Seit 10:05 Uhr Lesart
Dienstag, 15.06.2021
 
Seit 10:05 Uhr Lesart

Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.11.2018

Immaterielles Kulturerbe der MenschheitReggae heißt jetzt Dancehall

Andreas Müller im Gespräch mit Britta Bürger

Der jamaikanische Reggae-Musiker Bob Marley während eines Konzertes.  (picture alliance / dpa / Ipol Kwame Brathwaite)
Bei Reggae denken die meisten an Bob Marley - die heutige Musik auf Jamaika klingt aber ganz anders (picture alliance / dpa / Ipol Kwame Brathwaite)

Die UNESCO hat Reggae zum Weltkulturerbe erklärt - zusammen mit u.a den reichverzierten Weihnachtskrippen aus dem polnischen Krakau. Aber wie relevant ist die Musikrichtung aus Jamaika, die ihren Höhepunkt in den 1970er-Jahren hatte, heute noch?

Bei Reggae denken die meisten spontan an Bob Marley. Und so tanzten dann die UNESCO-Vertreter nach Bekanntgabe der Entscheidung, Reggae zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit zu erklären, auch zu Marleys Song "One Love". Entspannte Melodien und sanfte Rhythmen transportieren Texte, die sich gegen soziale Ungleichheit wenden, so kennen viele die jamaikanische Musik.

Spielt heute in Jamaika keine Rolle mehr

Musikredakteur Andreas Müller hält das für ein überholtes Bild. "Es wird ein bestimmter historischer Abschnitt dieser Kultur ausgezeichnet, der im heutigen Jamaika so gut wie keine Rolle mehr spielt", so Müller.

Die Künstler aus der Marley-Generation seien entweder tot oder bedeutungslos. "Hier wird auch wieder ein Klischee bedient: das vom fröhlichen Jamaikaner, der bekifft zu locker schwingender Musik tanzt, aber dann politisch bewusst seine Rechte einfordert", meint Müller.

Jamaikanische Musik hat sich immer rasend weiterentwickelt

Jamaikanische Musik habe sich immer weiterentwickelt – und zwar mit rasender Geschwindigkeit, erklärt Müller: "Spätestens seit den frühen 1980er-Jahren wird das Ganze auch 'Dancehall' genannt, seit Mitte der 80er ist dann auch nicht mehr viel von Spiritualität zu hören."

Die Musik heute sei knallhart, die Texte voller sexueller Anspielungen und Gangster-Verherrlichung, teilweise brutal homophob. Er könne sich nicht vorstellen, dass die UNESCO diesen Teil der Geschichte kenne und auszeichnen wollte, sagt Müller.  

Ob der Welterbe-Titel der jamaikanischen Musikszene überhaupt etwas bringe? Diese Frage beantwortet Andreas Müller kurz und knapp:

"Nein".

(beb)

Mehr zum Thema

St. Pauli - Der Welterbetitel als Rettung für ein Vergnügungsviertel?
(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 11.09.2018)

Aus den Feuilletons - Alle wollen Kulturerbe sein
(Deutschlandfunk Kultur, Kulturpresseschau, 25.11.2018)

50 Jahre Trojan Records - Reggae gegen Rassenhass
(Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 26.07.2018)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsIch akzeptiere nur mich
Illustration: Drei Verwandte streiten sich um ein Erbe, hier ein Haus. (Imago / Ikon Images)

Was ist die größte Gefahr für die bürgerliche Freiheit? Soziale Medien, schreibt Jan Grossarth in der "Welt". Er fragt sich, ob wir so "vollständig individualisiert" würden, dass wir nur noch Repräsentation akzeptierten, die uns am ähnlichsten sei.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur