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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 26.03.2018

Illegale AutorennenRennstrecke Innenstadt

Von Manfred Götzke

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Die gesperrte Tauentzienstraße am 01.02.2016 in Berlin nach einem illegalen Autorennen.  (dpa-Zentralbild)
Durch ein illegales Autorennen kam am 1.2.2016 ein Rentner in Berlin ums Leben. (dpa-Zentralbild)

Mit bis zu 200 Stundenkilometern durch die deutschen Innenstädte: Bei illegalen Autorennen sterben immer wieder Menschen. Die Gesetze wurden mittlerweile verschärft, harte Strafen gegen Täter verhängt. Zeigen die Maßnahmen die erhoffte Wirkung? Ein Besuch in der Raser-Szene.

Noch ist nicht viel los in der schummerigen Shishabar in Charlottenburg, im Westen Berlins. Ein Pärchen zieht abwechselnd an einer Wasserpfeife mit Apfelaroma, vier tätowierte Männer in engen Muskelshirts nippen an ihrem Früchtetee, unterhalten sich über ihre getunten Autos, die Russenmafia – und die Vorzüge von Body-Waxing.

An der holzvertäfelten Bar steht ein Mann Anfang 20, nennen wir ihn Deniz. Wenn er nicht gerade an der Espressomaschine rumhantiert oder die Gäste bedient, hat er Zeit, mit mir zu sprechen.

"Auf der Heerstraße, da sind täglich so Rennen, ich wohne da. Da sind manchmal Geschwindigkeiten dabei, wo ich mir denke, das überschreitet schon die 200."

Ich bin hier, weil die Shishabar das Stammlokal von Hamdi H. und Marvin N. war. Die beiden jungen Männer haben bei einem illegalen Rennen einen Mann totgefahren – und damit eine bundesweite Debatte über Raser ausgelöst. Hier haben sie sich vor der Todesfahrt getroffen und zum Rennen verabredet. Barkeeper Deniz ist ein guter Bekannter.

Liebe Jungs?

"Das sind eigentlich Jungs, die nicht auf sowas aus sind. So wie ich sie kennengelernt habe, waren das liebe Jungs und auf keinen Fall irgendwie bedrohlich. Die haben immer gesagt, dass sie gerne Autos mögen, aber dass sie privat Rennen fahren, haben sie nie erzählt."

"Was sind das generell für Leute, die solche Rennen fahren?"

"Unterschiedlich, manche haben Familie und Frau und machen das trotzdem, andere haben gar nichts außer das Auto, keinen Schulabschluss, chillen den ganzen Tag, wenn die dann was übrig haben, geht’s ins Auto, hehe."

Während Deniz seine Gäste bedient, wende ich mich an einen jungen Mann an einem der Spielautomaten. Er lehnt in seiner offenen Parka am Barhocker steckt ein zwei Euro Stück nach dem anderen in den Automaten. Als ich ihn aufs schnelle Autofahren anspreche, lächelt der 20-Jährige.

Einsatz gegen Raser und "Profilierer" in Berlin: Polizei lässt Auto abschleppen (Deutschlandradio / Manfred Götzke)Einsatz gegen Raser und "Profilierer" in Berlin: Polizei lässt Auto abschleppen (Deutschlandradio / Manfred Götzke)
"Vor allem bei uns im Wedding gibt’s da ganz viele, vor allem so junge Leute, die meistens Autos mieten oder die von Mama und Papa bekommen. Machen halt viel Quatsch damit. Oft werden auch Autos von der Polizei eingezogen, ich hab schon Erfahrungen damit gemacht, mir wurde auch mal ein Auto eingezogen, weil ich zu schnell gefahren bin, und wurde halt als illegales Straßenrennen einsortiert."

"Wie schnell sind sie denn gefahren?"

Ach gar nicht so schnell, ich und ein Anderer sind halt an einer Ampel über 50 beschleunigt und hinter uns standen halt Kriminalpolizisten. Tja, das neue Gesetz sagt halt, wenn zwei Autos mehr als 50 beschleunigen, gilt das als illegales Straßenrennen."

"Sie wollten sich aber schon messen?"

"So ungefähr, es war schon ein bisschen provokant, da drückt man schon mal aufs Gas."

