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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.09.2011

Im Maschinenraum eines finsteren Staatsbetriebs

Inka Parei: "Die Kältezentrale", Schöffling und Co., Frankfurt am Main 2011, 210 Seiten

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Im Ostberlin der 80er-Jahre nimmt die Geschichte ihren Ausgang. (dradio.de - Andreas Lemke)
Im Ostberlin der 80er-Jahre nimmt die Geschichte ihren Ausgang. (dradio.de - Andreas Lemke)

Eine krebskranke Frau, ein von Tschernobyl verseuchter Lastwagen und ein Mann, dessen Leben aus den Fugen gerät: Inka Pareis Roman ist ein recht konstruierter Versuch, sich mit einem alten Thema auseinanderzusetzen.

Wie Inka Pareis erster, vielgelobter Roman "Die Schattenboxerin" spielt auch ihr neues Buch in Berlin. "Die Kältezentrale" allerdings ist im Vorwende-Osten angesiedelt, genauer: Am Franz Mehring-Platz. Hier, unterhalb der Redaktionsgebäude des Parteiblatts "Neues Deutschland", sorgen die "Männer der Kälte" für das richtige Klima.

Einer von ihnen kehrt 20 Jahre später zurück. Auf der Suche nach einem in Tschernobyl verseuchten Lastwagen gerät er immer tiefer in die eigene Geschichte. "Was auch immer ich mir eingebildet hatte zu sein in den letzten Jahren, sie hatte es zunichtegemacht, mit drei kurzen Anrufen." Die Ex-Frau des Ich-Erzählers hat sich nach Jahren wieder bei ihm gemeldet, mit Krebs liegt sie im Krankenhaus und nur der Lastwagen, der damals aus Tschernobyl kam, so erklärt sie ihm, kann Aufschluss darüber geben, welche Art Krebs sie hat. Ihr Ex-Mann soll ihn nun finden, damit sie behandelt werden kann.

Doch ihr Ex-Mann verliert sich allmählich selbst in der Vergangenheit. In kunstvoll aufgesplitterten Erinnerungsfragmenten erfährt der Leser vom Leben in der "Kältezentrale", von der auch zwischenmenschlichen Kälte, die unter den Technikern dort zwischen röhrenden Maschinen aus der CSSR herrscht. "Die Kältezentrale" funktioniert dabei zugleich als Metapher für ein festgefahrenes, stillstehendes Regime: "Arbeit am Klima ist die ständige Überwachung des Ist-Zustandes. Man sorgt dafür, dass die Dinge stabil bleiben."

Inka Pareis dunkel getönte Sätze erzeugen tatsächlich den Eindruck, man bewege sich zwischen allerlei Röhren, Schalttafeln und Turbo-Kühlern, zwischen rauen Männern im Maschinenraum eines finsteren Staatsbetriebs.

Die Atmosphäre also stimmt, zu Beginn des Romans wenigstens entsteht entsprechend große Spannung. Die Geschichte selbst aber entwickelt sich dagegen etwas dürftig: Der über 40-jährige Erzähler sieht angesichts der eigenen Vergangenheit sein Leben aus den Fugen geraten; er irrt durch Berlin, gerät in eine Schlägerei und kommt schließlich in einem Obdachlosenheim unter. Es ist die Geschichte eines Zerfalls, und zugleich stellt sie den Versuch des ehemaligen Kältetechnikers dar, das eigene Leben erzählerisch wieder zusammenzufügen. Wer bin ich eigentlich, fragt er sich, ganz im Geiste einer männlichen Midlife-Crisis; er stellt seine "Lebensentscheidungen" in Frage und bekennt: "Ich war Teil von etwas gewesen, ohne zu verstehen, was es war."

Diese Reflexionen haben zuweilen etwas Aufgesetztes, die Dialoge wirken nicht selten gestelzt. So gekonnt die Identitätskrise auch formal in Szene gesetzt wird, man nimmt keinen echten Anteil an ihr. "Die Kältezentrale" wirkt wie eine Kopfgeburt, wie ein geschickt konstruierter, am Ende aber eben konstruierter Versuch, sich mit einem alten Thema auseinanderzusetzen.

Von Tobias Lehmkuhl

Inka Parei: Die Kältezentrale
Schöffling und Co., Frankfurt am Main 2011
210 Seiten, 19,95 Euro

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