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Im Gespräch | Beitrag vom 28.09.2020

Illustratorin und Autorin Melanie GaraninMit dem Pferd auf den Friedhof

Moderation: Ulrike Timm

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Melanie Garanin steht im schwarzen T-Shirt vor einer weißen Wand und blickt entschlossen in die Kamera. (Carlsen Verlag)
Kinderbuchautorin Melanie Garanin: "Ich habe meine Graphic Novel für die ganze Welt geschrieben." (Carlsen Verlag)

2015 starb der jüngste Sohn von Melanie Garanin. Er wurde nur drei Jahre alt. Ein Schock, den die Illustratorin und Comiczeichnerin in einer beeindruckenden und berührenden Graphic Novel verarbeitet hat.

Nils war das vierte Kind von Melanie Garanin und ihrem Mann. "Der war von Anfang an super unkompliziert und hat es uns ganz leicht gemacht. Er war echt ein kleiner Sonnenschein", sagt die Berliner Illustratorin und Kinderbuchautorin über ihren Sohn. Im Alter von drei Jahren erkrankt Nils an Leukämie. Obwohl es deutliche Anzeichen dafür gibt, wird von Seiten der Ärzte übersehen, dass die Chemotherapie zu einer Entzündung der Bauchspeicheldrüse führt.

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Als das Kind daran stirbt, geht die Trauer und die Wut der Eltern bis zu Rachegelüsten. Trotz einer Entschädigungszahlung bleibt bei der Mutter das Bedürfnis, der Welt die ganze Wahrheit über den Tod ihres Kindes mitzuteilen. Sie beginnt mit der Arbeit an "Nils – von Tod und Wut. Und von Mut", ihrer ersten Graphic Novel. "Ich habe sie am Anfang eigentlich für die ganze Welt geschrieben. Ich wollte, dass alle davon erfahren und dass diejenigen, die es angeht, das auch noch mal vor den Latz geknallt kriegen."

Tiere und die Familie halfen in der Trauer

Doch das Buch ist keine kalte Abrechnung geworden, sondern eine warmherzige, humorvolle und bewegende Geschichte, bei der neben Nils und seiner Familie, auch ein Pferd mitspielt. "Viento ist mein Pferd, den habe ich fast gleichzeitig mit Nils gekriegt. Der ist im Buch und war auch schon im echten Leben immer so das ‘Ritterpferd’ vom kleinen Nils. Deswegen hat er diese große Rolle bekommen."

Nach Nils’ Tod nimmt Garanin das Pferd auch mit auf den Friedhof. "Das hab ich ganz am Anfang gemacht, weil die Verbindung zwischen den beiden ganz groß war und weil nur Hunde verboten sind auf dem Friedhof."

Neben Pferden gibt es bei Familie Garanin auch noch Hunde, Wellensittiche und Hühner. Sich außer ihren drei großen Kindern auch noch um die Tiere zu kümmern, habe in der Zeit der größten Trauer auf jeden Fall geholfen: "Man kommt nicht in die Situation, dass man mal den ganzen Tag im Bett liegt. Man ist auch noch für einen großen Rest verantwortlich. Da ist man ganz gut gezwungen, nicht aufzugeben." 

Vom Film zum Buch

Gezeichnet hat Melanie Garanin schon immer. Studiert hat sie dann Animationsfilm in Potsdam-Babelsberg. "Wir waren nur zehn Studenten pro Jahrgang. Ein tolles Studium. Es ist immer lustig, man macht tolle Sachen. Ich würde es tatsächlich so altfrauenhaft sagen, das ist eine der besten Zeiten meines Lebens gewesen."

Vom Animationsfilm, für den man "wahnsinnig viel" zeichnen muss, wie sie sagt, kommt Garanin zur Illustration von Büchern, das geht schneller. Bei dieser Arbeit ist sie sehr diszipliniert: "Ich kann mich wirklich gut hinsetzen, wenn ich eine Idee habe. Der folgen dann weitere Ideen." Auf den Musenkuss müsse sie dabei auch nicht lange warten: "Ich habe Glück: Wenn ich am Schreibtisch sitze, dann küsst sie mich eigentlich immer."

(mah)

Melanie Garanin: "NILS: Von Tod und Wut. Und von Mut"
Carlsen Verlag, Hamburg 2020
200 Seiten, 22 Euro

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