Haftstrafen bis zu fünf Jahren

Seit Mitte Oktober werden Raser in Deutschland wesentlich härter bestraft: Wer ein illegales Autorennen veranstaltet oder daran teilnimmt, kann für zwei Jahre ins Gefängnis kommen, die Autos der Raser können konfisziert werden. Bisher gab es dafür nur maximal 400 Euro Bußgeld und einen Monat Fahrverbot. Wer bei einem illegalen Rennen andere Menschen gefährdet, kann nun mit einer Haftstrafe von bis zu fünf Jahren bestraft werden.

"Autos mit hohen Geschwindigkeitszahlen, da kommt ganz schnell Adrenalin hoch. Ich bin ab und zu mal in einer 30er-Zone 130 gefahren auf der Autobahn 280, ganz normal."

"Wenn sie mit einem Mercedes C63 an der Ampel stehen, dann kommt ein BMW M5, wie läuft das dann ab? Man provoziert sich gegenseitig, du stehst an der Ampel, dann guckt irgendson einer, guckt dich schief an, drückt aufs Gas, will sich beweisen. Dann denkst du dir, warum nicht? Mach ich ihn halt platt jetzt."

Der junge Mann fährt eigentlich einen Opel Corsa, mehr kann er sich als Azubi gar nicht leisten. Die schnellen Sportwagen leiht er sich manchmal von seinem Cousin. Der betreibt einen Autoverleih, der neben normalen Fahrzeugen auch Porsche und die schnellsten Varianten von Mercedes, Audi und BMW im Angebot hat.

Hauptkommissar Oliver Woitzik und seine Kollegin Regina Feigel steigen aus dem warmen Polizei-Passat in die eisige Kälte dieses Berliner März-Nachmittags. Wir stehen auf einer Verkehrsinsel auf der Tauentzienstraße direkt vor dem Luxuskaufhaus Kadewe.

"Das ist der Ort, wo wir in der Nacht zum 1. Februar 2016 den schweren tödlichen Verkehrsunfall hatten, wo wir unglücklicherweise einen Toten bedauern müssen."

Mit 170 über die rote Ampel

Genau hier ist Hamdi H. vor zwei Jahren in seinem Audi mit Tempo 170 über eine rote Ampel gefahren. Und in den Jeep eines Rentners geknallt. Der Jeep flog 150 Meter weit, der Fahrer erlag seinen Verletzungen. Die Polizistin Feigel war als eine der ersten am Tatort.

"Es war ein Schlachtfeld, einen riesengroßes Schlachtfeld, es lagen Schuhe auf der Fahrbahn, Blut, was getropft ist, Rauch, überall große Teile von Autos noch und Splitter."

"Man war völlig geschockt, weil einen Verkehrsunfall von diesem Ausmaß und dieser Dimension gab es noch nie."

Die Todesfahrt von Hamdi und Marvin beschäftigt seit zwei Jahren deutsche Gerichte, die Politik und die Öffentlichkeit: Berliner Richter haben die beiden zu lebenslanger Haft wegen Mordes verurteilt, ein Präzedenzfall, den der Bundesgerichtshof inzwischen aufgehoben hat. Das neue Gesetz gegen illegale Autorennen, wurde infolge dieses Falles verabschiedet.

"Wir haben fast 60 Ermittlungsverfahren seit dem Zeitpunkt in Berlin, wir haben 29 Fahrzeuge eingezogen und 31 Führerscheine beschlagnahmt."

"Was waren das für Fahrzeuge, was für Fahrer?"

"Wir haben eine Tätergruppe, männlich bis 30 ungefähr, wir haben hochwertige Sportwagen in der Kategorie 400 PS Plus. Vom Couleur her alles was dabei ist, vom Hartz-IV-Empfänger bis zum hochrangigen Manager."

Kontrollen am Kurfürstendamm

300 Meter weiter nördlich, kurz bevor die Tauentzienstraße in den Kurfürstendamm mündet, haben Woitziks Kollegen nun eine Verkehrskontrolle eingerichtet. Seit dem tödlichen Unfall kontrollieren Woizick und seine Kollegen hier mehrmals im Monat – vor allem, um Präsenz zu zeigen. Zwei Polizisten stehen auf dem Mittelstreifen und nehmen die Autos ins Visier, um die es ihnen vor allem geht: Schnelle, PS-starke Serienfahrzeuge, Sportwagen, getunte Autos. Die fahren ihre Besitzer hier zwischen Prada-, Rolex-, und Boss-Geschäften schon seit Jahren besonders gerne spazieren.

