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Tonart | Beitrag vom 25.09.2020

Idles: "Ultra Mono"Verletzliche Punks im Klassenkampf

Von Christine Franz

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Die Musiker der britischen Band Idles stehen vor einer Theke. (Tom Ham/Partisan)
Britische Band Idles: Ordentlich aufgereiht, aber im Bauch steckt viel Wut. (Tom Ham/Partisan)

Brexit, Rassismus, Nationalismus, der Riss durch die Gesellschaft: Bei der britischen Band Idles hat sich Wut angestaut. Die lassen sie raus auf ihrem neuen Album "Ultra Mono". Auch für nachdenkliche Töne über psychische Probleme war noch Platz.

Scheiß auf Nationalismus! Scheiß auf Rassismus! Scheiß auf Brexit!  So in etwa kann man das neue Idles-Album "Ultra Mono" zusammenfassen. Ein wütendes Album zur Zeit, ein Brexit-Aufschrei, eine Abrechnung mit Großbritannien. Aber auch eine Selbstheilung, wie Sänger Joe Talbot über eine wackelige Handyverbindung erklärt: "Das Persönliche ist immer auch politisch. Wie du dich fühlst, wovor du Angst hast und wie du liebst, all das beeinflusst auch, wen du wählst, wo du deine Milch kaufst und wie du mit den Leuten interagierst", sagt er.

"Mir geht es darum, die Leute durch die Musik zusammenzubringen. Zum Beispiel dadurch, dass ich offen über meine Gefühle spreche und verletzlich bin. Auf dem Album geht es auch um Selbsterfahrung und darum, sich selbst zu akzeptieren, an sich zu glauben."

Wucht und Dringlichkeit

Aber nicht nur das. Es geht vor allem um das große Ganze. Um Klassenunterschiede, falsche Empire-Träume und neuen gefährlichen, neuen englischen Patriotismus. Viele der Texte entstanden kurz nach der Wahl von Boris Johnson zum britischen Premierminister. Es hat sich also einiges angestaut bei Joe Talbot und seiner Band. Und das hat auf diesem dritten Album eine Wucht und Dringlichkeit, der man sich kaum entziehen kann. Es bleibt kaum Zeit zum Atmen. Bestes Beispiel: "Modell Village".

"In den letzten zehn Jahren ist uns in England der Gemeinschaftssinn abhandengekommen. Es wird nur noch von der 'Nation' und nicht mehr von einer 'Community' gesprochen. Dabei wird in einer Gemeinschaft der Einzelne als Teil der Gruppe akzeptiert. Unterschiede werden zelebriert. Sie machen die gemeinsame Stärke aus. Nationalismus verbreitet sich dagegen, wenn die Leute Angst um ihre Zukunft haben", sagt Joe Talbot.

"Es geht nur noch um Grenzen und Abgrenzung, um ‚uns und die anderen‘. Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Homophobie, all diese reaktionären rechten Bewegungen kommen auf, wenn Wirtschaftssysteme zusammenbrechen. Großbritannien ist traurigerweise gerade ein Paradebeispiel dafür, wie man aus der Angst der Menschen Kapital schlägt."

Neue Klassenkampfhelden

Zu Hause in England werden Idles gerade gefeiert als neue Klassenkampfhelden. Aber auch für ihre Texte über toxische Männlichkeit, psychische Probleme und männliche Verletzlichkeit. Das hört man so selten im Punk. Ihre ersten beiden Alben landeten weit oben in den Charts. Es folgten ausverkaufte Touren und die Nominierung für den wichtigen Mercury Prize.

Den Hype händelten Idles mit einer sympathischen Nachdenklichkeit. Das gefiel nicht jedem: Musikerkollegen wie Sleaford Mods und die Fat White Family stichelten: Idles schmückten sich mit einem gefakten Working Class Image. Aber die Diskussion um die wahre Klassenzugehörigkeit von Bands ist natürlich so alt wie das britische Musikbusiness selbst. Joe Talbot bleibt da ganz diplomatisch.

So würden The Clash heute klingen

"Kritik ist immer willkommen. Denn sie zeigt, dass man für seine Meinung ernst genommen und zur Rechenschaft gezogen wird. In einer Demokratie muss das erlaubt sein. Aber was mir nicht gefällt ist diese Art der 'Cancel Culture'. Musiker, Künstler und Politiker, deren Meinung einem nicht passt, werden angegriffen. Das ist gefährlich", sagt der Sänger.

"Ich höre mir Kritik natürlich an, aber ich lasse mir nicht verbieten, meine Meinung zu äußern oder Musik zu machen. Es geht hier schließlich um Musik, nicht um eine Wissenschaft. Es ist auch keine Politik, sondern eine Kunstform. Wenn es dir nicht gefällt, hör halt was anderes. Oder mach eine bessere Platte. So streitet man mit den Idles. Nicht auf Twitter."

Twitter-Rants sind schnell gepostet. Das mit der "besseren" Platte dürfte dagegen ein bisschen schwieriger werden. Denn Idles haben mit "Ultra Mono" nicht weniger als eines der besten britischen Punk-Alben der letzten Jahre gemacht. So würde das Brexit-Album von The Clash klingen.

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