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Konzert / Archiv | Beitrag vom 11.03.2021

Igor Levit und Paavo Järvi bei den Berliner PhilharmonikernZwischen Wien und Moskau

Moderation: Olaf Wilhelmer

Igor Levit schaut am Flügel sitzend verschmitzt zur Seite. (imago images / Future Image)
Streitbar und unterhaltsam, ein hingebungsvoller Beethoven-Interpret: der Pianist Igor Levit. (imago images / Future Image)

Das Beethoven-Jahr ist vorbei, es lebe Beethoven! Igor Levit spielt das Fünfte Klavierkonzert mit den Berliner Philharmonikern unter Paavo Järvi. Mit Prokofjews Sechster Sinfonie folgt eine Rarität, die zutiefst von Beethoven beeinflusst ist.

Die Berliner Philharmoniker nehmen am Pilotprojekt zur Öffnung der Kultureinrichtungen in der Hauptstadt teil und setzen gleichzeitig ihre Konzerte im leeren Saal fort. Paavo Järvi und Igor Levit sind mit Werken von Beethoven und Prokofjew zu Gast – das Konzert fand am 6. März 2021 in der Berliner Philharmonie ohne Publikum, aber vor Kameras und Mikrofonen statt.

Mit seinen Beethoven-Interpretationen erregte er Aufsehen, nun trat Igor Levit erstmals in diesem Rahmen auf. Bereits 2015 hatte er mit den Berliner Philharmonikern musiziert, allerdings bei den Osterfestspielen in Baden-Baden, daher handelte es sich hier um das offizielle Hausdebüt – wenn auch vor leeren Rängen.

Im Schatten Napoleons

Eines der Klavierkonzerte Beethovens ist für diesen Anlass sozusagen Pflicht: Levit und Järvi haben sich für das Fünfte entschieden, das mit seinem glanzvollen Es-Dur auch eine harmonische Brücke zum zweiten Programmteil schlägt. Dort steht die selten gespielte Sechste Sinfonie von Sergej Prokofjew auf dem Programm – ein Werk in der für Sinfonien ebenfalls seltenen Tonart es-Moll. Prokofjew nahm sich für seine Komposition Beethoven zum Vorbild.

Zwischen beiden Werken liegen rund 130 Jahre, aber beide sind Nachkriegskunst, beide versuchen auf ihre Weise, mit dem problematischen Begriff des Heldentums klarzukommen: Beethoven als Zeitgenosse Napoleons, Prokofjew als Zeitzeuge des Zweiten Weltkriegs und als Künstler, der sich in seiner Oper "Krieg und Frieden" mit Napoleons Russlandfeldzug aus russischer Perspektive beschäftigt hatte.

Im Schatten Stalins

Das geschah nicht mit Billigung der stalinistischen Kulturpolitik: In den späten 1940er Jahren wurden Prokofjews Oper und die parallel entstandene Sechste Sinfonie mit wahllos konstruierten Vorwürfen verfemt – nicht nur die monumentale Oper, sondern auch die konzise gebaute, dreisätzige Sinfonie haben sich davon bis heute nicht so recht erholt; sie sind am Rand des Repertoires zu finden.

Ein Mann sitzt mit verschränkten Armen auf einem bequemen, großen, modernen Sessel, der durch eine Tür hindurch fotografiert ist. (imago images / Scanpix)Seltener Moment: Paavo Järvi ist ein rastlos suchender Dirigent, der es seinem Publikum und sich selbst nicht bequem macht. (imago images / Scanpix)

Mit Paavo Järvi steht ein universalistischer Dirigent am Pult der Berliner Philharmoniker, der mit seiner Familie aus dem einst sowjetischen Estland in die USA emigrierte. Er hat nicht nur einen Blick für die formale Raffinesse, sondern auch ein Ohr für die Zwischentöne dieser Musik.

Und er hat mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen bewiesen, dass auch jenseits der Alte-Musik-Szene ein aufregend anderer Beethoven-Klang möglich ist. In Igor Levit hat Paavo Järvi einen Pianisten an seiner Seite, der sich nicht nur im abgelaufenen Jubiläumsjahr als leidenschaftlicher Beethoven-Interpret erwiesen hat.

Aufzeichnung vom 6. März 2021 in der Philharmonie Berlin

Ludwig van Beethoven
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 5 Es-Dur op. 73

Sergej Prokofjew
Sinfonie Nr. 6 es-Moll op. 111

Igor Levit, Klavier
Berliner Philharmoniker
Leitung: Paavo Järvi

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