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Religionen / Archiv | Beitrag vom 18.06.2011

Identitätssuche in einer christlich geprägten Gesellschaft

Religiöse Vorbilder von jungen Muslimen in Deutschland

Von Jan Kuhlmann

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Die Berliner Sehitlik-Moschee. (picture-alliance / Klaus-Dietmar Gabbert)
Die Berliner Sehitlik-Moschee. (picture-alliance / Klaus-Dietmar Gabbert)

Muslimische Jugendliche haben nicht genügend religiöse Vorbilder in Deutschland, denn die Imame in den Moscheen kommen in der Regel aus dem Ausland und kennen das Leben hier nicht. An wem orientieren sich junge Muslime?

Eine Moschee im vierten Stock eines früheren Fabrikgebäudes in Berlin-Wedding. Rund 30 Jugendliche haben sich zum Abendgebet auf dem Teppichboden niedergelassen. So beginnen sie jeden Donnerstag ihren Islam-Unterricht. Nach dem Gebet sitzen sie im Halbkreis um einen jungen Mann mit Vollbart, der im Schneidersitz vor einem Koran hockt und predigt. Er heißt Ferid Heider und ist 31 Jahre alt. Unter Jugendlichen vor allem in Berlin hat der junge Imam viele Anhänger. Auch die 17 Jahre alte Gymnasiastin S. B.* hört ihm jeden Donnerstag zu:

"Er ist jetzt eigentlich nicht einer, der Geschichten erzählt oder einfach nur so zum Spaß jetzt irgendwie uns zum Entertainen da ist, aber es ist mir in dem Sinn wichtig, weil ich einfach sehe, wie seine Meinung bezüglich der Religion ist oder was seine Überzeugung ist, wie er es verstanden hat, seine Interpretation. Ich glaub, das ist mir wichtig, zu sehen, was seine Meinung ist und mir dann halt natürlich auch selber eine Meinung zu machen."

Wie S.* verpasst auch der 18 Jahre alte Abiturient Osamah Al-Doaiss nur selten eine Koranstunde mit Ferid Heider:

"Wenn ich hier sitze, sind um mich herum meine Brüder und meine Schwestern, und es ist für mich eine gewisse Erfüllung, weil sie gehören zu meiner Familie. Und wir lernen voneinander. Da ist keiner über dem anderen, weil jeder hat sein eigenes Talent, seinen eigenen Bereich, in dem er sehr gut ist. Und daher lernt man voneinander. Man geht sehr brüderlich miteinander um, geschwisterlich. Dadurch sind diese Kreise etwas sehr Besonderes, und, na ja, ich freu mich immer wieder auf den Donnerstag, also, ich kann's immer kaum erwarten."

Ferid Heider ist selbst in Berlin aufgewachsen und kennt die Probleme seiner Zuhörer sehr genau. Die jungen Muslime achten ihn auch deshalb, weil er als Jugendlicher selbst schwierige Zeiten durchmachte. Er rauchte Haschisch, hing auf der Straße rum und brach nach der zehnten Klasse die Schule ab. Erst als ihn sein irakischer Vater nach Kairo schickte, wandelte er sich zu einem frommen Muslim. Nach einem Islam-Studium tritt er nun regelmäßig in vier Berliner Moscheen auf.

Ferid Heider warnt in seinen Vorträgen vor Drogen, Gewalt und Kriminalität. Immer wieder spricht er über Probleme von Jugendlichen mit ihren Eltern oder über Konflikte von Muslimen in einer christlich geprägten Gesellschaft. Das stößt bei seinen Zuhörern, die auf der Suche nach einer Identität sind, auf offene Ohren. In seinem Unterricht wolle er sie zu besseren Menschen machen, sagt Heider. Das bedeutet für ihn:

"Ich sollte in meinem Verhalten vorbildlich sein. Das heißt mit anderen Worten: nicht lügen, nicht stehlen, keinem Menschen Leid zufügen, keinen Menschen beschimpfen, keinen Menschen kränken, nicht über andere Menschen lästern, nicht andere Menschen verspotten. Ich sollte ehrlich immer im Umgang sein, selbst mit Behörden. Also, im Endeffekt sollte ich ein Mensch sein, zu dem man sagen kann oder zu dem man in dieser Gesellschaft sagen würde: Das ist ein aufrichtiger Bürger unseres Landes."

Ferid Heider ist auch für Berliner Behörden Gesprächspartner, wenn es darum geht, Muslime besser zu integrieren. Als sein eigenes Vorbild nennt Heider den Schweizer Tarik Ramadan. Der ist so etwas wie der Star unter den Islamgelehrten Europas. Egal ob die Schweiz, Frankreich, Deutschland oder Großbritannien: Überall bewundern junge Muslime den 48-Jährigen, für die er die wichtigste Stimme eines Euro-Islams ist.

