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Thema / Archiv | Beitrag vom 03.07.2013

"Im schlimmsten Fall müssen wir einige hundert Jahre mit diesem Zeugs leben"

Kleinstplastikteile vermüllen Meere, Luft und Tierwelt

Im Gegensatz zu normalem Plastikmüll sind die Kleinstpartikel nicht mit bloßen Augen zu erkennen. (picture alliance / dpa - Nic Bothma)
Im Gegensatz zu normalem Plastikmüll sind die Kleinstpartikel nicht mit bloßen Augen zu erkennen. (picture alliance / dpa - Nic Bothma)

Dass Plastik die Meere verschmutzt, ist inzwischen allseits bekannt. Doch das Problem ist schwerwiegender als bisher angenommen: Mikromüll sei weltweit überall zu finden, erklärt Gerd Liebezeit vom Institut für Chemie und Biologie des Meeres in Oldenburg.

Ulrike Timm: Der Pottwal hatte eine komplette Gartenausrüstung verspeist, bevor er platzte. 30 Quadratmeter Plastikplane, fünf Meter Kunststoffleine und zwei Blumentöpfe waren ganz einfach zu viel Plastik im Bauch des Tieres. Für die Meeresforscher, die ihn obduzierten, war dieser Wal ein anschauungskräftiger Beweis für die Vermüllung des Meeres. Ebenso gefährlich dort aber ist Plastikmüll, den man nicht sieht. Kleinste Chemiefaserstoffe, kleinste Mengen chemischer Stoffe, die sich nicht vollständig auflösen. Polyethylen in kleinen Dosen wird zur ebenso großen und noch viel zu wenig erkannten Bedrohung. Um solche Klein- und Kleinstteilchen an Plastikvermüllung, die sich dann zum ebenso großen Problem zusammenknäueln, soll es jetzt gehen, und Fachmann dafür ist Gerd Liebezeit, Leiter des Instituts für Chemie und Biologie des Meeres an der Uni in Oldenburg. Schönen guten Tag!

Gerd Liebezeit: Guten Tag!

Timm: Herr Liebezeit, ich dachte immer, ich kaufe brav biologisch abbaubare Chemie, wenn ich mir eine Tüte mitgeben lasse oder einen neuen Fleece-Pullover kaufe. Jetzt sagen Sie, vieles davon landet im Meer. Wie das?

Liebezeit: Nun, bei den Fleece-Pullovern, die aus Polyester oder Polyacryl, werden beim Waschen Fasern freigesetzt. Das ist genauso wie bei Baumwollbekleidung, Fasern werden immer beim Waschen freigesetzt durch die Reibung in der Waschmaschine. Das Problem dabei ist, Naturfasern, wenn sie ins Wasser gelangen, in die natürliche Umwelt gelangen, werden dort biologisch abgebaut, und die Kunststofffasern werden eben nicht biologisch abgebaut, das heißt, sie gelangen über die Abwässer in die Kläranlage. Dort werden sie nur zum Teil zurückgehalten und werden dann eben mit dem Kläranlagenablauf in die Umwelt entlassen.

Timm: Sie haben das untersucht in Kläranlagen. Da haben Sie jede Menge solcher Fasern gefunden. Aber das heißt ja auch, man kann es zumindest teilweise herausfiltern. Wäre da nicht der erste praktikable Schritt, die Filter zu verbessern?

Liebezeit: Das ist sicherlich möglich, aber wir reden hier von Faserlängen, die in der Regel unter fünf Millimeter sind. Also die längsten Fasern, die wir mal gemessen haben, waren sechs Millimeter. Das meiste liegt in dem Bereich von 0,1 bis 0,5 Millimeter, also da ist die Filtration schon ein bisschen sehr technisch aufwändig und damit natürlich auch entsprechend teuer.

Timm: Das heißt, damit kommt man letztlich nicht weiter, mit besseren Filtern?

Liebezeit: Ja, wenn man das Geld investieren will, könnte man schon weiterkommen.

Timm: Tragen Sie denn selbst noch Jogginghose, Fleece-Pullover, Sportlerkleidung?

Liebezeit: Nein, überhaupt nicht. Wir haben also auch aus unserem Haushalt alles Plastik, soweit das machbar ist, verbannt.

Timm: Aber dann ist das echt schon eine Einschränkung der Lebensqualität dann, nicht, wenn man da wieder auf Baumwolle zurück muss?

Liebezeit: Das würde ich nicht sagen. Also, Baumwolle hat auch ihre Probleme, das wissen wir ja auch, aber zumindest produzieren wir, wenn wir Naturfasern für Kleidungsstoffe nutzen, keinen Mikromüll.

