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Fazit | Beitrag vom 13.09.2018

Immendorff-Werkschau in MünchenBabyfratzen der Provokation und Affen der Versöhnung

Von Tobias Krone

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Das Bild "Selbstporträt nach dem letzten Selbstporträt" von Jörg Immendorff im Haus der Kunst München (dpa / Cordula Dieckmann)
Das Bild "Selbstporträt nach dem letzten Selbstporträt" von Jörg Immendorff im Haus der Kunst München (dpa / Cordula Dieckmann)

Jörg Immendorff pflegte einst seinen Ruf als harter Kerl. Doch er hatte auch eine zarte und grüblerische Seite. Diese und viele andere Facetten des Künstlers beleuchtet nun eine Werkschau im Münchener Haus der Kunst - mit rund 200 seiner Arbeiten.

Am Beginn seines  Werks stehen runde Fratzen, in Gelb, in Rottönen, in Braun. Wer die Retrospektive Jörg Immendorffs im Haus der Kunst betritt, kommt nicht an ihnen vorbei. Fett, propper, überzeichnet – die Backen so rund, dass sie auch menschliche Hinterteile darstellen könnten. Dieser Neodadaismus, den Immendorff da Ende der 60er-Jahre entwarf, ist eine besonders ätzende, deutsche Variante von Pop-Art. Das Politische der jungen Generation ist sichtbarer, aggressiver.

"Für alle Lieben in der Welt" heißt  ein Porträt aus Immendorffs zynischem Frühwerk. Und so ist nun auch die Ausstellung im Haus der Kunst übertitelt. Die erste posthume Retrospektive, elf Jahre nach dem Tod Immendorffs. Man habe diese zeitliche Distanz gebraucht, sagt Ulrich Wilmes, Chefkurator: "Weil Immendorff ja eine sehr öffentliche Figur immer war, der sich selbst auch sehr gerne öffentlich inszeniert hat, glaube ich, dass diese öffentliche Figur Immendorff den Künstler Immendorff manchmal ein bisschen verstellt hat."

Geglückt, weil er nicht malen kann?

Ein Künstler, der seinen Lehrer Joseph Beuys verehrte, der von der Kunstakademie flog und dann als Mitglied der Kommunistischen Partei noch vor dem Radikalenerlass eine Stelle als Hauptschullehrer antrat, um - davon zeugen die Bilder im zweiten Raum - sich in den Dienst der Revolution zu stellen. "Wo stehst Du mit deiner Kunst, Kollege", heißt ein Gemälde, auf dem sich der Künstler Immendorff gegenüber demonstrierenden Arbeitern malt. Doch war die Agitation wirklich ernst gemeint? Immendorff selbst gab später einmal in einem Fernsehgespräch mit dem Künstlerkollegen Christoph Schlingensief zu, dass ihm die Agitprop-Bilder damals zum Glück misslungen seien.

- "Also es ist jetzt nicht der klare sozialistische Realismus, wo jetzt so eine Einheit da ist, wo die Kunst gar keine eigene Funktion mehr hat."
- "Ja klar."
- "Und das ist mir glaube ich deshalb geglückt, weil ich nicht malen kann."

- "Sie können nicht malen?"
- "Nee."

Mit dieser Behauptung wiederholt Immendorff wohl ein wenig kokettierend ein Vorurteil, das über ihn bis heute kursiert.

Die Ausstellung leidet unter Platznot

Kurator Ulrich Wilmes findet Immendorffs Kunst unterbewertet, aber aus anderen Gründen. Seine Malkunst sei gerade die Qualität. Man habe bisher aber zu viel aufs Inhaltliche geschaut. Dabei könnte die Motivik gerade nicht aktueller sein, denn nur wenige Nachkriegskünstler haben sich so sehr mit den Farben Schwarz-Rot-Gold beschäftigt wie er, beispielsweise in den Meisterwerken der späten 70er- und 80er-Jahre: In den Großformaten der Café Deutschland-Serie setzt sich Immendorff sowohl mit der deutschen Teilung als auch mit einem erstarkenden Nationalismus auseinander.

Bezeichnend findet Wilmes etwa, "dass er die Diskussion dieser Fragen in eine doch ziemlich zwielichtige Spelunke verlegt. Das ist ja ein düsterer Raum, der auch etwas Eingeschlossenes hat. Und wenn man sich in dieses Bild hineinsieht, dann schließt sich der Raum irgendwo hinter einem."

Dieses Sich-Einsehen klappt im Haus der Kunst mal mehr, mal weniger gut, denn mit ihren 180 Bildern leidet die Ausstellung unter Platznot, sodass Wilmes einige der Cafépanoramen nach oben in die zweite Reihe verfrachten musste. Doch so lässt sich immerhin ein gewisser Überblick gewinnen über die epische Fülle an politischer Symbolik und Zitaten aus der Kunstwelt.

Die Ausstellung setzt die richtigen Akzente, lässt die Widersprüchlichkeiten durchschimmern, wie Immendorffs ambivalentes Verhältnis zur DDR – auch schon zu seinen Agitprop-Zeiten. Zudem offenbart sich hier eine radikale Konsequenz im Werk – etwa in den großen Selbstporträts, in denen sich der Künstler zu unterschiedlichen Zeitpunkten jeweils maskiert vor einer Kerze inszeniert.

Eine Art Walhalla als Krönung der Werkschau

Im "letzten Selbstporträt" von 1998 thematisiert Immendorff seine zunehmende Lähmung durch die Nervenkrankheit ALS, im "Selbstporträt nach dem letzten Selbstporträt" von 2007, eines seiner letzten Bilder, bleibt nur noch wenig Farbe übrig. Sein Spätwerk ist von melancholisch-morbiden Gemäldecollagen geprägt. Der schwer kranke Immendorff führte hier nur noch Bildregie – den Pinsel führten Assistenten.

Das ließ manche Kritiker an der Authentizität zweifeln. "Was ich persönlich nicht ganz verstehe, ist, dass es bei Bildhauern, bei Installationskünstlern eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist, dass ein Handwerker oder ein Fabrikant die Skulpturen herstellen, und bei Malern kritisiert wird, wenn er nicht selbst den letzten Pinselstrich noch selbst gemacht hat."

Die Ausstellung krönt eine Art Walhalla. Mit mehreren Affenskulpturen – bei Immendorf ein Symbol für den Künstler – huldigte er nicht nur sich selbst, sondern auch den großen Vorbildern wie Caspar David Friedrich. Dahinter blitzen in wilder Reihung kleinformatiger Gemälde Immendorffs Konzepte, sein Ideenreichtum, sein mitreißender Witz auf. Ein Schlussfeuerwerk in Miniatur für einen großen Künstler.

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