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Wortwechsel | Beitrag vom 12.03.2021

Identitätspolitik und DebattenkulturWer redet wie über wen?

Moderation: Birgit Kolkmann

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Illustration: Menschen gehen auf verschiedenen Sprechblasen. (Imago / Ikon Images / Gary Waters)
Wolfgang Thierse sorgt sich, dass die Gesprächskultur Schaden nimmt, wenn einzelne Gruppen ihre eigene Betroffenheit zu stark betonten. Er warnt vor einem Auseinanderdriften der Gesellschaft. (Imago / Ikon Images / Gary Waters)

Bedroht linke Identitätspolitik unser Gemeinwesen? Der SPD-Politiker Wolfgang Thierse hat darüber eine heftige Debatte angestoßen. Es geht um Sichtbarkeit, Sensibilität und Selbstbestimmung. Beim Reden über sich selbst und andere. Und beim Zuhören.

Eignen sich weiße Menschen, die Dreadlocks tragen, eine fremde Kultur an? Und ist das illegitim? Kann ein Gedicht der afroamerikanischen Lyrikerin Amanda Gorman von einer Weißen angemessen übersetzt werden? Hat eine Person, die sich keinem bestimmten Geschlecht zugehörig fühlt, ein Anrecht darauf, entsprechend angeredet zu werden? Um solche Fragen dreht sich der Diskurs über Identitätspolitik.

Der ehemalige Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) sorgt sich, dass unsere Gesprächskultur Schaden nimmt, wenn einzelne Gruppen ihre eigene Betroffenheit zu stark betonten. Damit hat er Zuspruch geerntet und heftigen Widerstand, auch aus der eigenen Partei. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler sieht dahinter einen strategischen Zwist innerhalb der SPD darüber, ob man mit Identitätspolitik Wählerstimmen gewinnen könne.

Jedenfalls herrscht Konsens, dasss gerade Minderheiten, die Diskriminierung erfahren, ein Anrecht auf Respekt haben. Und diesen Respekt vermisst Markus Ulrich vom Lesben- und Schwulenverband Deutschland, wenn Thierse sagt, er spreche für die normalen Menschen. Er sei es leid, als unnormal betitelt zu werden, so Ulrich. Auch wer für die vermeintliche Mehrheit zu sprechen glaubt, habe eine partikulare Perspektive.

Wer hat die Deutungshoheit?

Aber bedeutet dies, dass etwa die Deutungshoheit darüber, was rassistisch ist und was nicht, allein bei people of colour liegt? Muss man einer bestimmten Gruppe angehören, um über die Belange dieser Gruppe reden zu dürfen? Jedenfalls müssten sich in diesem Diskurs Angehörige privilegierter Gruppen ihrer Privilegien bewusst sein, gibt die Grünen-Politikerin Filiz Polat zu bedenken. 

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Kritiker wie Thierse sehen das Gemeinwesen in Gefahr, warnen vor einem Auseinanderdriften der Gesellschaft in immer mehr Subkulturen, in Tribalismus.

Sichtbar zu sein in ihrer Besonderheit sei gerade für Minderheiten essenziell, halten etwa Angehörige der LGBTIQ-Community dagegen. Und was für sie im öffentlichen Diskurs verletzend sei, könnten Betroffene besser beurteilen als Außenstehende. Auch der Hinweis auf Verletzungen gehöre in den öffentlichen Diskurs, sagt Meron Mendel von der Bildungsstätte Anne Frank. Dies müsse die gesellschaftliche Mehrheit akzeptieren.

Identitäten, Ausgrenzung oder Inklusion, kulturelle Aneignung und Cancel Culture – die Debatte darüber ist hochemotional. Es geht um Interessen und Gefühle. Und es geht um Gerechtigkeit.

Darüber diskutieren:

Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank
Herfried Münkler, Politikwissenschaftler an der Humboldt-Universität zu Berlin
Filiz Polat, Sprecherin für Migrations- und Integrationspolitik der Bundestagsfraktion von Bündnis90/Die Grünen
Markus Ulrich, Sprecher des Lesben- und Schwulenverbands Deutschland (LSVD)

(pag)

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