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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 01.06.2006

Im Reich der Finsternis

A. Roger Ekirch erzählt die Geschichte der Dunkelheit

Rezensiert von Birgit Schönberger

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Der Himmel bei Nacht (AP Archiv)
Der Himmel bei Nacht (AP Archiv)

Was haben die Menschen vor der Erfindung des elektrischen Licht abends und in der Nacht gemacht? "Geschlafen, gegessen und gefurzt", behauptete der englische Dichter Thomas Middleton. Doch im Schutz der Dunkelheit wurde auch gestohlen, gemordet, gefeiert und geküsst. Das Reich der Nacht hatte seine eigenen Gesetze. In seinem Buch "In der Stunde der Nacht" erzählt der amerikanische Historiker A. Roger Ekirch die Geschichte der sagenumwobenen und gefährlichen Dunkelheit vor der industriellen Revolution.

Vor der Erfindung des elektrischen Lichts war die Nacht sagenumwoben und gefährlich. In der Vorstellung der meisten Menschen brach sie aus wie eine Krankheit. Man glaubte, dass bei Sonnenuntergang giftige, krank machende Dämpfe vom Himmel herabstiegen, die Poren verstopften und die inneren Organe schädigten. Die Zeit bis zum Morgengrauen war das Reich der Kobolde, Dämonen und Hexen. Zum Schutz vor ihnen wurden Pferdeschädel und Wolfsköpfe an Hauswänden angebracht. Die Dunkelheit wurde mit der Hölle verglichen.

Doch es waren nicht nur böse Geister, von denen Gefahr ausging. Wer nachts unterwegs war, riskierte, im Stockfinsteren in Straßengräben oder Kellerlöcher zu fallen, im Moor zu versinken oder über Müllhaufen und Holzstapel auf der Straße zu fallen. Diebe ließen ihre Opfer in schmalen Straßen über aufgespannte Seile stolpern. Straßenräuber hatten in allen europäischen Städten Hochkonjunktur, Brandstifter und Betrüger liefen nachts zur Hochform auf.

Für seine Geschichte der Dunkelheit, die sich auf West- und Mitteleuropa konzentriert, hat der Historiker A. Roger Ekirch 20 Jahre lang Tagebücher, Briefe, Reiseberichte, Gerichtsakten, Ratgeber, Volkslieder und Zeitungen aus dem 18. Jahrhundert ausgewertet. Seine akribische Arbeit hat sich gelohnt. Er analysiert die Mythen und Märchen, die die Nacht bedrohlich und böse erschienen ließen. Und er erzählt lebendig und anschaulich, wie Arbeiter, Dienstmädchen, Bürgersfrauen und Bauern die Zeit der Dunkelheit genutzt haben als Gegenprogramm zur Welt des Tageslichts.

Seine Stärke ist, dass er nicht nur spannende, skurrile und unheimliche Geschichten aneinander reiht, die sich lesen wie Kurzkrimis. Er stellt auch interessante Thesen auf. Bei Nacht, behauptet er, wurde die Gesellschaftsordnung auf den Kopf gestellt. Die Angehörigen der herrschenden Klasse konnten es sich erlauben, auf manche Etikette zu verzichten und sich gehen zu lassen. Die untere Klasse stolzierte nachts mit zerrissenen Kleidern selbstbewusst durch die Straßen, was bei Tageslicht unmöglich gewesen wäre. Standesunterschiede verwischten sich mit Einbruch der Dämmerung. Die Nacht versprach Befreiung vom Stress des Tages.

Das Buch ist übersichtlich aufgebaut. Teil eins erzählt von den tödlichen Gefahren der Dunkelheit, Teil zwei von den Gesetzen, die Kirche und Staat zum Schutz vor der Dunkelheit erlassen haben. In vielen Städten von Kopenhagen bis Padua zogen bewaffnete Wachmänner bei Einbruch der Dunkelheit die Zugbrücken hoch, verschlossen die Stadttore und spannten massive Eisenketten über die Straßen, um Nachtgänger abzuschrecken. Im dritten Teil beschreibt Ekirch die Nacht als Schutzraum für intime Kontakte quer durch alle Schichten. Der vierte Teil beschäftigt sich mit Abendritualen und Schlafrhythmen. Durchschlafen war vor der industriellen Revolution noch ein Fremdwort. Es war üblich, mitten in der Nacht aufzustehen, zu rauchen, zu essen oder sogar Nachbarn zu besuchen.

Stellenweise neigt der Autor allerdings zu Redundanzen. Etwas mehr Straffheit und der Verzicht auf die ein oder andere individuelle Geschichte hätten der Darstellung gut getan. Doch das tut dem Lesevergnügen keinen Abbruch. "In der Stunde der Nacht" ist eine differenzierte, wissenschaftlich fundierte Studie, gespickt mit Tagebuchausschnitten, Zeitungsartikeln, Flugblättern, Gedichten und Romanzitaten. Ein kenntnisreich geschriebener Wälzer nicht nur für Liebhaber historischer Darstellungen, sondern für alle, die wissen wollen, was die Menschen vor der industriellen Revolution nachts getrieben haben und wo unsere Kultur der Nacht herkommt.

A. Roger Ekirch: In der Stunde der Nacht. Eine Geschichte der Dunkelheit
Aus dem Englischen von Arnd Kösling
Gustav Lübbe-Verlag Bergisch Gladbach
495 Seiten, 24,90 Euro

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