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Studio 9 | Beitrag vom 09.09.2018

„Ihr könnt mich umbringen“Folge 1: Der Mordversuch

Von Nathalie Nad-Abonji und Alexander Krützfeldt

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Heizkörper mit Bettlaken (Anselm Magnus Hirschhäuser)
In einer Nacht im Sommer '89 knoten die Jungen ein Bettlaken an der Heizung fest. (Anselm Magnus Hirschhäuser)

Sommer 1989, wenige Monate vor dem Mauerfall. Vier Jugendliche wollen aus dem schlimmsten DDR-Erziehungsheim fliehen. Dafür schmieden sie einen ungeheuerlichen Plan. Die Geschichte einer Verzweiflungstat.

"Dann haben wir ihm diese Schlinge umgelegt und er ist kreidebleich geworden. Ich weiß noch, ich habe weggeguckt und habe gezogen. Man schaut aber ab und zu mal hin. Dann sieht man dieses kreidebleiche Gesicht und die verdrehten Augen und dann habe ich mich erschrocken und habe losgelassen – erschrocken und losgelassen."

Das ist Marko. Einer der vier Jugendlichen, die aus dem brutalsten Erziehungsheim der DDR fliehen wollen: dem Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau. Bis heute verfolgt ihn diese eine Nacht im Sommer 1989, als er fast zum Mörder wurde.

Durch Zufall stoße ich während einer Recherche über Kinderheime in der DDR auf den einzigen Zeitungsartikel, der zu diesem Fluchtversuch existiert. Er trägt die Überschrift: "Wer hat Schuld, wenn Kinder morden?". Eine Frage, die auch mich und meinen Kollegen Alex nicht mehr loslässt.

Der Geschlossene Jugendwerkhof war von vier Meter hohen Mauern umgeben (Archiv DIZ Torgau)Außenansicht des Jugendwerkhofs 1978 (Archiv DIZ Torgau)

Vier 16-Jährige wollen damals fliehen und sind bereit, dafür einen fünften zu ermorden. Was spielt sich damals ab im Jugendwerkhof Torgau? Welchen Schikanen sind die Jugendlichen ausgesetzt, dass solche Pläne in ihnen reifen? Vielleicht kann Marko uns diese Fragen heute als erwachsener Mann beantworten. Vor vier Jahren meldet er sich bei Gabriele Beyler, die ehemaligen DDR-Heimkindern bei der Aufarbeitung ihrer Vergangenheit hilft. Es ist auch ihr Verdienst, dass der einstige Jugendwerkhof heute eine Gedenkstätte ist. 

"Dieser Fall zeigt einfach in seiner extremen Form wie weit dieser Jugendwerkhof Torgau diese Jugendlichen gebracht hat. Nämlich soweit, dass Jugendliche bereit sind einen Mord zu begehen. Mit dem Wissen, ich komme danach in den Knast, aber dort geht es mir besser als hier. Und andere soweit bringt, dass sie nicht mehr weiterleben wollen, dass sie sich das Leben nehmen, dass der Lebenswille gebrochen wird."

DDR-Umerziehungsheim Torgau

Auf der Suche nach Paul 

Damit meint sie den Jungen, dem Marko in dieser Nacht die Schlinge um den Hals legt. Paul. Gabriele Beyler sucht Paul nach der Wende.

"Wir wissen echt nicht, was mit ihm passiert ist. Es ist anzunehmen, dass er in eine psychiatrische Klinik gekommen ist. Aber man kann es wirklich nicht sagen. Der Weg verliert sich."

Jetzt wollen mein Kollege und ich Paul finden. Und neben Marko, der von Anfang an bereit ist mit uns zu sprechen, möglichst noch einen weiteren aus der Gruppe. 

Unsere Recherche beginnt in der Gedenkstätte des Geschlossenen Jugendwerkhofs im Büro von Gabriele Beyler. 2002 meldet sich der Erste aus der Gruppe bei ihr. Tom. Er ist damals 32 Jahre alt.

