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Feiertag - Kirchensendung / Archiv | Beitrag vom 27.12.2009

Im Anfang war das Wort

Johannes, der weihnachtliche Theologe

Von Theresia Kraienhorst

Ein alter Mann liest  in der Bibel. (AP)
Ein alter Mann liest in der Bibel. (AP)

Krippe, Ochs und Esel, Hirten und die Schafe - bei Johannes ist davon nicht die Rede. Er beginnt seinen Bericht über das Leben Jesu mit einer sehr theologischen Betrachtung der Ereignisse: Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.

Die schmutzigste Seite in alten Evangeliaren und alten Bibeln ist häufig die Seite mit dem Johannesprolog. Es war die Schwurseite. Wer einen Eid zu leisten hatte, legte seine Hand auf diese Seite: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Mit diesem Satz beginnt das Johannesevangelium.
Warum ausgerechnet diese Seite? Warum dieser Text?

Der Johannesprolog ist nicht mehr und nicht weniger als eine Zusammenfassung des christlichen Glaubens. Und zwar von Anfang an: Wie alles begonnen hat, warum die Welt so ist wie sie ist. Die Schöpfungsgeschichte aus dem Alten Testament wird noch einmal neu erzählt. Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen der biblischen Urgeschichte und dem Johannesprolog: Das Wort ist Fleisch geworden – Gott ist in Jesus Christus Mensch geworden. Und deshalb muss alles noch einmal neu erzählt werden.

"Im Uranfang war Er, das Wort.
Und Er, das Wort, war bei Gott.
Und Gott war Er, das Wort.
Der war im Uranfang bei Gott
Alles ist durch Ihn geworden,
und ohne Ihn geworden ist nicht eines.
Was geworden,
war Leben in Ihm.
Und das Leben war das Licht der Menschen.

Er war das wahre Licht, das erleuchtet jeden Menschen –
kommend in die Welt.

Und Er, das Wort, ward Fleisch,
zeltend unter uns.
Und wir schauten seine Herrlichkeit,
Herrlichkeit als des Einzigen vom Vater her,
voll Gnade und Wahrheit.

Gott hat keiner je gesehen –
der einzige Sohn,
der im Schoß des Vaters west:
Er hat berichtet. (Joh 1, 1-4. 9.14.18)"


So lautet der Anfang des Evangeliums nach Johannes in der Übertragung durch den Bibelwissenschaftler Fridolin Stier. Ein feierlicher Prolog – in diesen Rahmen stellt der Evangelist Johannes seine ganz eigene Fassung des Weihnachtsevangeliums: Und das Wort ist Fleisch geworden. Im griechischen Urtext sind es nur drei Wörter: logos sarx egeneto.

Krippe, Ochs und Esel, Hirten und die Schafe – bei Johannes ist davon nicht die Rede. Seinen Bericht über das Leben Jesu beginnt Johannes mit einer sehr theologischen Betrachtung der Ereignisse: Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. Johannes berichtet die Geburt nicht, er deutet sie. Er bezeugt, was Jesus seinem innersten Wesen nach ist: Gott, der Mensch geworden ist.

Ungeheure Worte für die Zeitgenossen des Evangelisten Johannes. Zum einen für die Christen, die ursprünglich dem jüdischen Glauben angehörten. Zum anderen aber auch für die griechisch denkenden Christen, die in den Kategorien der sogenannten Gnosis dachten.

Das Wort ist schon Fleisch geworden. Den Juden wird damit signalisiert: Sie müssen nicht mehr auf den Messias warten, er ist schon da. Gott ist schon ganz bei den Menschen, auch schon bevor Jesus, sichtbar für die Menschen, auf die Welt kommt. Gott zieht es zu den Menschen, schon von Ewigkeit her. Gott wird Mensch, um den Menschen ganz nahe zu sein.

Für die im griechischen Kulturkreis lebenden Menschen haben Johannes Aussagen noch eine andere Bedeutung. Eine geistige Strömung seiner Zeit war die sogenannte Gnosis. Das heißt übersetzt Erkenntnis. Alle Materie ist minderwertig und vergänglich; das gilt in besonderer Weise für den menschlichen Leib, denn der besteht ja nur aus Fleisch und Blut. Deshalb kann Jesus kein richtiger Mensch gewesen sein. Als Sohn Gottes kann er dieser Vergänglichkeit nicht unterworfen sein. So verkündeten es die Anhänger der Gnosis innerhalb der Kirche. Johannes sagt: Das Wort ist Fleisch geworden. Der wahre Gott ist ein wahrer Mensch geworden.

Und genau das ist das Geheimnis, dass wir Christen mit dem Weihnachtsfest feiern.

Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit gesehen.

Diese Verse sind vor fast 2000 Jahren entstanden. Was bedeuten diese Verse für uns Christen des 21. Jahrhunderts? Das Wort, das in unsere Zeit kommt – wohnt es unter uns? Sehen wir seine Herrlichkeit?

