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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 23.08.2005

Ihr Leben ist Musik

Die Reinhardt-Familie in Baden-Württemberg

Von Hannes Elster

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Violinen (AP)
Violinen (AP)

Django Reinhardt war der berühmteste Vertreter, Schnukenack Reinhardt, sein Großneffe, belebte in den 70er Jahren den Sintijazz neu in Deutschland. Viele Familienangehörige wurden in Auschwitz vergast - Schnukenack konnte fliehen und überlebte als "ungarischer Geiger". Seine Familie, Kinder und Enkel leben in Baden-Württemberg, meist unerkannt und meist nicht mehr im Wagen.

Es war vor einigen Wochen. Ein schöner Sommerabend, warm, fast zu warm, also sind wir ausgegangen und haben draußen gegessen, in einer Gartenwirtschaft in einem Vorort von Karlsruhe, unter Lindenbäumen. Fast alle Tische besetzt, eine fröhliche Stimmung, Lachen, Schwatzen, Essen. Dicht neben uns ein kleiner Tisch mit einem Paar.

Zuerst ist es mir überhaupt nicht aufgefallen, man hört ja auch mehr unbewusst zu und möchte gar nicht wissen, worüber gesprochen wird. Aber man hört eben doch. Und da war etwas, was ich überhaupt nicht kannte, eine total fremde und gleichzeitig auch vertraute Sprache. Allerdings: kein Wort zu erraten, nichts zu verstehen.

Dann wieder sprachen die beiden Deutsch, genauer: badischen Dialekt und zwar absolut fehlerfreies Karlsruherisch, dann, fast übergangslos, ein paar Worte Französisch mit Elsässischem vermischt, doch meist diese total fremde Sprache. Sehr melodisch und sehr unverständlich. Ich hab dann gefragt. Und sie haben mir erzählt, dass sie "Sinti" seien.

Bianca Reinhardt und Klaus Franz. Er 40 Jahre alt, mittelgroß, braungebrannte Haut, würde in der Provence auf keinem Bouleplatz auffallen. Sie eine schlanke, etwa 10 Jahre jüngere Frau mit glatten pechschwarzen Haaren. Beide sehen nicht wie Zigeuner aus, sie sprechen eben nur diese fremde Sprache:

" Eigentlich bin ich überrascht, dass man unsere Sprache doch so wenig kennt. Andersrum wird man gescholten "Zigeuner" – doch kennt man uns recht wenig."

... sagt Klaus Franz. Jedenfalls erkennt man sie heute nicht mehr auf den ersten Blick als Zigeuner. Früher, vor 80 Jahren mag das noch leichter gewesen sein: Man sieht es auf alten Photographien: die Frauen kleideten sich "wie Zigeunerinnen", bunte Röcke mit Volants, Blusen mit Puffärmeln, und wem das immer noch nicht als Zeichen reichte, der merkte es spätestens an den Wohnwagen, die von Pferden gezogen wurden, von Dorf zu Dorf. Die Zigeuner machten Musik, spielten zum Tanz auf, hausierten mit Waren, arbeitete in der Ernte beim Bauern.

Heute sind die meisten der rund 100.000 Zigeuner, die in Deutschland leben, sesshaft. Und schwer zu erkennen. Rund 10.000 leben in Baden-Württemberg. Sie sind selbstverständlich deutsche Staatsbürger, sie fallen kaum noch auf, wenn man nicht geradezu darauf achtet. Klaus Franz betreibt ein mittelgroßes Reinigungsgeschäft mit einer Reihe von Beschäftigten. Er lebt wie jedermann in einer Wohnung.

" Ich bin absolut stolz, dass ich ein Zigeuner bin. Das wird’ ich jedem sagen. Mutter: reinrassige Zigeunerin, Vater: reinrassiger Zigeuner – und da bin ich absolut stolz darauf, gell? Werd ich bleiben bis zu meinem Tod!"

Und sie sprechen viele Sprachen.

" Also: Sinti, Deutsch und Englisch und Französisch – also die Sprache sprechen wir nicht so – mindestens nicht perfekt."

