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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 31.08.2015

Imagekampagne in Niedersachsen Politiker schicken Kinder in die Ställe

Von Alexander Budde

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Fünfklässler sollen Melken lernen - ganz praktisch im Stall.  (picture alliance / dpa / Carmen Jaspersen)
Fünfklässler sollen Melken lernen - ganz praktisch im Stall. (picture alliance / dpa / Carmen Jaspersen)

Zu viel Gülle auf den Feldern und zu viel Antibiotikum im Fleisch: Für ihr schlechtes Image machen Bauern-Verbände auch die vielen Medienberichte über Missstände verantwortlich. Jetzt soll die Politik helfen und hat die Kampagne "Kinder in den Stall!" gestartet.

Zu wenig Tierwohl im Stall, aber zu viel Gülle auf den Feldern und zu viel Antibiotikum im Fleisch: Für ihr schlechtes Image machen Bauern-Verbände insbesondere die vielen Medienberichte über Missstände und gequälte Kreaturen verantwortlich. Doch der gemeine Konsument bleibt knausrig, greift gern zu den billigsten Lebensmitteln und so wachsen die Betriebe weiter: Denn wer als Landwirt in der Branche finanziell überleben will, setzt auf Masse. Der Schlachtruf gegen die sogenannte industrielle Massentierhaltung heißt: "Wir haben es satt!" und wird regelmäßig im Mastland Nummer 1 gerufen. In Niedersachsen protestieren Bürger zu Tausenden gegen riesige Stallbauten und neue Schlachtfabriken.

"In welcher Gruppe gibt es denn kein schwarzes Schaf?"

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil beunruhigen Berichte, die landwirtschaftliche Erzeuger und Konsumenten spalten. Kürzlich schlugen sogar die Landfrauen Alarm: Bauernkinder werden in der Schule gemobbt! Also reagierte die rot-grüne Landesregierung: "Kinder in den Stall!" heißt das Motto, um neues Vertrauen zu schaffen.

Stephan Weil: "Ich glaube, Landwirtschaft muss natürlich daran arbeiten, transparenter zu werden, und überhaupt ein Gefühl dafür zu vermitteln: Wie kommt eigentlich ein Käse zustande? Und wie geht´s der Kuh, die am Anfang dieses Prozesses steht?"

Besuch auf dem Bauernhof

Mechthild Heil: "Ich mache jetzt die Melkmaschine an – und während die Nicole jetzt gemolken wird, könnt ihr einmal ausprobieren, wie sich das anfühlt!"

Mechthild Heil erklärt einer Meute von Fünftklässlern, wie die schwarz-weiße Holsteiner-Kuh Nicole ihre Milch an die Maschine abgibt: Präzisionsarbeit im Melkstand: Beherzt koppelt die Bäuerin das Melkzeug an das Euter der Kuh. Wenig später dürfen auch die Besucher vom Gymnasium Damme mit anpacken.

"Die Marie darf mal eine Zitze einsprühen! Nimm mal die hintere! Also, Milch ist ja ein Naturprodukt – und es ist ganz natürlich, dass ein paar Keime in der Milch drin sind. Wir kühlen die Milch jetzt ganz schnell ab auf 4 Grad Celsius – und dann sind diese Keime quasi schlafen gelegt!"

"Qualzucht", "Turbokühe", bei solchen Begriffen fühlen sich konventionell  wirtschaftende Landwirte wie Mechthild Heil pauschal an den Pranger gestellt. Sie listet auf, was aus ihrer Sicht zum wachsenden Misstrauen der Konsumenten beigetragen hat: Die aus Hygienegründen hermetisch abgeriegelten Ställe etwa; oder Schulbücher, die schon den Kleinsten eine Idylle vorgaukeln, die es in der modernen Produktion längst nicht mehr gibt.

"Meine Tochter musste damals im Biologieunterricht auch so einen wunderbaren Satz auswendig lernen, um dann eine Eins in der Arbeit zu bekommen. Wenn wir einen neuen Stall gebaut haben, haben wir ja immer versucht, das Beste für das Tier herauszuholen! Ich glaube schon, dass diese öffentliche Diskussion, die wir jetzt haben, dass die einige junge Leute davor zurückschrecken lässt. Das macht mir ja auch keinen Spaß, ständig in der Kritik zu stehen, ständig das Gefühl haben zu müssen, dass ich mich irgendwie rechtfertigen muss!"

Mechthild Heil und ihr Mann bewirtschaften 70 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche. Auf ihrem Hof im niedersächsischen Holdorf halten sie 50 Milchkühe und deren weibliche Nachzucht. Zum Betrieb gehört auch eine Schweinemast mit 1.300 Tieren. Felix, der Sohn, soll das hier alles einmal übernehmen. Doch jetzt steht der 22-Jährige breit grinsend im Stall. Der gelernte Mechatroniker schaut zu, wie sich der Nachwuchs vor durstigen Kälbern drängt. 

"Ein paar Kinder hier, die kennen das halt nicht mehr so. Wenn dann zum Beispiel Schweine abgeholt werden zum Schlachter, die hängen sich dann auch an den LKW oder sagen: ´Ich esse nie wieder Fleisch!` Das ist die Hysterie, wenn dann der LKW wirklich da steht. Aber das gibt sich dann im Laufe des Tages!"

Ein Leben mit Hühnern, Schweinen und Rindern

Sie schmusen gern mit Hühnern, doch die Kinder aus dem Nachbarort geben sich keinen Illusionen hin. "Wachsen oder Weichen", so lautete im Landkreis Vechta mit seinen riesigen Tierbeständen jahrzehntelang die Devise. Alle Einwohner, sind  mit Millionen Hühnern, Schweinen und Rindern in der Nachbarschaft aufgewachsen.

Luka: "Es sollte den Kühen schon gut gehen! Und mir ist halt auch wichtig, wo das herkommt. Zum Beispiel wenn Kühe ganz krank waren und davon wird Essen gemacht, das würde ich nicht so gerne essen, weil da könnte ich ja auch krank von werden."

Jule: "Massentierhaltung, da werden die Kühe ja auch oft gegenseitig gebissen – und dann wird Milch ja auch nicht so gut, weil dann kann es ja den Menschen auch nicht gerade gut gehen dadurch."

Torben: "Ich habe bei unseren Nachbarn nur gesehen, dass die zusammen immer, ganz nah mit Ketten immer fest waren. Und hier waren die frei und so – dafür haben die hier keine Wiese!"

Pia: "Also, ich weiß jetzt auch, wie die Kühe richtig leben. Eigentlich ist das ja hier voll gut!"

Bauernkinder würden sie nicht Mobben, versichern sie mit Inbrunst, doch Landwirt sein, das können sich die wenigsten Besucher am Ende ihrer Expedition vorstellen:

"Auf den Nachwuchs kommt es an", sagt Mechthild Heil. Die Kinder, meint sie zufrieden, hätten sich als mündige Verbraucher präsentiert.

"Wir wollen hier keine Hofidylle zeigen, aber ich möchte schon zeigen, dass ich meine Tiere auch mag, wieviel Arbeit dahinter steckt, auch wertvolle Lebensmittel zu produzieren. Ich arbeite dafür jeden Tag von morgens bis abends, dass es meinen Tieren gut geht – und es ist schon eine bittere Erfahrung, wenn ich die Zeitung aufschlage und mal wieder lamentiert wird. Das kränkt einen schon!"


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