Noch einmal Fridolin Stier:

"Eine Geschichte formt sich in meinem Kopf. Die Geschichte heißt: Das Wort Gottes kommt in die Stadt. Ich sehe Gestalten, Szenen schweben vor mir. Plötzlich war das Gerücht da, wollte nicht mehr verstummen. Die Kirchenblätter warnten: Niemand lasse sich täuschen! Das Wort Gottes kann gar nicht 'kommen', es ist gekommen, vorzeiten ist es gekommen. Wir besitzen es in den heiligen Büchern, und wir haben 'Experten', die es für 'Laien' auslegen, zurechtlegen, mundgerecht machen.

Aber das Wort Gottes kam doch in die Stadt. Es klopft an der Haustür der Frau, deren Mann ein Säufer war. Die Tür geht auf. 'Was wollen Sie?', sagte die Frau, 'die Trinkerfürsorge war heute schon da! Was wollen denn Sie, wer sind Sie eigentlich?'

Wort Gottes: 'Ich bin schon angemeldet, wissen Sie nicht? Ich bin das Wort Gottes.'

Frau: 'Oh! Sie sind das? Alle haben sie etwas zu sagen, Worte, Worte, nichts als Worte! Aber Taten tut keiner.'

Wort Gottes: 'Aber lassen Sie mich doch herein, ich habe Ihnen ein ganz persönliches Wort zu sagen, nämlich mich selbst mit Ihnen ...'

Was tat sich? Es folgen Besuche bei einem christlichen Politiker, einem Manager, einem Arzt ... Das Wort Gottes wird schließlich doch noch in die Kirche eingeladen.

Es war Sonntag. das Wort Gottes kam in die Kirche der Stadt, die Geistlichkeit bereitete ihm einen festlichen Empfang. Ein Thron war bereitgestellt, und das Wort Gottes nahm Platz. Man brannte ihm Weihrauch. Und dann hob der Prediger an, das Wort Gottes zu preisen, und sagte, das Wort Gottes rede in einer alten Sprache und habe sich die Zunge der Prediger geliehen, um sich allen verständlich zu machen. Und so sprach er darüber, aber das Wort Gottes selbst kam nicht zu Worte. Die Leute merkten es, sie fanden die Rede des Predigers schal und fingen an, nach dem Wort zu rufen. Das Wort, schrieen sie, das Wort!

Aber das Wort war nicht mehr in der Kirche. Es war weitergegangen. Auf dem Thron lag ein altes Buch ...

Es hatte sich zu einem Wort-Gottes-Gelehrten begeben. 'Ach, da sind Sie ja', sagte der Theologe, 'ich habe auf Sie gewartet, ich habe nämlich eine Frage an Sie.' 'Fragen Sie', sagte das Wort Gottes, 'ich freue mich, Sie sind der erste, seit ich hier bin, der mich etwas fragen will; die anderen haben über mich, über mich hin geredet.' 'Ich frage Sie also', sagte der Gottesgelehrte, 'was Sie bei mir zu suchen haben, ausgerechnet bei mir, der ich Sie durch und durch kenne. Sie kennen doch gewiss mein Traktat über Sie - fehlt da etwas?' 'Nichts als das Wichtigste: Ich! Ich selbst bin nicht drin. Sie haben mich untersucht und eine ganze Menge über mich herausgefunden; aber mich gesucht haben Sie nie. Sie haben mir nachgeforscht, Sie haben nicht nachgelassen, die diversen Probleme, die ich Ihnen und Ihresgleichen immer von neuem stelle, mutig anzupacken und ihrer manches klug zu lösen. Aber immer, wenn ich Sie und Ihre Zunftgenossen über mich sprechen höre, über meinen Ursprung, meine Gestalten, meine Wander- und Wirkgeschichte, dann komme ich mir selbst etwas fremd vor.' - 'Fremd, sagen Sie, warum?' - 'Sehen Sie, Sie haben mich doch nicht so erkannt, wie ich erkannt sein möchte. Ich bin nämlich nicht von der Art der Dinge, über die man sprechen kann, ohne sie zu zersprechen.'

'Ich soll Sie zersprochen haben? Die Wahrheit über Sie habe ich gesucht, und wie Sie eben zugaben, mit einigem Erfolg - Ich verstehe Sie nicht.' 'Da haben wir es: Ich verstehe, dass Sie mich nicht verstehen. Sie können es gar nicht! Denn immer halten Sie mich drei Schritte vom Leib, nur ja nicht! Zum Objekt machen Sie mich, machen sich über mich her, und Sie erfreuen sich der Lust, mich mit Wahrheiten über mich zu bewältigen. Aber an Sie selbst lassen Sie mich nicht heran. Und gerade darauf habe ich es abgesehen. Ja, ich möchte Ihnen und Ihresgleichen zu Leibe rücken. Sie sprechen über mich, ich aber, ich Gottes Wort, ich spreche mich Ihnen an, ich spreche mich in Sie hinein, dazu bin ich gekommen. Was ich bei Ihnen zu suchen habe, fragen Sie mich, jetzt wissen Sie es: Sie, suche ich Sie! Und wenn Sie noch mehr wissen wollen: Ich möchte, dass ich durch Sie hindurchspräche.'-
'Aber das wäre doch Prophetie', wehrte sich der Mann, 'wo bliebe da die Theologie?' - 'Da sehen Sie zu', sprach das Wort Gottes, sprach und ging."