Perfekter jedenfalls als ich. "Sinti – Romanes": das ist ihre Muttersprache, in der sie sich normalerweise untereinander unterhalten. Französisch lernen sie auf den Reisen …

" Meine Eltern sind halt viel rumgereist, wir waren ja ein drei viertel Jahr unterwegs, daher kommt halt dieses Fernweh, Heimweh – und die Sprache lernt man als Kind im Vorüberlaufen."

" Und wenn man dann in der Schule, Kindergarten kommen, dann .. aber das geht eigentlich ruck-zuck bei uns."

Bianca Reinhard wohnt in Karlsruhe bei ihren Eltern und arbeitet seit langem in einem Versandhaus. Beide gehören zur Sippe und Familie der Reinhardts, wobei sie selbst finden, dass die Begriffe verschwimmen. Es gibt heute viele Reinhardts in Baden-Württemberg. Der bekannteste Musiker unter ihnen ist Schnuckenack Reinhardt, heute ein alter Herr weit über 80. Django Reinhardt ist sein Onkel gewesen. Dass Django in Frankreich lebte, Schnuckenack in Deutschland, war reiner Zufall. Die Reinhards lebten immer beiderseits der Grenze, hatten ihren Lebensschwerpunkt jedoch im heutigen Baden-Württemberg.

Musik gehört in der Sippe mit zum Alltagsleben. Wie die Luft zum Atmen. Und ziemlich oft, –so sagen alle- hören sie die Stücke ihres berühmten, in den 50er Jahren verstorbenen Vorfahren in Paris – Django Reinhardt.

Das Stück heißt "Nuages" – "Wolken" und ist eine Aufnahme von Django Reinhardt aus dem Jahr 1940, übrigens eine Eigenkomposition. Angeblich konnte Django Reinhardt keine Noten lesen, die meisten Musiker aus der Sippe Reinhard ebenfalls nicht. Man spielt nach Gehör. Schnukenak Reinhardt auch. Die Kinder der Sippe wuchsen mit Musik auf.

" ...dadurch können wir diese Hausmusik machen. Sicher nicht profimäßig wie Schnukenak Reinhardt, das ist klar, net, ist auch nicht jedem gegeben, wie Django Reinhardt. Das sind Menschen, die alle 100 Jahre mal geboren werden."

Die Mutter von Bianca Reinhardt, erzählt:

" Meine Eltern haben früher auch mit Wohnwagen ..und mein Vater hat ein Auto gehabt, und dann gingen sie auf Geschäfte, da waren wir Kinder noch klein, und da haben sie Musik gemacht. Mein Vater spielte auch Geige, er war auch musikalisch, er spielte Klavier, er hatte Klavier gelernt, wir haben da schon viel erlebt. "

... denn dann, wenn sie unterwegs waren, spielten die Kapellen der Zigeuner, sie lebten ja teilweise von dieser Musik. Sie spielten, was verlangt wurde, alles mögliche: Zigeunermusik oder was das Publikum als Zigeunermusik hören wollte, dazu ein wenig Swing, Jazz, und jede Menge Tanzmusik, alles, was verlangt wurde von den Deutschen. Und manchmal spielten sie auch nur für sich.

" Also auch mit Wallfahrt, zum Beispiel in Ihlingen ist auch eine Zigeunerwallfahrt jedes Jahr, da ist auch sein Vater dann, da spielt er dann, das sind dann Tausende von Zigeunern, wo (die) dann auf dieser Wallfahrt mitgehen. Und das ist sehr schön, dass dann so viele Zigeuner dann zusammenkommen, und da dann die Musik machen – das finde ich schon sehr gut."

Der, von dem hier die Rede war, ist Schnuckenack Reinhard, heute ein sehr alter, zurückgezogen lebender Herr, der Großvater von Bianca Reinhard.

Seine Auftritte in den 70er Jahren waren seinerzeit legendär. Es gab da ein Muster. Meist spielte seine Kapelle zunächst für sich allein. Seine Rhythmusgruppe war allein auf der Bühne, und das hörte sich oft ein wenig lustlos an. Bis er mit seiner Geige dann aus dem Hintergrund der Bühne vortrat, bis an die Rampe, ohne auch nur einen einzigen Blick auf seine Musiker zu werfen oder sich sonst wie mit ihnen zu verständigen - und loslegte.

