Im Namen der Pressefreiheit

Ein israelischer Panzer steht in der Nähe der Grenze zum Gazastreifen. © AP
Von Sylke Tempel · 28.08.2009
Jahrelang versuchten Menschenrechtler nachzuweisen, dass China einen schwunghaften Handel mit den Organen hingerichteter Häftlinge betreibt. Jetzt gab Peking zu, dass die Vorwürfe stimmen.
Sobald es um Israel geht, ist alles viel einfacher: Ein Journalist hört ein Gerücht, das sich auf einen angeblichen Vorfall aus dem Jahr 1992 bezieht. Eine große schwedische Tageszeitung druckt einen Artikel ab, in dem ohne handfeste Beweise behauptet wird, Israels Armee erschieße gezielt Palästinenser, um ihnen Organe zu entnehmen und damit einen schwunghaften Handel zu betreiben. Und was passiert? Die Welt findet es befremdlich, dass Israel sich darüber empört. Schnell ist nicht mehr von der Schauergeschichte in "Aftonbladet" die Rede – sondern von der Pressefreiheit, die es zu wahren gelte. Und dass Israelkritik doch wohl noch erlaubt sein dürfe.

Natürlich war es nicht besonders klug von Israels Premier Benjamin Netanyahu, eine Entschuldigung von seinem schwedischen Amtsgenossen zu verlangen. Der ist ja schließlich nicht für den Inhalt irgendwelcher Zeitungen zuständig. Aber es geht gar nicht um Pressefreiheit. Es geht um das Thema Antisemitismus.

Er sei kein Nazi und kein Antisemit, beteuerte Jan Helin, Chefredakteur von "Aftonbladet". Er habe aber grünes Licht gegeben, "weil man" so Helin, "diesem Vorwurf nachgehen muss. Entweder um Gerüchte auf der palästinensischen Seite zu entkräften oder, wenn etwas Wahres dran sein sollte, dem Organhandel ein Ende zu bereiten."

Es ist nicht Aufgabe einer Zeitung, schwachsinnige Gerüchte zu entkräften. Es wäre aber die Aufgabe einer verantwortlichen Chefredaktion gewesen, derart skandalöse Vorwürfe zu überprüfen. Ein einziger Anruf bei einem Spezialisten hätte genügt, um festzustellen: So wie in diesem Artikel geschildert, wäre eine Organentnahme, geschweige denn ein Handel, medizinisch gar nicht durchführbar gewesen.

Besser als durch die Affäre um "Aftonbladet" ließe sich nicht vorführen, wie Antisemitismus funktioniert, der sich auf das Recht zu kritisieren beruft, bei Widerspruch beleidigt darauf verweist, dass man ja schließlich kein Nazi sei und schließlich dummdreist behauptet, man habe ja "nur" etwas gegen Israel und nicht etwa gegen Juden gesagt. Und das müsse ja wohl noch erlaubt sein.

Als Antisemit muss man nicht gleich Nazi sein – es gibt schließlich auch linke und muslimische Antisemiten. Als Nazi musste man übrigens nicht einmal Antisemit gewesen sein – viele Naziverbrecher töteten völlig vorurteilsfrei.

Natürlich ist Kritik immer und überall erlaubt: Aber keine Redaktion der Welt würde mit einem anderen Land – siehe das Beispiel Chinas – derart verantwortungslos und derart anklagebereit verfahren. Und was soll überhaupt das Wort "Israelkritik", das ja neuerdings sogar als Berufsbezeichnung "Israelkritiker" daherkommt? Gibt es auch so etwas wie Pakistan- oder Russlandkritiker?

Das alles legt den Schluss nahe legt, dass Israel längst schon die Rolle des Juden, des ewigen Parias, wie Hannah Arendt das einmal ausdrückte, übernommen hat. Man traut dem Land grundsätzlich alles Übel zu. Ein bloßes Gerücht genügt und schon werden ungeprüft Behauptungen in die Welt gesetzt. Sind die Gerüchte erst einmal in der Welt, bleibt nicht nur immer etwas hängen: Es verfestigt sich, frei nach dem Motto: Wenn diese Vorwürfe immer von Neuem erhoben werden, dann wird schon etwas dran sein.

Anstatt die beleidigte Leberwurst zu geben, hätte "Aftonbladet" sofort einen Widerruf drucken und sich entschuldigen müssen. Aber wahrscheinlich ist die Chefredaktion schon mit der Aufdeckung eines neuen Skandals beschäftigt:

Derzeit geht in Gaza wieder das Gerücht um, Israel habe Kaugummis mit einem Aphrodisiakum versetzt. Nur, damit die tugendhaften palästinensischen Frauen sich wie Prostituierte benehmen und damit ihrem Volk Schande bereiten. Wenn das keine tolle Geschichte ist.


Dr. Sylke Tempel, Journalistin, Jahrgang 1963, viele Jahre Korrespondentin im Nahen Osten, Chefredakteurin der Zeitschrift "Internationale Politik" in Berlin.