Hat Fridolin Stier Recht? Kann Gottes Wort in unserem Leben überhaupt Gestalt annehmen?

Eine Erzählung aus dem Johannesevangelium ist für mich persönlich die Antwort auf diese Frage. Es geht um die Erzählung von der Frau, die auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt wurde; nach dem mosaischen Gesetz muss sie gesteinigt werden. Man kann sich leicht in diese Szene hineinversetzen: Da ist die völlig verängstigte Frau, die keine Möglichkeit hat, sich noch irgendwie zu verteidigen; da ist die aufgebrachte Menschenmenge, entschlossen, die Frau zu steinigen; da stehen die Pharisäer und Schriftgelehrten, sie vertreten das Gesetz und bei dieser Gelegenheit möchten sie auch gleich Jesu Gesetzestreue auf die Probe stellen. Und Jesus soll jetzt sagen, was mit der Frau geschehen soll; es ist klar, man will ihn in eine Falle locken: Sagt er, die Frau dürfe nicht gesteinigt werden, so erklärt er das Gesetz des Mose für ungültig und spricht damit sein eigenes Todesurteil; sagt er, die Frau müsse gesteinigt werden, erklärt er all das für ungültig, was er selber gepredigt und an Menschlichkeit gefordert hat.

Jesus - er sagt gar nichts. Er hat sich gebückt und schreibt mit dem Finger in den Sand. Dann ein Satz: Der von euch, der ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie. Das Wunder geschieht: Einer nach dem anderen verlässt den Platz, die Ältesten zuerst.

Es ist wirklich ein Wunder, dass alle Beteiligten plötzlich die Möglichkeit der Barmherzigkeit erkennen und die einzig mögliche Konsequenz daraus ziehen: Wenn ich für mich selber Barmherzigkeit erhoffe, muss ich sie zunächst anderen geben. Diese Geschichte beweist: Gottes Wort kann alles ändern. Alles. Radikal. Gott will den Menschen selbst. Jeden und jede einzelne. Will unter uns wohnen, damit wir seine Herrlichkeit mit eigenen Augen sehen.

Rose Ausländer, Das Wort I:

"Am Anfang
war das Wort
und das Wort
war bei Gott"

Und Gott gab uns
das Wort
und wir wohnen
im Wort

Und das Wort ist
unser Traum
und der Traum ist
unser Leben"


Heute ist das Fest des Heiligen Johannes. Die Tradition setzt den Jünger und Apostel Johannes mit dem Evangelisten gleich. Dieser gilt als der Verfasser des Johannesevangeliums, der drei Johannesbriefe und der Apokalypse. Die heutige Forschung sieht allerdings verschiedene Autoren am Werk. Aber das tut dem Brauchtum natürlich keinen Abbruch.

Johannes wird mit Wein in Verbindung gebracht. Überall dort, wo Wein angebaut wird, im Rheingau, in Rheinhessen und anderswo, dort gibt es den Brauch, heute den sogenannten "Johanneswein" zu segnen: Am Ende des Gottesdienstes wird Wein gesegnet und dann allen zum Trinken angeboten.

Der Ursprung ist vielleicht eine Legende. Die erzählt, dass Johannes gezwungen wurde, einen Becher mit vergiftetem Wein zu trinken; aber er schlägt das Kreuz darüber und das Gift entweicht als Schlange. Der Ursprung des Johannesweins ist möglicherweise auch, dass Johannes als einziger der vier Evangelisten von dem Weinwunder bei der Hochzeit von Kana erzählt. Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass Johannes das Patronat für diesen Segensbrauch seiner besonderen Rolle bei den Feiern der Freunde Jesu verdankt: Im Abendmahlssaal heißt es, habe der Jünger, den Jesus liebte, an seiner Seite gelegen. Die Tradition setzt diesen Jünger mit Johannes gleich. Vielleicht war dies ja sein Stammplatz. Nicht nur beim letzten Abendmahl, sondern auch bei anderen Gelegenheiten.

Das Segensgebet, das heute in vielen Kirchen über den Wein gesprochen wird, enthält den Satz: "denn du bist der Gott, der Freude schenkt und Gemeinschaft stiftet." Ich denke, genau das haben die Menschen bei Jesus erlebt: Wo immer sich das Glück ereignet, dass aus bloßem Essen und Trinken eine Mahlgemeinschaft wird, wo zur notwendigen Sättigung auch noch die Freude des Genießens kommt, auch da wird Gottes Reich lebendig.

Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, Gott ist Mensch geworden. Gott kennt unsere tiefste Verzweiflung und genauso unser höchstes Glück.


Literatur zur Sendung
Das Neue Testament, übersetzt von Fridolin Stier, München 1989
Fridolin Stier, Vielleicht ist irgendwo Tag, Herder, Freiburg 1993 (1981)
Rose Ausländer, Hinter allen Worten, Frankfurt 6. Auflage 2005

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Pfarrer Lutz Nehk, dem katholischen Senderbeauftragten für Deutschlandradio Kultur.

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