Timm: Welche Folgen hat denn dieses Gift in kleinen Dosen, sei es aus eben Faserstoffen, sei es Polyethylen, was wohl als chemischer Stoff, der besonders problematisch ist. Welche Folgen hat denn das für Tier- und Pflanzenwelt im Meer?

Liebezeit: Nun, wenn wir solches kleines Material haben, also wie gesagt, die Definition ist, Mikromüll ist alles, was kleiner ist als fünf Millimeter, so wirklich kaum mit bloßem Auge sichtbar. Dann gelangt das letztendlich in die Nahrungskette. Das heißt, das Zooplankton, das sich von den Mikroalgen ernährt, das dann die Grundlage zum Beispiel für die Fischernährung bildet und damit eben auch für die Seevögel oder Seehunde und Kegelrobben, das Zooplankton nimmt es auf und reicht das sozusagen in der Nahrungskette weiter.

Das heißt, wir können also zum Beispiel in Fischen, die wir ja auch untersucht haben, nachweisen, dass im Magen dieses Material enthalten ist. Das sind im Wesentlichen, bei den Fischen sind das Fasern. Wir haben Jungfische untersucht, die dann also auch verknäuelte Fasern im Magen hatten, und da ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass diese Fasern nicht mehr ausgeschieden werden. Das heißt, die Fische haben im Prinzip einen gefüllten Magen und können sich nicht mehr vernünftig ernähren.

Timm: Das Problem ist ja viel größer, als man bisher dachte. Ich hab heute Morgen gelesen von 83 Prozent plastikbelasteter norwegischer Kaiserhummer aus dem Polarmeer, wo man dann zumindest als Laie denkt, na ja, das zumindest ist noch sauber. Das heißt, letztlich essen wir Menschen dann die Plastikfasern am Ende wieder mit.

Liebezeit: Wenn Sie den Magen mitessen, ja, aber sonst eigentlich nicht. Also, wir haben bislang für Fische keine Hinweise darauf, dass das in das Fleisch gelangt. Wir wissen es von Muscheln: Muscheln können also bestimmte sehr kleine Plastikpartikel tatsächlich durch die Magenwand in das Fleisch einlagern. Und das könnte bei Fischen auch passieren, aber das ist bislang noch nicht eindeutig nachgewiesen.

Timm: Deutschlandradio Kultur, das Radiofeuilleton im Gespräch mit Professor Gerd Liebezeit über das Problem des Kleinstplastikmülls im Meer. Herr Professor Liebezeit, Sie haben ja systematisch nicht nur das Wasser, sondern auch Strände untersucht. Gibt es überhaupt noch Strände, wo Sie solchen Kleinstmüll nicht nachweisen konnten?

Liebezeit: Also all die Strände, die ich untersucht habe, und ich hatte von einem Kollegen eine Reihe von Proben gekriegt von weltweiten Stränden, ist es überall nachzuweisen. Also es ist im Wasser, in den Strandsänden, es ist in den Sedimenten, das heißt also, im Meeresboden eingelagert. Wir finden das in Fischen, wir finden das in Muscheln, in Austern, in Seevögeln, also das, was Seevögel wieder ausscheiden. Wir finden das auch im Kot von Seehunden. Also das ist im Prinzip überall zu finden.

Timm: Hätten Sie damit selbst gerechnet oder hat Sie das selbst überrascht als Fachmann?

Liebezeit: Das hat mich eigentlich sehr überrascht, dass das also schon so weit fortgeschritten ist, dass wir diese Belastung überall sehen.

Timm: Und was war für Sie, eben auch als Fachmann, die bestürzendste Erkenntnis?

Liebezeit: Ja – das Problem ist, dass wir zum einen das – also einmal die Einleitung über die Kläranlagen, und was ich noch zusätzlich untersucht habe, ist Niederschlag, also Regen. Und im Regen finden wir dieses Material auch. Das heißt, dieses Material wird, wenn wir unsere Wäsche zum Beispiel, unseren Fleece-Pullover zum Trocknen draußen aufhängen, gehen also auch Fasern in die Atmosphäre, die dann über große Entfernungen verdriftet werden, und damit schaffen wir uns also auch eine großräumige Belastung, also nicht nur im Meer, sondern eben auch an Land.

Timm: Und dass das eben auch noch vom Himmel fällt in Form des Regens, damit hatten Sie dann nicht gerechnet?

Liebezeit: Nein, damit hatte ich nun wahrlich nicht gerechnet. Das war dann doch sehr überraschend.

Timm: Das klingt aber so, als kriegt man dieses Problem überhaupt nicht mehr aus der Welt und muss lernen, damit zu leben.

