückt hörbar die Identität aus. Und auf Selbige legt der Bajuware unerhört viel Wert. Wieso, weshalb, warum? Michael Watzke löst das Fragezeichen auf.

"Fremd ist der Fremde nur in der Fremde" – ein Zitat des großen bayerischen Komikers Karl Valentin. Der ging Zeit seines Lebens an Grenzen – des Humors, des Geschmacks – und war selbst im Tod noch ein Grenzgänger. Der Ur-Münchner Valentin liegt heute auf dem Friedhof Planegg begraben – genau auf der Münchner Stadtgrenze. Welche Ironie.

Grenzen haben die Bayern schon immer beschäftigt. Der Freistaat ist alles andere als grenzenlos: "Mia san mia" bedeutet vor allem "mia san hier". Und ihr nicht. Bayern hat mächtige geografische Grenzen - die Alpen, den Inn - aber natürliche Barrieren haben den Bayern nie gereicht.

So entstand der Weißwurscht-Äquator – eine imaginäre und doch spürbare Linie zwischen Aschaffenburg und Zwiesel. Wer sie überquert, wird nicht mit Fischöl getauft wie Matrosen auf See. Zur bajuwarischen Äquatortaufe gehört die Verabreichung landestypischer Hochprozentika – von Obstler über Blutwurz bis zum Starkbier.

Die Loferl haben in jedem Ort ein eigenes Muster

Im bayerischen Oberland gibt es so viele Grenzen, dass selbst Einheimische an ebenjene stoßen. Man betrachte nur die Loferl – also die gestrickten Wadenwärmer, die bayerische Mannsbilder unterhalb der Lederhosn tragen. Diese Trachten-Loferl haben in jedem Ort ein eigenes Muster. Wer etwa die Grenze zwischen Garmisch und Partenkirchen sucht, muss nur auf die Loferl schauen: In Garmisch sind sie weiß-hellgrün gestreift, in Partenkirchen grau-dunkelgrün. Ein Bua, der mit den falschen Loferl im falschen Stüberl ein falsches Liaderl singt, überschreitet eine unsichtbare Grenze, die ihm nicht selten eine g’schallerte Fotzn einbringt. Eine schallende Ohrfeige.

Kommt allerdings ein Österreicher, ein Saupreis oder sonst ein Ausländer hinzu, verschmelzen die lokalen Binnengrenzen schnell zu einer "Mia san Mia"-Außengrenze. Die kann unter der herzlichen Gastfreundschaft der Einheimischen verborgen sein. Aber sie ist da und bleibt oft jahrelang bestehen. Das können Zugroaste – also zugereiste Wahlbayern von außerhalb der Grenzen – schmerzvoll bestätigen.

"Unsere Geduld hat Grenzen" rief Franz Josef Strauß einst bei einem Bierzelt-Auftritt in Niederbayern. Es war 1976, die Zeit des Kreuther Trennungsbeschlusses. Die CSU wollte eine Grenze zur CDU ziehen – was sie dann doch schnell wieder ließ.

Wer heute Horst Seehofer und Angela Merkel betrachtet, wie kühl sie miteinander umgehen, wie der eine über die andere redet, der spürt: Hier ist eine Grenze überschritten. Ein Bruch ist entstanden zwischen den Schwestern CDU und CSU, der nicht so leicht zu kitten sein wird. Unter Strauß galt noch: Grenzen aufzeigen, aber nicht zwingend durchsetzen. Die moralische Messlatte nur so hoch legen, dass man bequem unter ihr durchspazieren kann.

Das Selbstverständnis ist katholisch geprägt

Das bayerische Selbstverständnis ist katholisch geprägt: Grenzen gelten für die anderen. Für einen selbst sind sie dazu da, gerissen zu werden. Man kann ja später beichten. Hauptsache, der Schein bleibt gewahrt.

Die bayerischen Gebirgsschützen etwa bewachen seit Jahrhunderten die bayerisch-österreichische Grenze. Sie haben sogar Vorderlader und Kanonen. Aber in den Vorderladern stecken nur Platzpatronen, und die Kanonen sind zum Salutschießen da. Die Gebirgsschützen schützen längst kein Gebirge mehr. Den Grenzschutz hat Bayern an die Bundespolizei abgetreten. Und selbst wenn die nach Ansicht bayerischer Politiker im Grenzschutz versagt, rücken keine Gamsbärte mit Karabiner vor.  

Im Jahre 1705 – als die österreichischen Panduren in Bayern einfielen – waren die bayerischen Gebirgsschützen machtlos. Was taten die Bayern also? Sie arrangierten sich mit den Besatzern. Egal ob Napoleon, Österreicher oder Preußen.

"Die Bayern", sagt Horst Seehofer, "stehen immer auf der Seite der Sieger. Und wenn sie mal auf der Verliererseite stehen, wechseln sie schnell die Seiten."

So sind sie, die Bayern. Man weiß nie, auf welcher Seite der Grenze sie gerade stehen. Letztes Jahr im Herbst begrüßten sie überschwänglich die Flüchtlinge aus Syrien, die am Münchner Hauptbahnhof ankamen. Heute hätten sie lieber Zäune zwischen Salzburg und Freilassing, Passau und Schärding, Simbach und Braunau. Und morgen?

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