Ramadans Bücher sind Bestseller, seine Auftritte regelmäßig gut besucht. Wie Heider predigt er den jungen Muslimen, im christlich geprägten Europa selbstbewusst aufzutreten und sich einzumischen. Das gefällt auch dem Abiturienten Osamah al-Doaiss:

"Er sagt mir einfach, dass ich als Muslim mich nicht abkapseln soll von der Gesellschaft, dass ich mich in die Gesellschaft einbringen muss, dass ich Kontakt zu den Menschen suche, dass ich meine Identität finde, dass ich mich als Europäer fühle. Und da gebe ich ihm komplett recht, weil das muss ich fühlen, ich muss erst mal von der Gesellschaft akzeptiert werden, bevor ich etwas in der Gesellschaft ändern kann."

Die Gesellschaft verändern: Das ist das Stichwort für Kritiker. Sie sehen Ramadan und auch Heider unter dem Einfluss der Muslimbrüder und warnen vor einer Islamisierung Europas. Als Beweis dient ihnen unter anderem, dass Ramadans Großvater Hassan al-Banna einst die Muslimbrüder gründete. Ramadan und Heider legen den Islam konservativ-orthodox aus. Bei Heiders Vorträgen etwa sitzen die Jungen getrennt von den Mädchen, von denen die meisten Kopftuch tragen.

Heider muss sich vorhalten lassen, er habe Kontakt zu radikalen Geistlichen – etwa zu den Salafisten. Diese Gruppe predigt einen ultrafrommen und buchstabengetreuen Islam, erklärt Claudia Dantschke vom Berliner Zentrum Demokratische Kultur. Sie arbeitet seit Jahren mit jungen Muslimen. Heider sei gut mit den Salafiten vernetzt, sagt Dantschke:

"Also er ist wie ne Art Zwischenperson, die also beide Szenen letztendlich irgendwie miteinander verbindet. Und das führt natürlich dazu, dass es bis weit in die nicht-salafitischen, eher muslimbrudermäßigen und dann gemäßigteren Kreise hinein dieser salafitischen Szene sozusagen Akzeptanz verschafft, in Grunde genommen dieser Szene auch das Milieu öffnet. Ich hab da ein ganz großes Problem mit Ferid Heider in der Beziehung."

Bekanntester und berüchtigster Vertreter der Salafiten in Deutschland ist der Konvertit und frühere Boxer Pierre Vogel, der die Jugendlichen vor allem über das Internet erreicht. Auch seinen Namen hört man immer wieder, wenn man junge Muslime nach ihren Vorbildern fragt. Vogel wolle die Muslime abgrenzen und behindere so ihre Integration, warnt Claudia Dantschke:

"Das heißt, alles was quasi nicht aus der eigenen Islam-Interpretation her abgeleitet werden kann als legitim, wird abgelehnt. Das heißt, wenn jemand Geburtstag feiert oder wenn die Nachbarn Weihnachten oder Silvester feiern, dann darf also nicht mal mehr gratuliert werden. Oder wenn Wahlen stattfinden, was ja also für die Integration wichtig ist – Wahlen sind aber Teil eines demokratischen Systems. Das wird abgelehnt. Hier unterscheiden sich dann wieder die Gruppen Muslimbruderschaft und Salafiten."

Auch Pierre Vogel trifft den Ton der Jugendlichen, denn der erst 32 Jahre alte Sohn deutscher Eltern kennt ihre Welt sehr genau. Ausländische Imame aus der Türkei oder Ägypten in den Moscheen haben dagegen oft nicht einmal Deutsch gelernt. Ihnen sind die Probleme der Jugendlichen fremd - umso leichter erreicht da Pierre Vogel sein Publikum. Der Verfassungsschutz beobachtet ihn seit längerem, weil er als Scharfmacher gilt. Ferid Heider möchte über Vogel nicht sprechen. Aber auch er sieht eine Gefahr der Radikalisierung Jugendlicher durch bestimmte Gruppen. Sie würden dem Islam schaden, wenn auch ungewollt:

"Häufig ist das so, dass sie glauben, dass sie Gutes tun, aber nicht diese Weitsicht haben und auch nicht erkennen, dass viele Leute, die ihre Vorträge hören, sie vielleicht ganz anders aufnehmen, als sie es vielleicht gemeint haben."

Den Kontakt zu radikaleren Gruppen will Heider trotz aller Kritik nicht abbrechen. Andere Muslime müssten ihnen vielmehr klar machen, welche Gefahr von ihren Predigten ausgehe. Seine Kritiker wird er damit kaum besänftigen. Das aber sei ihm mittlerweile egal geworden, sagt Ferid Heider. Und außerdem: Er habe nichts davon, als moderat zu gelten – dann aber bei seinen Islam-Vorträgen die Jugendlichen nicht mehr zu erreichen.

*Name der Redaktion bekannt

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