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Tonart | Beitrag vom 26.06.2020

Im Livestream mit Charli XCXDie Rolle der Fans ändert sich

Von Ina Plodroch

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Eine junge Frau mit langen, dunklen Haaren steht auf einer Bühne in einem Club und singt in Mikrofon. (imago images / Votos-Roland Owsnitzki)
Die britische Künstlerin Charli XCX hat eine Strophe eines Songs live bei Instragram geschrieben. (imago images / Votos-Roland Owsnitzki)

Die britische Musikerin Charli XCX tut es und Rapper Yassin auch – über Streamingplattformen sprechen sie mit ihren Fans über Songs und entwickeln diese weiter. Dieser direkte Austausch hat aber auch Tücken.

Die Britin Charli XCX ist die Pop-Experimental-Künstlerin der Stunde. Die Coronazeit hat sie genutzt, um ein Album zu schreiben und zu produzieren. Komplett im Homeoffice. Die zweite Strophe ihres Songs "Anthems" hat sie live bei Instragram geschrieben. Dass die Fans an dieser Stelle mitgemacht haben, lässt sich am Ende überhaupt nicht raushören. Denn Charli XCX bleibt der Chef. Sie entscheidet. Sie ist die Künstlerin. 

Und sie entscheidet sich auch, das Bild der Künstlergenies einmal mehr zu entblößen – also das Bild des Künstlergenies, das allein im Zimmer hockt, von der Muse geküsst wird und dann aus sich selbst heraus all die künstlerischen Ideen schöpft. Natürlich arbeitet sie mit vielen anderen Produzentinnen und Songwritern zusammen. Und nun eben auch mit Fans. 

Songs schreiben, produzieren, veröffentlichen – all das ist kein Frontalunterricht mehr. So nennt der Rapper Yassin das. Das Verhältnis zwischen Fans und Künstlern hat sich gewandelt.

"Ich glaube, dass die Fans denken, dass es eine Kommunikation und nicht nur Frontalunterricht ist, bei dem man seine Anmerkungen machen kann, sondern denken, dass es ein Austausch oder ein Gespräch und das ist halt ein Missverständnis oft, was dann auch zu Problemen führt."

Neue Plattform durch Corona entdeckt 

Wenn Fans zu nah dran wollen und die Grenze nicht mehr kennen. Aber eigentlich sei das schon praktisch, findet er. In der Coronazeit hat er die Plattform Twitch für sich entdeckt, auf der sich eigentlich vor allem Gamer beim Computerspielen filmen. Er nutzt sie als Künstler. Auf der Plattform…

"Habe ich eine Songidee, die ich mal hatte, dann tatsächlich gestern zusammen mit der Community weitergesponnen."

Viereinhalb Stunden hat er das gemacht.

"Ich glaube, ich gehöre noch zu den Streamer, die kurz streamen. Die Plattform Twitch selbst ist schon darauf ausgelegt, dass man möglichst viele Stunden streamt."

Er macht das, weil er was von seinen Fans lernen kann, sagt er.

"Ich mag handwerklich oder erfahrungsmäßig vielen, vielen Zuschauern überlegen sein. Aber teilweise ist es ja vor allem die Hörerperspektive, die einem neue Impulse gibt."

Ein Mann mit Basecap steht auf einer Bühne und singt. (imago images/Hartmut Bösener)Die direkte Kommunikation mit Fans kann auch zu Missverständnissen führen, sagt Rapper Yassin. (imago images/Hartmut Bösener)
Bei einer Zeile war er sich nicht sicher: Versteht die überhaupt jemand? Im Stream konnte er direkt fragen.

"Und dann kam eben auch die richtige Deutung. Was mich total beruhigt, weil ich dann weiß okay, ich kann auf dieser Ebene bleiben. Und es ist nicht absolut missverständlich."

Bei einer anderen Zeile, kam er nicht so recht weiter. Aus seiner Community, wie er sagt, kamen dann viele Ideen dazu. Auch das verändert nicht seinen künstlerischen Stil. Sondern funktioniert am Ende auch nicht anders als die Songwriting Camps, in denen viele Pop- und Rapsongs im Team geschrieben werden.

"Genau, aber halt auch mit Leuten, die nicht dahin kommen, um am Ende 50 Prozent Gema von einem Megahit zu haben. Es geht tatsächlich einfach ums Musikmachen, und es geht nicht ums Business."

Und nicht wie in den professionellen Songwritingsessions, zu denen sich Songschreiberinnen und Produzenten treffen. Bezahlt werden diese Profis nicht, sie verdienen später an ihrem GEMA-Anteil, wenn der Song veröffentlich wurde. All das spielt aber, wenn Yassin mit den Fans schreibt, keine Rolle:

Auf Twitch live gehen und dann auch Songs mit den Fans schreiben, ist für ihn aber auch eine Möglichkeit, sich als Künstler finanziell über Wasser zu halten. Auf Twitch können Fans seinen Kanal für 4,99 Euro im Monat abonnieren. Das funktioniert ähnlich wie die Plattform Patreon, bei der Fans ihren Lieblingskünstlern monatlich etwas zahlen.

"Ich glaube, Patreon würde nicht existieren, wenn die Einkommenswege von Künstlern weiterhin so stabil und so ergiebig wären, wie sie es vielleicht vor zehn Jahren noch waren."

Die Fans wollen dabei sein

Deshalb suchen Künstlerinnen und Künstler nach anderen Wegen, um weiterhin Musik machen zu können – und das nicht ganz umsonst. Durch die sozialen Netzwerke ist dieser "Frontalunterricht", wie Yassin sagt, einfach vorbei. Will keiner mehr so richtig, die Fans wollen stattdessen dabei sein. Das führt dazu, dass Popmusik keine Einbahnstraße mehr ist.

Auch TikTok zeigt, dass manche nicht mehr nur zuhören wollen. Auf dem sozialen Netzwerk tanzen Nutzerinnen wie Nutzer zu Songs, die dadurch enorm populär werden. Sie interagieren mit den Songs. Fans sind dadurch heute viel mehr Teil der Popmusik und nicht mehr nur die kreischenden Groupies.

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