Schnuckenack heißt "Schöne Nase". Er hat sogar Musik studiert – in Mainz, vor dem Zweiten Weltkrieg. Die Legende will wissen, dass er dennoch keine Noten lesen kann. 1941 wurde er deportiert, in einen Viehwaggon gesperrt, mit seiner Frau und anderen Musikern. Die Fahrt ging nach Auschwitz. Aber er floh im letzten Moment aus dem Zug und überlebte mit seiner Frau und Musikern, indem er ausgerechnet für die SS aufspielte – Er spielte, was die hören wollten, zum Beispiel "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen" und andere Schnulzen der Zeit. Er überlebte. Andere Zigeuner konnten nicht fliehen, mussten ins KZ, meist nach Birkenau, ins Zigeunerlager.

" Meine Mutter war 17, die hat damals in Berlin in der Dresdner Bank gearbeitet, als Botin, und mit 17 ist die damals fortgekommen, über Nacht. Nach Auschwitz. Meine Mutter hat auch keine Jugend gehabt, das Zigeunerzeichen hat sie auf der Hand gehabt, wir Kinder haben die Erzählungen nie glauben können."

Fragt man sie, dann wissen sie gar nicht genau, wie viel Mitglieder der Reinhardt-Sippe damals ermordet wurden. Viele jedenfalls. Amalie Reinhardt, heute 85 Jahre alt, war 1944 14, als man sie, zusammen mit ihren drei jüngeren Geschwistern und anderen Kindern nach Auschwitz brachte. Sie gehörte zu den Versuchskindern von Dr. Mengele im KZ, und hat auch das überlebt.

Und sie hat das Zigeunerlager überlebt und als Zeitzeugin gelegentlich über das Schicksal dieser Kinder und ihrer Geschwister in Auschwitz erzählt:

" Und dann sind wir nach Birkenau gekommen. In Block 16. Und da waren wir Kinder noch 14 Tage zusammen. Und dann haben sie uns getrennt. Die Kinder, die über 14 waren, sind geblieben. Und die Jüngeren kamen in den Kinderblock gekommen. Ich habe dann die Kinder oft besucht. Als ich meine jüngeren Geschwister das letzte Mal sah, da hat mein Schwesterle beim Abschied gesagt: "Du gehst, und wir werden verbrannt."

So geschah es. Die Reinhards heute reden nicht gerne darüber, sie möchten normal leben, wie sie das nennen. Unerkannt. Und wenn man sie dennoch erkennt, als Zigeuner erkennt, was selten vorkommt, dann müssen sie mit Aggressionen rechnen. Jeder hat das schon einmal erlebt, diese "Bemerkungen", diese Kränkungen. Auch Klaus Franz, der Unternehmer aus dem Badischen.,......

" … mein Bruder auch, mein Älterer, da hat’s sogar geheißen, ah, Ihr Zigeuner, ihr seid vergessen worden zu vergasen! Das ging’s schon zur Sache! "

Schlägerei. So etwas lassen sie sich heute nicht mehr gefallen. Allerdings: man geht solchen Auseinandersetzungen aus dem Weg.

Geschätzt wird, dass mehr als die Hälfte der Reinhardts unter den Nazis ermordet wurden. Dabei lebt die Sippe vermutlich bereits seit 600 Jahren in Süddeutschland, vor allem im Rheintal. Meist wohnen sie heute in kleinen Dörfern. Fragt man in den Dörfern nach Zigeunern oder Sinti oder Roma, dann heißt es, hier würden keine Zigeuner leben.
Man kennt sie als Familie Reinhardt, nicht als Zigeuner. Manche heißen auch mit Nachnamen anders, sie möchten unerkannt leben. Aber ob sie auch hier "zu Hause" sind, hier ihre Heimat haben, das steht dahin.

" Also 100%ig kann ich nicht sagen: Hier bin ich zu Hause! "

Sagt Klaus Franz. Und Bianca Reinhardt, die mitten im Zentrum von Karlsruhe in einer Mietwohnung lebt, sagt:

" Also, ein Stück ist es schon Heimat. Man ist hier aufgewachsen, man hat seine Arbeit hier, aber irgendwie zieht’s den Zigeuner hin, wo er sagt, Oh – Manchmal denkt er, er hat seine Heimat bisher noch nicht gefunden. Nicht wahr?"

