Seit 06:00 Uhr Nachrichten

Mittwoch, 19.12.2018
 
Seit 06:00 Uhr Nachrichten

Studio 9 | Beitrag vom 03.11.2014

Illegaler WaldraubUnterwegs mit einem korrupten Förster in Rumänien

Großer Ausverkauf in dem osteuropäischen Land

Von Leila Knüppel und Manfred Götzke

Podcast abonnieren
Illegal gerodeter Wald in Rumänien. (AFP / Daniel Mihailescu)
Illegal gerodeter Wald in Rumänien. (AFP / Daniel Mihailescu)

Wer in Rumänien unterwegs ist, muss alle paar Kilometer Holzlaster überholen. Rumänien ist Europas größter Holzlieferant. Dabei hat das Land nur noch etwa 27 Prozent der Landesfläche an Wald - auch, weil viel davon illegal geschlagen wird.

Der Jeep von Förster Grigore arbeitet sich sehr langsam durch tiefe Schlammfurchen, den Waldweg zum 1800 Meter hohen Berg Prislop hinauf.

Das Auto schiebt sich über den Gebirgskamm: Aus dem Fenster hinaus blicken wir in das Tibou Tal, kilometerweit freie Sicht, nur vereinzelt stehen hier noch eine Fichte oder ein kahler Stamm.

Förster: "Das wurde nicht jetzt abgeholzt, dass ist von früher. Vor 10, 15 Jahren ist das passiert."  

Hinten im Wagen: zwei Bienenkästen und drei Imker, die Förster Grigore zu ihren Bienenstöcken mitnimmt. Außerdem wir Reporter und Gita Coman, ein Schulfreund des Försters. Der hat uns auf die Waldpatrouille vor allem aus einem Grund mitgenommen: Förster Grigore sei bereit zu reden über die Machenschaften der Holzmafia – und seinen eigenen Part im Geschäft mit illegal geschlagenem Holz.

Nach der Wende mit der Abholzung übertrieben

Vier Stunden dauert die mühsame Fahrt in das Fortsgebiet von Grigore. Es liegt in Maramures im Norden Rumäniens. Forstwirtschaft war hier schon immer eine wichtige Einkommensquelle. Nach der Wende habe man es hier allerdings mit der Abholzung übertrieben, sagt Grigore.

"Was genau hier schief gelaufen ist, weiß ich nicht, ich bin hier noch nicht so lange – aber die haben 2000, 3000 Hektar abgeholzt. Aber Sie werden sehen: Das regeneriert sich, das wächst schon irgendwann wieder nach."

Nach der Wende wurden weite Teile der Staatswälder rückerstattet und privatisiert. Manche der neuen Besitzer machten ihren Forst sofort komplett zu Geld. Holzdiebe nutzten die unklaren Eigentumsverhältnisse. 400.000 Hektar sind seit 1989 illegal abgeholzt worden – eine Fläche fast anderthalb Mal so groß wie das Saarland.

 

Heute ist alles legal

"Heute passiert so was nicht mehr, damals war alles konfus, es gab keine Autoritäten, keine Förster, keine Polizeikontrollen – die haben hier alles völlig chaotisch ausgebeutet. Heute ist alles legal. Außerdem gibt es Inspektionen, bei denen wir hier kontrolliert werden. Hier wird nicht mehr betrogen."

Unser Bekannter, Gita Coman, wundert sich – wie wir – dass der Förster nun doch nicht offen redet. Vielleicht hat es mit der anstehenden Kontrolle der Forstaufsicht zu tun. Coman erzählt uns die Geschichte jedenfalls anders, später als das Mikro aus ist. Auch heute werde hier noch viel illegal geschlagen und auch Grigore verdiene ordentlich mit: Etwa ein Drittel des Holzes verkaufe der Förster unter der Hand.

Durch die verschlammten Autofenster sehen wir immer wieder Waldarbeiter, die mit Kettensägen Holzstämme für den Abtransport zerteilen. Der Förster steigt aus, um mit ihnen zu reden. Unter seinem Adidas-T-Shirt wölbt sich das von Rumäninnen so geliebte Bäuchlein eines wohlhabenden Mannes.

"Ich klaue kein Holz"

Grigore: "Wie geht’s? Erzähl es den Herrschaften vom Rundfunk: Schlägst du illegal?" 
Arbeiter: "Ich klaue kein Holz!"
Grigore: "Welche Bäume schlägst du denn?"
Arbeiter: "Nur die markierten natürlich – die hab ich aufgeladen und weggebracht!"
Grigore: "Und wirst du in Zukunft illegal schlagen?"
Arbeiter: "Ich denk mal drüber nach." (lachen)

Grigore ist erst seit fünf Jahren Förster: Nun besitzt er drei Jeeps, drei Lastwagen und zwei Autos. Bei 350 Euro regulärem Monatslohn.

Am Mittag haben wir das Forsthaus des staatlichen Forst-Bezirks Borsa erreicht: Grigore parkt den Wagen und packt Fleischkonserven, Brot und Schnaps aus. Nach dem zweiten Glas wird er etwas gesprächiger.

"In den Nachbarbezirken, wird illegal geschlagen, aber: Na ja, die haben die Mächtigen hinter sich. Die machen da alles. Da verdient der Chef des Forstbezirks mit, da verdient der Bürgermeister mit. Das System kann nicht funktionieren, solange die Politik in der Forstwirtschaft mitmischt. Abgeordnete, Bürgermeister, andere: Ich setze meinen Mann auf diesen Posten, du deinen auf jenen. So läuft das. Die Politiker haben sich das Holz geholt, um ihre Wahlkämpfe zu finanzieren."

Jetzt, vor der Präsidentenwahl, seien besonders viele Holzlaster unterwegs. Die Wahlkämpfe würden ja auch immer teurer. Selbst hochrangige Politiker wie der amtierende Verteidigungsminister, Mircea Dusa, sollen in den illegalen Holzhandel verstrickt sein.

Jeder bekommt eine Tüte mit Pilzen aus dem Wald

Als Förster Grigore dann doch noch über seine eigenen "Nebengeschäfte" sprechen will, heizt ein Jeep auf den Hof des Forsthauses. Zwei gutgelaunte Polizisten steigen von der Ladefläche. Die Kontrolle der Forstaufsicht. 

"Oh da kommen sie, wenn die mich hier so sehen…."

Grigore springt auf, wir machen das Mikro aus. Der Förster steigt in den Jeep der Beamten – und fährt mit ihnen durch sein Waldgebiet. Nach zwei Stunden Kontrollfahrt kommt er zurück zum Forsthaus. Er wirkt erleichtert. Die Kontrolleure bekommen jeder eine Plastiktüte mit Pilzen aus dem Wald in die Hand gedrückt. Dann geht’s auf die Heimfahrt. 

"Sie haben ein bisschen was gefunden, und mir eine kleine Strafe verpasst. Bei meinem Kollegen weiß ich’s nicht genau, aber ich glaube den hat es härter getroffen."

Nur einmal halten wir noch kurz an einem neu gebauten Drei-Sterne-Hotel. Grigore müsse die Übernachtungen und das Essen für die Kontrolleure bezahlen, erklärt uns sein Freund Gita später. Deswegen sei er so glimpflich davon gekommen.

Mehr zum Thema

Gutes oder schlechtes Holz
(Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 18.03.2013)

Statt der Tropenakazie die Scheinakazie
(Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 07.05.2009)

Interview

weitere Beiträge

Frühkritik

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur