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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.05.2012

Im Unterholz den Affen hinterher

Julia Fischer: "Affengesellschaft", Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 281 Seiten

Makaken-Affen  (AP Archiv)
Makaken-Affen (AP Archiv)

Die Primatenforscherin Julia Fischer hat Affen in freier Wildbahn beobachtet. Und sie kam den Tieren dabei so nah, wie man es sich als Kind vorstellt, versteckt im Gebüsch. Die Verhaltensforscherin beschreibt dies mit stilistischer Leichtigkeit und konfrontiert dabei die Leser mit echter Wissenschaft.

Hungrig streift eine Gruppe von Pavianen durch das Okavangodelta. Ein Antilopenweibchen schreitet der Horde drohend entgegen. Die Forscherin in ihrem Beobachtungsversteck begreift sofort: Im Gras liegt ein Kitz versteckt. Sein Fleisch wäre ein Leckerbissen für die Paviane. Und die Paviane? Was denken sie?

Seit ihrem Studium lauert Julia Fischer unseren nächsten Verwandten auf, ausgerüstet mit Kameras, Tonaufnahmegeräten, viel Geduld und anspruchsvollen wissenschaftlichen Ideen. In ihrem Buch "Affengesellschaft" bietet die Professorin für Verhaltensforschung nun Einblick in ihre faszinierenden Forschungsarbeiten.

Die komplexen sozialen Interaktionen von Primatengesellschaften bilden den Auftakt. Julia Fischer berichtet von intensiven Mutter-Kind-Beziehungen bei Berberaffen und den komplizierten Paarungsritualen der Guinea-Paviane. Die kognitiven Fähigkeiten von Primaten, argumentiert die Autorin, haben hier ihre Wurzeln. Affen folgen bereitwillig den Blicken anderer. Sie lernen von Vorbildern, erkennen einander an Aussehen und Stimme und pflegen, je nach Status, höchst unterschiedliche soziale Beziehungen.

Andererseits scheitern Affen erstaunlich häufig an Aufgaben, die Menschen simpel erscheinen. Während wir Meister darin sind, überall versteckte Absichten zu vermuten, zeigen sich andere Primaten dagegen weitgehend immun. So waren die Paviane im Okavangodelta außerstande, den todesmutigen Angriffsversuch der Antilopenmutter richtig zu deuten. Nur aus Zufall fiel das Jungtier ihren scharfen Eckzähnen zum Opfer: Die Affen stolperten über das Kitz und fraßen es auf, nach Pavianart bei lebendigem Leibe.

Jede Affenart hat ihre Eigentümlichkeiten, zeigt Julia Fischer in ihrem eindrucksvollen Buch. Und keine ist so wie der Mensch. Vorschnellen Interpretationen erteilt die Autorin immer wieder eine Absage. Mit viel echter Wissenschaft konfrontiert sie ihre Leserschaft, lässt sie teilhaben an all den offenen Fragen und den Experimenten ohne simple Interpretation. Gleichzeitig kommt das Buch mit einer wunderbaren stilistischen Leichtigkeit daher, frei von Fachvokabular und Datenkolonnen.

Das erfrischende Gegengewicht zu der wissenschaftlichen Präzision bilden die vielen persönlichen Episoden. Zahllose ihrer Experimente seien kläglich gescheitert, gesteht die Forscherin. Mikrofone versagen im Dschungel, Affenhorden flüchten ins Unterholz und bleiben wochenlang unauffindbar, und wenn die Forscher morgens zur Arbeit ausschwärmen wollen, finden sie sich von einem Löwenrudel in die Enge getrieben. Ein komisches Highlight des Buches: Julia Fischer stöckelt in übergroßen rosa Pumps und hautenger Plastikhose - frisch auf dem Markt im Senegal erstanden, weil modischer Schick in diesem Land zählt - durch die Behörden des Landes auf der Suche nach neuen Fahrzeugpapieren. Diese Odyssee im Reich der Menschen sei anstrengender gewesen, amüsiert sich die Professorin in ihrem wunderbaren Buch, als bei sengender Hitze Pavianen hinterher zu laufen.

Besprochen von Susanne Billig

Julia Fischer: Affengesellschaft
Suhrkamp Verlag, Berlin 2012
281 Seiten, 26,95 Euro

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