Und fragt man Anita Eckstein, die Mutter von Bianca Reinhardt, dann sagt sie:

" Also ich finde, Heimat bedeutet, dass wir Zigeuner aus Ungarn stammen, das war die Heimat unserer Vorfahren. Und unsere neue Heimat bedeutet, dass wir in Karlsruhe wohnen, das nennen wir unsere Heimat."

Hier kennt sie sich aus. Aber sie sucht eine andere Wohnung auf dem Land. Frau Eckstein, die von Kind auf in Baden lebt, sieht nun allerdings aus, wie man sich im Allgemeinen eine Zigeunerin vorstellt. Manchmal drehen sich die Menschen nach ihr um, manchmal muß sie bei Bemerkungen weghören, manchmal ist es ihr unangenehm, dass sie die Blicke auf sich zieht. Sie wünscht sich, ...

" … dass wir auch als Sinti mal mehr Rechte hätten, und dass wir das Problem mit den Deutschen nicht hätten, dass sie uns immer so angucken, als ob wir ganz Böses wären! Das sind wir Leut nicht. Wir sind Gute!"

Und ihre Tochter ergänzt:

" Ja, das sind halt die Vorurteile. Zigeuner arbeiten nicht, oder sie stehlen, machen falsche Geschäfte. Aber dass es noch "normale" Zigeuner" gibt, die auch arbeiten, fast schon wie die Deutschen, Selbstständig und alles – das wird nicht so beachtet."

Die Sinti und Roma assimilieren sich. Sie werden wie wir. Ob das ein Vorteil ist, steht dahin. Aber so ganz wollen sie nicht wirklich sesshaft werden. Und das hängt auch ein bisschen damit zusammen, wie sie aufgewachsen sind.

" Wir sind 5 Brüder, und ich bin der Jüngste. Wir hennt (haben) damals schon ne Holzbaracke gehabt, das war kein Wohnwagen. Den haben wir uns so eingerichtet, wie eine Wohnung, so? Also die Jüngste, wir sind Zwillinge, wir sind in einer Wohnung aufgewachsen, die älteren noch im Wohnwagen."

Heute hier, morgen dort, immer auf der Walz oder der Reis’, wie die Sinti im Badischen sagen. Und natürlich hat auch Klaus Franz diesen Wohnwagen noch erlebt, seine Abenteuer, aber auch seine Bedrohungen.

" Grad, wenn man auf der Reis’ waren, wo der Wohnwagen stand, sind unsere Leut schon bös geworden und wurden wir massiv bedroht."

Dennoch: Das geregelte und auch ein wenig langweilige sesshafte Leben schmeckt ihm nicht so sehr, er sieht sich über kurz oder lang wieder auf Reisen, unterwegs.

" Das glaub ich fest. Ich sag es immer wieder meinen Kindern: Ach- diese Wohnungssache da, das ist ja ganz gut! Man hat’s mal gehabt. Man weiß, wie es ist. – Je älter man wird, je schlimmer wird’s! "

Die Sehnsucht nach der Ferne.

" Wo ich jung war – nicht. Aber je älter ich werde, sehn ich mich wieder danach, im Wohnwagen zu sein. Wie mans zu sagen pflegt: Dem Zigeuner zieht’s am Feuer wieder. Je älter er wird, er will den ganzen Trubel und den ganzen Kommerz und den ganzen Modernität entfliehen, irgendwie. Und das wird bei mir immer schlimmer."

Allerdings, die Bedingungen haben sich geändert. Man kann nicht mehr mit Pferd und Wagen losziehen und fast umsonst aus dem Land leben. Man braucht Auto und Wohnwagen, über die ein strenger TÜV wacht. Mancher muß dann halt verzichten. Biancas Vater beispielsweise.

" Also, die Zigeuner, die wollen wandern. Aber ich hab die Möglichkeit nicht, ich hab ja keinen Führerschein."

Also bleibt er in Karlsruhe, träumt abends aus seinem Fenster und hört die Musik seines berühmten Onkels von einer CD.

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