"Die Kollegen sind jetzt ganz anders geschult und sensibilisiert, wenn man jetzt irgendwann mal ein lautes Auto hört, dann achtet man jetzt anders drauf, sagt jetzt nicht, oh der will einfach ein bisschen Spaß haben, sondern man guckt jetzt, was macht der, was passiert hier, kommt es zu einem illegalen Rennen."

Hamdi H. vor Gericht (picture alliance / dpa / Gregor Fischer)Hamdi H. vor Gericht (picture alliance / dpa / Gregor Fischer)
Die Polzisten kontrollieren einen kleinen tiefergelegten BMW 1er. Der Fahrer Anfang 20. Während einer der Beamten die Reifen des kleinen BMW unter die Lupe nimmt, fährt ein gelber Lamborghini vorbei. Als er die Kontrolle passiert hat, drückt er wie zum Gruß, kurz aufs Gas.

"Na der wäret gewesen, wat is den dit fürn Kontrollposten?"

Der Fisch ist den Beamten durch die Lappen gegangen.

Ein wenig später haben die Polizisten einen Porsche 911 rausgewunken. 580 PS, Spitzengeschwindigkeit 330 km/h. Der 33-jährige Fahrer verzieht genervt das Gesicht, er landet mit seinem neuen, völlig ungetunten Auto neuerdings mehrmals im Monat in so einer Kontrolle.

Fahrer: "Kann ich mich reinsetzten, ist mir ein bisschen unangenehm."

Polizist: "Sie fahren nun mal so ein auffälliges Fahrzeug. Problem ist, dass viele Fahrer von solchen Fahrzeugen damit Schindluder betreiben."

Fahrer. "Ok."

"Werden sie jetzt häufiger rausgewunken?"

"Ja häufiger, ich fahre jetzt schon häufiger gar nicht mehr hierher."

"Nervt sie das?"

"Klar, würde sie doch auch nerven, wenn sie einmal die Woche angehalten werden."

"Macht Porsche Fahren da noch Spaß?"

"Ja, es geht."

Nach zehn Minuten darf der Fahrer weiter, die Tauentzienstraße wird er künftig wohl noch seltener fahren. Auto-Poser, die sich zu spontanen Ampelrennen hinreißen lassen, junge Männer in zu lauten und schnellen Autos von Papa oder vom Autovermieter, fischen die Polizisten heute nicht aus dem Verkehr. Zu kalt.

" ... dann ist es ja nicht meine Schuld"

In der Shishabar in Berlin-Charlottenburg legt Barkeeper Deniz eine neue Musik-DVD ein: Hiphop. Über die Flachbildschirme, die an jeder Ecke der Bar hängen, flackern bunte Musikvideo-Bilder: Hiphopper lehnen mit dicken Goldketten an ihren Lamborghinis und Ferraris, neben ihnen tanzen spärlich bekleide Frauen. Deniz holt seinem Kumpel einen Energydrink, stellt sich zu uns. Wir diskutieren über das Risiko, dass er mit Autos seines Cousins Woche für Woche eingeht.

"Der Kick in dem Moment lässt einen alles vergessen, das ist das Problem halt."

Dass Raser wie er ganz in der Nähe einen Rentner totgefahren haben, davon hat er nichts gehört, behauptet er.

"Ist der alte Mann wegen Kinderscheiße draufgegangen, einfach unnötig. Junge Leute, die unachtsam sind, die denken, sie müssen auf der Straße etwas reißen. Das ist das Problem hier."

"Und Sie selbst? Würden Sie sich als unachtsam bezeichnen? Sie machen das ja auch."

"Ich mach das nur ab und zu, wenn ich mir 100-prozentig sicher bin, dass alles sicher verläuft."

"Aber kann man das? Wenn man 150 in der Stadt fährt, kann ja jederzeit jemand über die Straße laufen."

"Kommt drauf an, ob du Schuld bist oder nicht am Ende. Wenn ich sehe, dass ich grün habe und die Straße ist vor mir frei und ich aufs Gas drücke, und dann kommt irgendein Heini vorbeigerannt, oder ein Fahrradfahrer, dann ist es ja nicht meine Schuld."

"Naja, wenn man 100 zu schnell fährt schon."

"Naja muss man halt nehmen. Ist ne komplizierte Sache."

Deniz und sein Kumpel lächeln unentwegt, während sie mit mir über ihre Autos, ihre Leidenschaft, ihre Lieblingsspielzeuge sprechen. Nur dass diese Spielzeuge eben zu tödlichen Waffen werden können.

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