"Wir hatten dann auch die Möglichkeit, mit ihm ein Interview zu machen in der Justizvollzugsanstalt." Gegen Ende des Interviews kommt Beyler auf den Fluchtversuch zu sprechen.

Gruppenbereich mit Einzelarrestzellen im Jugendwerkhof Torgau (Archiv DIZ Torgau)Gruppenbereich mit Einzelarrestzellen (Archiv DIZ Torgau)

"Wenn Sie auf die Idee gekommen sind, das ganze Ding so aufzuziehen, den einen Jugendlichen zu ..." Tom: "Zu töten. Weil sonst kommt da keiner rein."

Tom meint die Erzieher, die nachts regelmäßig durch den Spion der Zellentür in den Schlafraum linsen und nur im Ausnahmefall die Tür öffnen. Ein Toter wäre eine solche Ausnahme, hoffen die Jugendlichen.

"Dann habe ich gesagt, da muss einer daliegen wie tot. Und dann nehmen wir noch einen Handfeger mit hinein. Wenn der aufschließt, dann schlagen wir ihn nieder."

Vier Meter hohe Mauern

Dann könnten sie dem Erzieher die Schlüssel wegnehmen und fliehen - ein naiver Plan. Das Heim ist von vier Meter hohen Mauern umgeben. Zusätzlich Stacheldraht und einbetonierte Glasscherben.

Paul meldet sich freiwillig. Er ist 16 Jahre alt. Er will nicht nur daliegen wie tot, er will sterben.

"Und er hat dann gesagt, ihr könnt mich umbringen. Ich will sowieso nicht mehr leben."

"Ihr könnt' mich umbringen." Was für ein Satz! Von einem, der sein ganzes Leben noch vor sich hat! Wie ernst meint Paul das damals? Tom könnte die Frage beantworten, aber seit dem Interview vor 16 Jahren ist er abgetaucht, unauffindbar. Obwohl Gabriele Beyler versucht, Kontakt zu halten und mehrmals zu Tom nach Hause fährt, wo sie aber vor verschlossener Tür steht und einem Briefkasten, der überquillt.

Marko, unser bisher einziger Zeuge, weiß auch nichts über Tom. Pauls Wunsch zu sterben, erklärt er sich so:

"Es gab in jeder Gruppe sicherlich einen, der das Pensum nicht geschafft hat. Der das körperlich auch nicht auf die Reihe bekommen hat."

Er meint, in seiner Gruppe ist es damals Paul, der ganz unten steht in der Heim-Hierarchie.

"Er wollte wirklich sterben"

"Er war zu zierlich gebaut und im Kopf nicht genug stark, das durchzustehen. Er war so verzweifelt. Und in seinen Worten hat man auch schon einen flehenden Unterton gehört. Er wollte das wirklich. Das war für mich die Entschuldigung, so habe ich mich durchringen können. Sonst hätte ich das gar nicht hinbekommen."

Schuhe ohne Schnürsenkel (Anselm Magnus Hirschhäuser)Paul bittet darum, ihm die Hände mit Schnürsenkeln zusammenzubinden (Anselm Magnus Hirschhäuser)

In dieser Nacht im Sommer '89 knoten die Jungen ein Bettlaken an der Heizung fest. Paul kniet auf dem Boden und bittet sogar darum, ihm die Hände mit Schnürsenkeln zusammenzubinden, damit er sich nicht mehr aus der Schlinge befreien kann. Immer wieder ziehen die Jungs die Schlinge fest, bis Paul bewusstlos ist. Dann tätscheln sie ihn wieder wach und starten kurz darauf einen neuen Versuch.                   

Einige Stunden später lebt Paul immer noch. Irgendwann legen sich die Jugendlichen in ihre Doppelstockbetten mit dem Vorsatz, das Ganze in der nächsten Nacht zu wiederholen.

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