Liebezeit: Ja, das Problem ist, wir wissen nicht, wie schnell dieses Material abgebaut wird. Die Schätzungen für das große Plastik liegen irgendwo im Bereich zwischen 400 und 1000 Jahren. Wenn das Plastik kleiner wird, wird natürlich auch die Oberfläche größer, wir haben dann die Möglichkeit oder die Bakterien haben dann die Möglichkeit, das abzubauen, möglicherweise schneller, als das mit dem großen Plastikmüll passiert. Aber das wissen wir eben noch nicht. Im schlimmsten Fall müssen wir einige hundert Jahre mit diesem Zeugs leben. Und im besten Fall gibt es, wie das bei anderen Schadstoffen auch der Fall ist, Bakterien, die sich darauf spezialisieren, dieses Material abzubauen, und dann könnte es schneller gehen.

Timm: Aber letztlich ist der Kleinstmüll, der nur in Spuren auftritt, für Sie auf lange Sicht gefährlicher als eine Plastikflasche, die natürlich auch eine Belastung des Meeres ist oder eine Fangleine oder ein Netz. Für Sie sind diese kleinen Spuren das größere Problem – habe ich das richtig verstanden?

Liebezeit: Das eine ist, wir haben ja eben nicht nur die Fasern aus der Wäsche oder Polyethylen-Teilchen aus Kosmetika, sondern wir haben eben auch die Plastikflasche, die auch im Meer zerfallen kann. Also die Weichmacher, die in diesem Material enthalten sind, die laugen aus, dann wird das Material spröde und wir bekommen dann wieder kleine Plastikteilchen. Und diese Plastikteilchen per se, die Polymeren, also die Stoffe, aus denen das Plastik eigentlich ist, sind ungefährlich.

Das gefährliche daran sind einmal die Weichmacher, die also aus diesem Material ausgelaugt werden können, und das zweite ist, dieses Material hat eine sehr spezifische Bindekraft für bestimmte organische Schadstoffe wie zum Beispiel DDT oder Polychlorid-Biphenyl und solche Dinge, die wir auch – hier bei uns nicht mehr, aber anderswo wird das immer noch eingeleitet. Und das führt dazu, wenn wir also den Mikromüll im Meer haben, dass diese Stoffe aus dem Wasser an die Oberfläche dieser Partikel angelagert werden können. Und wenn dann Organismen diese Mikropartikel mit den Schadstoffen aufnehmen, dann kann es passieren, dass diese Schadstoffe in die Organismen einwandern. Das heißt, wir haben also eine Sekundärbelastung mit Schadstoffen, die also eigentlich gar nicht sein sollte.

Timm: Es mag ja makaber klingen, Herr Liebezeit, aber in der "Süddeutschen Zeitung" gab es gerade einen Artikel zur Plastosphäre, so heißt das wirklich, Plastosphäre. Es geht um Lebewesen, die sich ans Plastik im Meer anpassen, davon sprachen Sie auch vorhin, und die sich dort einen Lebensraum schaffen, der auf der Verschmutzung gründet. Das heißt, diese neuen Lebewesen haben was vom Plastik, die nehmen das als ihre Dimension. Vielleicht ist das ja das Leben von Morgen? Was halten Sie von solchen Meldungen?

Liebezeit: Das kann durchaus sein. Es gibt einige Science-Fiction-Romane, wo also beschrieben wird, dass unsere Plastikumwelt plötzlich nicht mehr funktioniert, weil irgendwelche Mikroben in der Lage sind, das Plastik, das wir in riesigen Mengen produzieren und in die Umwelt entlassen, eben auch abzubauen. Es gibt eine schöne Geschichte, wo plötzlich die ganze Kanalisation, also alles mit PVC-Rohren, nicht mehr funktioniert, weil die PVC-Rohre aufgefressen worden sind.

Timm: Also böse gesprochen: Wir sind dann nicht mehr da, aber das Leben geht weiter, weil genug Plastik dort ist, als dass sich andere davon ernähren können und damit, ja, das Leben umbauen?

Liebezeit: Ja, das kann uns also auch passieren, diese bakterielle Anpassung an neue Nahrungsquellen, das funktioniert relativ schnell, also das könnten wir sogar noch erleben.

Timm: Gerd Liebezeit, Leiter des Institutes für Chemie und Biologie des Meeres der Uni Oldenburg, über die Verschmutzung der Meere mit kleinsten und kleinen Spuren von Plastik. Und darüber wollen wir auch mit Ihnen debattieren um zehn vor vier. Wir wollen Sie nämlich fragen, ob Sie, wenn Sie konsumieren, wenn Sie einkaufen, an das Meer denken und versuchen, Plastik zu vermeiden, oder ob es Ihnen ging wie mir, dass Sie dachten, der Fleece-Pullover, das wird schon so gefährlich nicht sein. Herzlichen Dank, Professor Liebezeit!

Liebezeit: Bitte, gerne!


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